Fricktal

Ein «L» dreht wieder seine Runden – nach 26 Jahren Fahrpraxis

Tipp vom Experten Arnold Wüest (rechts) an az-Redaktor Thomas Wehrli: «Feiner schalten.» Nadine Pfeifer

Tipp vom Experten Arnold Wüest (rechts) an az-Redaktor Thomas Wehrli: «Feiner schalten.» Nadine Pfeifer

Vor gut 26 Jahren legte az-Redaktor Thomas Wehrli die Fahrprüfung ab. Eine Fahrt mit seinem damaligen Fahrlehrer in die Vergangenheit – und die Gegenwart.

Die Erinnerung. «So, Herr Wehrli, dann fahren wir mal los. Am Ende des Parkplatzes rechts.» Geheuer ist er mir nicht wirklich, der grau melierte Herr, der neben mir im weissen Opel, Typ Ascona, Platz genommen hat. Denn er entscheidet über Sein oder Nicht-Sein – zumindest in den Augen eines 20-Jährigen, der gerade im Begriff ist, die Fahrprüfung abzulegen. Es werden lange 45 Minuten an diesem 22. September 1988, einem Donnerstag, an dem die Herbstsonne nochmals so richtig Gas gibt.

Der Puls auf 100 (gefühlt: Mindestens 180), die Hände ans Steuer geklammert, Schweiss auf der Stirn (Ausrede: Mit Klima ist noch nichts), ein gefrorenes Lächeln auf den Lippen.

Blick in den Rückspiegel, den Aussenspiegel, Seitenblick. Blinker stellen. Rücksiegel, Aussenspiegel, Seitenblick. Abbiegen. Puh. Mir schwirrt der Kopf.

Versuch einer Konversation. «Ah, Prüfungsexperte, ein spannender Beruf.» – «Geht so.» Sendepause.

Die Zwischenzeit. 26 Jahre Fahrpraxis im Blut, gut 800 000 Kilometer im Kupplungsfuss, einige «Mödeli» in den Händen. Das einhändige Fahren mit Daumen und Zeigefinger etwa. Schadensbilanz: ein Auffahrunfall, zwei Parkschäden, einige wutentbrannte Fussgänger.

Das Heute. Gut 26 Jahre nach dem Tag, an dem ich in den Club der Llosen aufgenommen wurde, gut 317 Monate nach dem Donnerstag, an dem ich in die Gilde der «Ich dröhne mal ne Runde»-Poseure eintauchte (und längst wieder daraus auftauchte), will ich es nochmals wissen: Fahrstunde mit meinem ehemaligen Fahrlehrer, Kontrollfahrt in Sachen «Mödeli» & Co.

Da steht er. Arnold «Noldi» Wüest, seit 37 Jahren im Job, 1500 Lernfahrer kommen und gehen sehen, noch immer «mit Leib und Seele» dabei. «Etwas» grauer ist unser beider Haarton geworden, etwas milder kommt mir seine Stimme vor, der Schalk ist ihm geblieben. Das Auto: ein Opel Astra, weiss, voll klimatisiert und mit allem Schnickschnack ausgestattet.

Wie war das gleich noch mal, damals, im Sommer 1988?

Noldi, mahnend: «Thomas, was war da eben?»

Thomas, stöhnend: «Ja, merde, ein Rechtsvortritt. Bremsbereitschaft und so. Ich weiss schon.»

Heute will ich kein «Was war da eben?» Hören, denke ich auf der Kontrollfahrt, und äuge bewusster als sonst in die Spiegel, drehe den Kopf mehr als auch schon zur Seite (es knackst bisweilen bedenklich), halte beide Hände stets am Steuer, deute bei jedem Rechtsvortritt Bremsbereitschaft an. Am Schluss der Fahrt wird Noldi sagen: «Wenn Du immer so fährst, dann bist Du auf der sicheren Seite.» Puh.

Eine runde Sache

Wir fahren los. Durch Frick. Kreisel 1. Kreisel 2. Kreisel 3. Derlei Runden-dreh-Dinger gab es zu meiner Lernzeit noch nicht. «Ich fahre sie mit den Schülern gerne», erklärt Wüest. «Denn zum einen trifft man bei jedem Kreisel eine andere Verkehrssituation an, zum anderen kann man einen Kreisel zehnmal fahren – und zehnmal ist es anders.»

Und, wie fährt man sie nun richtig, diese runden Dinger? «Geschwindigkeit reduzieren, hinunterschalten, vorausschauen, laufen lassen, wenn es gut ist. Und das Blinken nicht vergessen, wenn man den Kreisel verlassen will.» – «Und beim Coop-Kreisel in Frick, bei dem just nach dem Kreisel die Ausfahrt aus der Grubenstrasse folgt?» Wüest lacht. «Diese Frage musste ja kommen. Auch hier gilt: Blinken, wenn man den Kreisel verlässt. Der Autofahrer, der aus der Grubenstrasse kommt, hat keinen Vortritt und muss sicherstellen, ob Du geradeaus fährst oder in die Grubenstrasse abbiegst.» Nun ja, denke ich, ich hoffe nur, dass auch er das weiss.

Das Kreiselfahren sei sicher etwas vom Anspruchsvolleren, meint Wüest, während wir auf die Autobahn Richtung Zürich auffahren. Gang 3. Gang 4. Gang ... «Lass ihn im vierten Gang», sagt Wüest. «So hast du die Möglichkeit, richtig zu beschleunigen, wenn es die Situation erfordert.»

Es erfordert sie; ein Lastwagen kommt fast bis auf meine Höhe, ich gebe Gas. Blick in die Spiegel, Seitenblick, blinken. Blick in die Spiegel, Seitenblick, Spurwechsel. Ich werde noch zum Blick-nach-links-und-Blick-nach-rechts-Champion. 15 Minuten Autobahnfahrt liegen vor uns. Zeit für ein Gespräch über die Zeit zwischen der Zeit.

Was hat sich seit 1988, als ich die Prüfung abgelegt habe, geändert?

Der Verkehr hat zugenommen, die Verkehrssituationen sind komplexer geworden. Deshalb achtet man heute noch stärker auf das vorausschauende Fahren. Man will sehen, ob jemand die Gefahren rechtzeitig sieht. Gleichzeitig sind die Anforderungen an die Junglenker mit Verkehrskundeunterricht, Neulenkerkursen und Führerschein auf Probe anspruchsvoller geworden.

Aber es gab auch Erleichterungen?

Sicher, die heutigen Fahrzeuge sind viel komfortabler und sicherer. Und man darf heute «übergreifend lenken». Das war zu deiner Zeit absolut tabu.

Oh, ja, ich erinnere mich. Ich höre es noch heute: «Nachschieben, nachschieben.» Ich schob selbstredend nach – bis zum Tag nach der Prüfung.

Sind die heutigen Jugendlichen schwieriger, als wir es waren?

Nicht schwieriger, aber fordernder. Sie wollen möglichst wenige Stunden, haben oft auch Druck von zu Hause. Dort sitzt ihr Vater und sagt: «Ich habe es auch in fünf Stunden geschafft.» Er vergisst dabei ganz, dass er zu einer Zeit fahren lernte, als noch deutlich weniger los war auf den Strassen.

Nicht alle, die Autofahren lernen wollen, haben Talent. Hast du manchmal Angst auf dem Beifahrersitz?

Respekt, ja, aber keine Angst. Sonst würde ich den Job nicht mehr machen. Zudem habe ich ja die Pedale auf meiner Seite und kann im Notfall eingreifen. Wichtig ist, dass man dem Fahrschüler erklärt, weshalb man eingegriffen hat.

Angriff auf der Überholspur. Ein BMW, ein ganz feisser, schwarz, deutsches Kontrollschild, schwenkt keine zwei Meter, nachdem er an uns vorbei ist, wieder auf die rechte Spur ein. Ich gehe kurz vom Gas, generiere Abstand. «Richtig so», meint Wüest. «Du kannst nichts dafür, wenn einer so fährt. Aber wenn du nichts aus der Situation machst, wenn du den nötigen Abstand nicht wieder herstellst, ist es dein Fehler.»

Dieses Einander-Aufhocken, dieses Beinahe-Blech-Küssen erlebt Wüest tagtäglich. «Die meisten sind sich nicht bewusst, welches Risiko sie eingehen», meint er. Muss der Vordermann abrupt bremsen, hat der Aufhocker nicht den Hauch einer Chance. Bumm. «Autofahren ist Charaktersache», weiss Wüest. «Was du am Gaspedal machst, ist in vielen Situationen matschentscheidend.»

Warst du mit Fahrschülern auch schon in Unfälle verwickelt?

Ja, einige wenige Male, doch zum Glück schon länger nicht mehr. Bei einem Unfall, vor 35 Jahren, waren wir schuld; in den anderen Fällen fuhr ein anderes Auto in uns hinein.

Die 18- bis 25-Jährigen bauen häufig Unfälle. Weshalb?

Sie sind risikobereiter und können viele Situationen noch nicht richtig abschätzen. Wer den Ausweis frisch hat, denkt: Jetzt kann ich fahren. Dabei ist vieles eine Frage der Routine.

Ausfahrt Wettingen. Nun folgt die Sequenz, in der jeder Fahrlehrer genüsslich zurücklehnt. Rechtsvortritte, Tempo-30-Zonen, Kreisel, viel Verkehr. Und olle Linienbusse, die einfach auf der Strasse halten. Ich schaue, blinke, überhole ihn. «Das hätte ich jetzt nicht gemacht», meint Wüest. «Denn zum einen sahst du nicht genug. Zum anderen: Was machst du, wenn ein Passagier aussteigt und vor dem Bus über die Strasse eilen will? Er darf das zwar nicht. Aber das nützt dir dann reichlich wenig.»

Eine Sekunde zeigt Wirkung

Fünf Kreisel, fünfzehn Rechtsvortritte und vier Tempo-30-Zonen später. Manöverkritik. Blicktechnik: sehr gut. Beobachten: Passt. Geschwindigkeitsgestaltung: nichts zu mäkeln. Einhändiges Lenken (das ich auf der Fahrt nicht vorgeführt, aber mündlich «gestanden» habe): Nicht so toll. Schalten: «Das könnte feiner sein. Das ist zwar für die Verkehrssicherheit nicht entscheidend, aber für den Fahrkomfort. Der Beifahrer ist dir dankbar.» Meine Frau nickt heftig, wie ich es ihr am Abend erzähle.

Wir fahren zurück. Ich muss schmunzeln, als mir dieser eine kurze Moment wieder in den Sinn kommt, damals im Hochsommer 1988, gefühlte 50 Grad im Auto, alle Fenster runtergekurbelt. Auf der Rückfahrt von einer Doppellektion nickt Noldi Wüest für einen Sekundenbruchteil ein. In diesem Moment wusste ich: Du kannst es.

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