Sisslerfeld

Ein Querdenker fordert den Abbruch der Übung - wenn auch nicht der ganzen

Will den Sisslerfeld-Dampfer stoppen: Herbert Brogle (im Bild auf einer Jolle auf einem Spielplatz in Frick) will, dass das Industrieland nicht ganz überbaut wird. twe

Will den Sisslerfeld-Dampfer stoppen: Herbert Brogle (im Bild auf einer Jolle auf einem Spielplatz in Frick) will, dass das Industrieland nicht ganz überbaut wird. twe

Im Sisslerfeld ist ein «Life Sciences»-Campus geplant – Querdenker Herbert Brogle ruft zum Entern auf. «Wir verbauen uns sonst die Zukunft», sagt er.

Der Sisslerfeld-Dampfer tuckert gemächlich in Richtung «Life Sciences»-Hafen. Auf der grössten noch unbebauten, zusammenhängenden Industriefläche des Kantons sollen dereinst bis zu 3000 Arbeitsplätze entstehen.

Das knapp 300'000 Quadratmeter grosse Areal bietet «Raum für Innovationen», wie es in der vor wenigen Wochen lancierten Vermarktungsbroschüre heisst. Ziel ist, hier Firmen anzusiedeln, die mit den bestehenden Pharma-, Biotechnologie- und Chemiefirmen interagieren.

Von heute auf heute ist dies nicht zu haben. Zum einen braucht es Firmen, die zum bestehenden «Life Sciences»-Cluster passen. Zum anderen sind mehrere Grundeigentümer und Gemeinden involviert, was die Arealentwicklung nicht einfacher macht. «Der Verkauf wird Zeit brauchen», sagte Sabina Erny, Projektleiterin Standortentwicklung bei Aargau Services. Es gebe derzeit noch keine konkrete Ansiedlung, erklärte Erny gestern Montag.

Steuer hart Backbord

Dafür gibt es einen, der auf seiner Jolle vor dem Dampfer kreuzt und ihn so zum Stoppen zwingen will: Herbert Brogle, 58, Kaufmann, Weltenbummler und Querdenker.

In einem dreieinhalbminütigen Video fordert der gebürtige Sissler, der heute in Münchwilen lebt, auf Facebook den Abbruch der Übung. Nicht der ganzen – das südliche, rund 212'500 Quadratmeter umfassende Areal könne man ruhig überbauen, «das macht Sinn».

Doch die beiden 49'500 und 35'200 Quadratmeter grossen Industrieflächen im Norden, also jene an der Kantonsstrasse zwischen Stein und Sisseln, dürfe man nicht preisgeben. «Wir verbauen uns sonst die Zukunft.»

Unter anderem mit diesem Video tut Herbert Brogle seine Meinung zum Sisslerfeld auf Facebook kund.

Unter anderem mit diesem Video tut Herbert Brogle seine Meinung zum Sisslerfeld auf Facebook kund.

Was Brogle vorschwebt, ist eine Fusion der vier Sisslerfeld-Gemeinden Eiken, Münchwilen, Sisseln und Stein. Er ist sich bewusst, dass dieser Gedanke in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine Chance hat. «Dafür sind die gegenseitigen Animositäten einfach noch zu gross.»

Aber wer wisse, was in 15 oder 20 Jahren sei? Sollte eine Fusion dann klappen, was Brogle hofft, dann brauche es das Sisslerfeld. Nicht als Industrieland, sondern «als Mittelpunkt der zukünftigen Gemeinde». Hier könnte, quasi auf der grünen Wiese, ein neues Zentrum mit Gemeindehaus, Post, Bank und Läden gebaut und so dem Trend zu «alles schliesst» entgegengewirkt werden.

Die blauen Flächen sind ab sofort, die braune ist ab 2020 verfügbar.

Die blauen Flächen sind ab sofort, die braune ist ab 2020 verfügbar.

«Die Raiffeisenbank in Sisseln schliesst Ende Juni, der Bankplatz in Stein ist stark ausgedünnt und die Frage, ob die Bankfiliale in Eiken in zehn Jahren noch besteht, kann heute niemand ehrlich beantworten.» Gefährdet sieht Brogle, der lange als Werber im Fricktal arbeitete und heute eine eigene Handelsfirma besitzt, auch die Detaillisten in Sisseln und Eiken.

Über Nasenspitze hinausdenken

Für Brogle zeichnet einen guten Politiker aus, dass er über die eigene Nasenspitze – sprich: über seine Amtszeit hinausdenkt. «Wenn man heute nicht gewillt ist, eine Fusion zu prüfen, so sollte man die Landflächen zumindest so lange freihalten, bis die Frage geklärt ist.»

Das Argument «Arbeitsplätze» lässt der Unternehmer nicht gelten. «Natürlich gibt es so einige Arbeitsplätze weniger», räumt er ein. Doch zum einen dürften die «Life Sciences»-Arbeitsplätze zu einem guten Teil mit Baslern, Franzosen und Süddeutschen besetzt werden «und dem Fricktal so wenig Wertschöpfung bringen».

Zum anderen sei auch nicht klar, ob die heutigen Protagonisten Novartis, DSM, Syngenta und BASF in 20 Jahren noch im Sisslerfeld seien. «Der Markt ist schnelllebig. Das hat eben erst der Verkauf von Syngenta an ChemChina gezeigt.»

Brogle wehrt sich entschieden dagegen, mit seinem Gedankenexperiment ein Verhinderer zu sein. «Im Gegenteil: Ich bin ein Ermöglicher.» Wobei er sich bewusst ist: Viele neue Freunde wird er sich mit seinem Störmanöver à la Greenpeace nicht machen. «Aber manchmal braucht es solche Luftblasen, um zum Nachdenken anzuregen.» Und es hat blubb gemacht.

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