Kaiseraugst

Ein neuer Turm für 180 Einwohner – nicht alle sind einverstanden

Visualisierung: Auf dem bestehenden Liebrüti-Zentrum soll ein Turm mit 108 Wohnungen entstehen.

Visualisierung: Auf dem bestehenden Liebrüti-Zentrum soll ein Turm mit 108 Wohnungen entstehen.

108 Wohnungen, 180 neue Einwohner – nicht alle sind mit den Liebrüti-Plänen in Kaiseraugst einverstanden. Ein Richtungsentscheid fällt in vier Wochen.

1. Das Projekt Liebrüti Domus in Kaiseraugst ist umstritten. Wer ist dafür und wer dagegen?

Wenig überraschend unterstützt die Gemeinde das Projekt. Schliesslich hat sie bei den Liebrüti-Eigentümern – einem Konsortium – angeklopft und das Anliegen vorgebracht, kleinere Wohnungen für ältere Menschen oder junge Erwachsene zu bauen. Auch die Gewerbetreibenden aus dem Quartier äussern sich bislang in Leserbriefen positiv. Im Mitwirkungsverfahren gingen 10 Eingaben von Privatpersonen und Gruppierungen ein. In jüngster Zeit kämpfen vor allem das Forum Kaiseraugst um Präsidentin Ursula Singh und die «IG Altersgerechtes Wohnen ohne Turm» um Bruno Wartmann gegen die geplante Zonenplanänderung.

2. Wie lauten die Argumente der Befürworter?

Die Gemeinde und die Liebrüti-Eigentümer machen geltend, eine «zeitgemässe Weiterentwicklung der Überbauung» sei notwendig. Das Zentrum und das gesamte Quartier werde attraktiver. Zudem herrsche in Kaiseraugst grosser Bedarf an kleinen Wohnungen.

3. Und was sagen die Kritiker?

Die Kritiker setzen an verschiedenen Punkten an. Sie fordern, die Alterswohnungen in der Gemeinde zu verteilen. Bedarf herrsche nördlich und südlich der Bahnlinie. Zudem bezweifeln sie, dass ein Bedarf von über 100 Wohnungen besteht. Und: Sie wehren sich gegen den aus ihrer Sicht überdimensionierten Turm. Bereits im Mitwirkungsverfahren wurden zudem Stimmen laut, die befürchten, dass im Wohnturm Sozialfälle einziehen werden. Nicht zuletzt befürchten die Gegner Mehrverkehr und bemängeln das fehlende Umfeld wie schattige Ruhebänke, Spielplätze oder Grünflächen.

4. Was ist denn überhaupt geplant?

Die Eigentümerschaft des Zentrums Liebrüti will einen 18-stöckigen Turm auf das bestehende Zentrum bauen. In diesem sollen 108 Kleinwohnungen (1 bis 3,5 Zimmer) entstehen. Zudem soll das gesamte Liebrüti-Zentrum inklusive aller bestehenden Geschäftslokale saniert werden. Die Ladenfläche wird dabei auf maximal 4000 Quadratmeter vergrössert. Auch das Hallenbad soll saniert und allenfalls erweitert werden. Eigentümer und Gemeinde versprechen sich so eine Aufwertung des Quartiers. Derzeit gehen die Planer von Investitionen in der Höhe von 50 Millionen Franken aus, die vollumfänglich von den Eigentümer bezahlt werden. Der Zeitplan sieht den Baubeginn im Jahr 2016 und die Eröffnung im Jahr 2018 vor. Allerdings: Weder der Gestaltungsplan noch die Baugesuche liegen zum jetzigen Zeitpunkt vor.

5. Worum geht es denn an der Gemeindeversammlung vom 3. Dezember?

Vorerst befinden die Stimmberechtigten «nur» über die Teilzonenplanänderung. Derzeit befindet sich der grösste Teil der Liebrüti in der Wohnzone. Nun soll eine «Spezialzone Liebrüti» geschaffen werden. Die «charakteristischen Quartierstruktur» soll gewahrt werden, wie der Gemeinderat in der Botschaft an den Souverän betont. Gemeindeschreiber Roger Rehmann sagt: «Zuerst müssen nun die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.» Diese seien eher abstrakt. Es sei aber üblich, Gestaltungspläne und Feinschliff erst nach der Umzonung zu erstellen. Allerdings: Ist die Spezialzone einmal geschaffen, ist es grundsätzlich möglich, Gebäude bis 80 Meter Höhe zu bauen. Die Ausgestaltung und allfällige Bedingungen werden im Gestaltungsplan geregelt. Das Baugesuch wiederum muss dem Gestaltungsplan entsprechen. Die Eigentümer machen auf ihrer Website aber deutlich, dass das Projekt nicht aus Modulen besteht, und einzelne Teilprojekte wie beispielsweise die Sanierung des bestehenden Zentrums, nicht einzeln gewählt werden können: «Es geht um alles oder nichts: ‹Liebrüti Domus› ist eine Gesamtlösung – Teilprojekte oder Alternativen dazu wird es in den nächsten Jahren nicht geben.»

6. Was kommt in den Gestaltungsplan?

Der konkrete Gestaltungsplan steht noch aus. Die Gemeinde hat allerdings bereits Zielvorstellungen formuliert. Darin heisst es unter anderem, dass die Wohnungen hindernisfrei, behinderten- und altersgerecht gestaltet werden sollen. Zudem soll verbindlich festgelegt werden, wie viele Auto- und Veloparkplätze benötigt werden. Auch muss noch festgelegt werden, ob der geplante Wohnturm 10 Meter höher sein darf als die anderen Häuser. Für den Gestaltungsplan gibt es ein neues Mitwirkungsverfahren. Die Bevölkerung kann also dann nochmals mitreden.

7. Wird die Gemeinde Kaiseraugst für die Umzonung von den Eigentümern entschädigt?

Der Gemeinderat betont in seiner Botschaft, dass im Raumplanungsgesetz nur eine sogenannte Mehrwertabgabe für Neueinzonungen festgeschrieben ist. Beim Projekt in Kaiseraugst handelt es sich aber um eine sogenannte Aufzonung. Dennoch konnte der Gemeinderat mit den Liebrüti-Eigentümern eine Vereinbarung treffen. Diese beinhaltet, dass die Eigentümer das Hallenbad, das die Gemeinde mittels Dienstbarkeitsvertrag betreibt, auf ihre Kosten für rund 4 Millionen Franken sanieren und eine Erweiterung prüfen. Die Sanierungskosten würden sonst zu einem späteren Zeitpunkt für die Gemeinde anfallen. Zudem sollen die neuen Kleinwohnungen zu «marktüblichen Preisen» vermietet werden. Die Beträge sind noch nicht bekannt, sollen aber auf dem Niveau der bestehenden, sanierten Liebrüti-Wohnungen liegen.

8. Welche Auswirkung hat das Projekt?

Laut Gemeinderat rechnet man mit einem Bevölkerungszuwachs von rund 180 Personen. Diese Zunahme könne mit der heutigen Infrastruktur - also beispielsweise ohne Ausbau der Schule - werden. Der Gemeinderat hat zudem auch eine Überprüfung des Schattenwurfes veranlasst. Die Studie liegt vor und zeigt, dass kein bestehendes Wohnhaus an einem mittleren Wintertag von einem zweistündigen Dauerschatten beeinträchtigt wird. Damit wird der Grenzwert nicht überschritten.

Am 20. November findet von 18 bis 21 Uhr in der Liebrüti Piazza ein Info-Anlass über das Projekt Liebrüti Domus statt.

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