Laufenburg

«Ein Kunstwerk ist gut, wenn es zu leben beginnt und mir den Atem nimmt»

Wenn Kunst plötzlich zu leben beginnt: Dieses Gefühl erlebte eine Jungjournalistin im Gespräch mit Bildhauer Erwin Rehmann. Der 92-Jährige spricht dabei über seine Beziehung zur Kunst und erklärt, warum Erfolg Glückssache ist.

Mit gemischten Gefühlen betrete ich das Rehmann-Museum in Laufenburg. Ich treffe mich mit dem renommierten Künstler und Bildhauer Erwin Rehmann. Zunächst habe ich Zweifel und bin nervös. Was soll ich als Jungjournalistin, die mit Kunst nicht besonders viel am Hut hat, dem erfahrenen Bildhauer schon entgegenhalten?

Bei meinem Besuch ist das Museumsteam gerade voll im Umbau für die neue Ausstellung «Eruption und Dynamik». Es geht hektisch zu und her, alle sind gestresst. Alle ausser Erwin Rehmann.

Dieser lässt sich weder durch das wilde Hin-und-her-Rennen noch durch laute Klopfgeräusche beim Hängen eines Reliefs aus der Ruhe bringen. Gemeinsam gehen wir durch das Museum.

Wir bleiben vor einer Skulptur von Rosmarie Vogt-Rippmann stehen. Ich sehe zunächst überhaupt nichts ausser einem komischen Geflecht aus Zeitungspapier und Kleister.

Als Rehmann vom Material und der Sprache jedes einzelnen Werkes zu erzählen beginnt, öffnet sich eine Tür in eine mir bisher unbekannte Welt voller Überraschungen und Kreativität.

«Ein Kunstwerk ist dann gut, wenn es zu leben beginnt»

Besonders betont Erwin Rehmann die Vielfältigkeit und Abwechslung seines künstlerischen Schaffens: Neben Eisen, Bronze und Aluminium formte Rehmann auch aus Acrylglas diverse Figuren.

Durch das Experimentieren mit zahlreichen Materialien kam der Bildhauer zu der Erkenntnis, dass jedes Material eine andere Sprache spreche, die Kunst des Künstlers sei es, die jeweilige Sprache dem Material zuordnen zu können.

Ich erkenne in den meisten Fällen keine Sprache hinter der Oberfläche, habe noch keine Figur atmen gehört oder mich in einer solchen wiedererkannt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich keine Künstlerin geworden bin.

Erwin Rehmann: «Wenn ich in ein Museum gehe, suche ich gezielt nach Kunstwerken, die mir neu oder unbekannt sind. Das können spezielle Formen, interessante Materialien oder andere fesselnde Dinge sein.»

Bevor Rehmann die Aussage und den Hintergrund einer Skulptur einzuordnen versucht, betrachtet er völlig objektiv, was er sieht. Er studiert die Präzision der Arbeit oder die Struktur des Materials.

Wenn ihm ein Kunstwerk gefalle, so Rehmann, könne er sich noch Jahre später daran erinnern und es richtig einordnen. Wovon es denn abhänge, ob ihm ein Werk in guter Erinnerung bleibe?

Der 92-Jährige lässt sich einen Moment Zeit: «Ein Kunstwerk ist dann gut, wenn es zu leben beginnt und mir den Atem nimmt, verstehst du, was ich meine?» – »Nein, bisher kann ich noch nicht so viel damit anfangen …» – «Es muss mich berühren, Noëmi. Die Berührung kann eine traurige, glückliche oder sonstige Begegnung sein, sie muss nur eine klare Aussage mit sich bringen. Wann, wo und von wem die jeweilige Kunst geschaffen wurde, spielt dabei keine Rolle schliesslich sehe ich ganz subjektiv mit meinen Augen und spüre, ob sich meine Seele damit identifizieren kann.»

Ich brauche einen Moment, um diese philosophische Antwort einordnen zu können.

«Erfolge sind Glücksache»

Als wir auf Themen wie Konkurrenz, Stolz und Erfolg kommen, vergisst Rehmann alle poetischen und kreativen Ansätze. Seine Mimik wird ernst und seine Wortwahl klar und deutlich: «Konkurrenz darf es nicht geben, das ist ein völlig falscher Ansatz in der Kunst. Man darf sich nie mit anderen vergleichen. Sobald man sich verbiegt und nicht mehr seiner inneren Stimme folgt, zeigt sich das in der Kunst. Diese bekommt dann eine andere, eine verfälschte Stimme.»

Auch zum Erfolg äussert sich Rehmann kritisch: «Erfolg ist wahrscheinlich Glücksache und bedeutet in der Gesellschaft aufgenommen zu werden, ist aber gleichzeitig die grösste Gefahr für einen Künstler.»

Ich will genauer wissen, was er damit meint, und erfahre, dass viele Künstler mit dem Erfolg abheben und nicht mehr aus tiefer Überzeugung, sondern des Geldes wegen arbeiten. So sei der Übergang von Kunst zum Kunstgewerbe fliessend und nicht immer deutlich erkennbar. «Ich habe in Kauf genommen, nichts zu verkaufen und hatte stets Glück dabei.»

Bekannt geworden ist Erwin Rehmann unter anderem durch seine raffinierten Schnittplastiken. Ein heute unvorstellbarer Aufwand sei es damals gewesen, die teilweise mehrtönnigen Eisen-, und Bronzeblöcke in präziser Millimeterarbeit zu zersägen.

Die erste Idee für eine solche Schnittplastik sei ihm beim Brotschneiden am Frühstückstisch gekommen. Als er seine Idee zunächst in kleinen Modellen realisierte und den ersten Klotz zersägte, erlebte er diesen Moment vergleichbar mit einer Geburt.

Die Sprache der Kunst nähergebracht

Unser Rundgang neigt sich langsam dem Ende zu. Bevor ich das Museum verlasse – mittlerweile ist es draussen schon dunkel geworden – zieht es mich noch einmal zum ersten Kunstwerk, mit dem ich ja zunächst überhaupt nichts anfangen konnte.

Jetzt erkenne ich hinter dem Geflecht tatsächlich Kunst, ja mehr sogar: Ich sehe Äste, Äste im Winter, voller Lebenskraft scheinen sie in die Höhe zu wachsen und den Raum nach und nach einzunehmen.

Diese Erkenntnis zeigt mir, dass es Erwin Rehmann gelungen ist, mir seine Sprache beziehungsweise die Sprache der Kunst ein Stückchen näherzubringen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1