Sie ist die kleinste Armee der Welt: die Schweizergarde. Wer in ihr dient, tut es aus Überzeugung. Immer am 6. Mai, dem Tag, als 1527 147 Soldaten bei der Plünderung Roms heldenhaft für die Verteidigung von Papst Klemens VII. fielen, werden die neuen Rekruten feierlich vereidigt.

In diesem Jahr waren es 32 Gardisten. Aus dem Aargau leistete diesmal nur einer den Eid auf die Gardefahne: Hellebardier Simon Bussinger aus Wallbach. Er sieht es «als Privileg, als 21-jähriger Schweizer zum Schutz des Oberhauptes der katholischen Kirche beitragen zu können und so eine Tradition weiterzuführen».

Herr Bussinger, Sie sind seit Sonntag als Gardist der Schweizergarde vereidigt. Wie ist das Gefühl?

Simon Bussinger: Nun, jetzt bin ich ein vereidigter Gardist. Von den älteren Gardisten wurde ich am Sonntag offiziell willkommen geheissen. Es ist ein anderes Gefühl, als im Militär Soldat zu werden, denn im Gegensatz zur Armee, in der jährlich Tausende von Soldaten aufgenommen werden, gehöre ich nun der kleinsten und ältesten Armee der Welt an.

Was war der Höhepunkt der Feier?

Für mich war der Höhepunkt ganz klar die Vereidigung selbst. Im Damasushof vor Hunderten von Augen seinen Schwur abzulegen, ist etwas Einmaliges.

Waren auch Wallbacher Augen vor Ort?

Ich durfte am Freitag meine Eltern in Rom begrüssen. Zuerst konnte ich sie dem Kommandanten, dann dem Papst selbst während der Audienz vorstellen. Weitere 63 Gäste reisten vom Freitag auf Samstagnacht mit dem Car aus Wallbach an.

Die meisten Gäste waren aus meiner Familie, aber auch Verwandte und Bekannte aus Deutschland und Belgien sind angereist, um diese Tage mit mir zu verbringen. Ich denke, ich konnte ihnen einen nicht alltäglichen Einblick hinter die Kulissen des Vatikans und der Garde geben. Von allen habe ich sehr gute Rückmeldungen bekommen und vor allem der Abschied war sehr emotional.

Vor Ihnen stehen nun mindestens 25 Monate im Dienst der Schweizergarde. Was erwarten Sie von dieser Zeit?

Von meiner zukünftigen Zeit als Gardist erwarte ich, dass sie vergeht wie die letzten acht Monate in Rom. In dieser Zeit habe ich eine sehr gute Ausbildung genossen und viele Menschen kennen gelernt, die man schon fast nicht mehr nur Kameraden nennen kann! Ich durfte in meiner Dienstzeit schon viele spezielle Momente erleben, das ist das, was die Zeit hier für mich so speziell macht.

Weshalb haben Sie sich für die Schweizergarde gemeldet?

Was in der Schweiz viel zu wenig gesehen oder geschätzt wird, ist, dass die Schweizergarde eigentlich die Schweiz weltweit repräsentiert. Täglich fotografieren und bewundern Scharen von Pilgern und Touristen aus der ganzen Welt die Schweizergarde an den Eingängen zum Vatikanstaat. Den Dienst leisten nicht Italiener, Amerikaner, Franzosen oder Russen seit 512 Jahren, sondern die Schweizer, die ihre Werte wie Treue, Disziplin, Stolz, Genauigkeit und Pünktlichkeit vertreten.

Für mich ist dies ein Privileg, als 21-jähriger Schweizer zum Schutz des Oberhauptes der katholischen Kirche beitragen zu können und so eine Tradition weiterzuführen. Wir Schweizer sollten es als Ehre sehen, im kleinsten Staat der Welt, in einem fremden Land den Dienst in der katholischen Kirche leisten zu dürfen. Bei mir in der Familie ist die Garde schon seit drei Generationen ein Thema, wobei ich jetzt als erster Gardist der Familie Bussinger am 1. Oktober 2017 eintreten durfte.

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Aus meinem Umfeld habe ich viele positive Rückmeldungen erhalten, als sie erfahren haben, dass ich in die Garde eintreten möchte.

Gab es auch kritische Stimmen?

Ja. Als ich gegangen bin, habe ich meine Beziehung zu meiner Freundin sehr auf die Probe gestellt. Aber mit den sozialen Medien zum Beispiel bin ich ja sehr gut mit der Heimat vernetzt und man kann zumindest täglich telefonieren oder schreiben.

Der Dienst wird von Ihnen einiges abverlangen. Haben Sie davor Respekt?

Ja, das habe ich. Für viele besteht meine Aufgabe nur darin, herum zu stehen. Aber wir leisten auch diverse andere Aufgaben als nur den Ehrendienst. Während einer Audienz oder einer Messe beispielsweise leisten wir Ordnungsdienste oder haben unsere täglichen Schutzaufgaben. Die Konzentration sollte während den ganzen Stunden voll vorhanden sein. Auch wenn die Bedingungen durch Hitze oder Kälte erschwert werden. Oder, wenn schon gefühlte Hunderte Touristen davor gefragt haben, wo der Papst durchfährt, müssen wir immer freundlich bleiben.

Ist der Dienst mit dem Militärdienst in der Schweiz vergleichbar?

Keinesfalls. Wir haben hier ausschliesslich die Aufgaben im Sicherheitsbereich des Papstes. Zu unseren Aufgaben gehören eben auch Ehren- und Ordnungsdienste und dies nicht auf einem etwas abgeschirmten Waffenplatz, sondern vor täglich mehreren Tausend Pilgern und Touristen sowie der ganzen Welt durch die Medien.

Die Uniform sieht aus wie einer anderen Zeit. Steht man in der Schweizergarde etwas ausserhalb der Zeit?

Die Schweizergarde ist genau wegen dieser Uniform so bekannt. Aber nur weil wir mittelalterliche Uniformen tragen, heisst das noch lange nicht, dass wir im Mittelalter stehengeblieben sind.

Ist die Uniform unbequem?

Nein, unbequem ist sie nicht. Nur an heissen Tagen etwas zu warm.

Als Schweizergardist werden Sie oft Wache stehen müssen. Haben Sie ein Rezept, damit die Zeit schneller vergeht?

Nein, ein Rezept gibt es nicht.

Sind Sie gläubig?

Dies ist eine Voraussetzung.

Hatten Sie bereits persönlichen Kontakt zu Papst Franziskus?

Papst Franziskus ist ein sehr offener Papst, der den Kontakt zu seinen Mitmenschen sucht. Wenn man ihm begegnet, kommt er meistens kurz vorbei. Da wir für seine Sicherheit sorgen, haben wir natürlich viele Posten in seiner Nähe. Ich hatte schon mehrmals mit ihm Kontakt.

Wie haben Sie ihn erlebt?

Er ist ein sehr freundlicher Papst, dem die Armen und Kinder sehr wichtig sind und das spürt man, beispielsweise bei den Audienzen, wenn er Kinder auf dem Papamobil mitfahren lässt oder weitere spezielle Momente, die ihn so aussergewöhnlich machen.