Fricktal
Ein Glas Most statt Twitter-Post: Politiker wollen Twitter nicht wirklich nutzen

Politiker und Gemeinden setzen im Fricktal auf direkten Kontakt statt Social Media. Das zeigt eine Umfrage der az, während für den Politologen klar ist: «Entweder pflegt man seine Facebook-Seite regelmässig oder dann nimmt man sie besser vom Netz.»

Thomas Wehrli
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Fricktaler Politiker wollen Twitter nicht wirklich nutzen, wie eine Umfrage der az zeigt.

Fricktaler Politiker wollen Twitter nicht wirklich nutzen, wie eine Umfrage der az zeigt.

Keystone

Vermisst wird im Fricktal: ein kleiner Vogel, acht Jahre jung, blaues Gefieder. Er gehört zur Spezies der virtuellen Vögel, fühlt sich in allen Ländern wohl und hört auf den Namen «Twitter». Weltweit gibt es von ihm gut 271 Millionen Exemplare. Nur im politischen Fricktal will er nicht so recht heimisch werden.

Gerade einmal 3 der 27 Grossräte und Gemeindeammänner, die sich an einer Umfrage der az beteiligt haben, besitzen einen Twitter-Account.

Und auch bei ihnen muss man gut hinhören, um etwas zu hören: SP-Grossrat Peter Koller hat seit seiner «Vogel-Geburt» im Januar 2013 acht Tweets abgesetzt; Werner Müller, CVP-Grossrat und Gemeindeammann von Wittnau, gerade einmal einen. «Richte gerade mein Twitter ein.» Das war am 3. Juni. Und der Dritte im Bunde, Thomas Dinkel, Gemeindeammann von Zeihen, folgt nur anderen.

Im Dornröschenschlaf

An guten Vorsätzen mangelt es nicht: «Ich möchte den Twitter-Kanal künftig vor allem für politische Themen vermehrt nutzen», sagt Müller. Koller setzt andere Prioritäten. Er möchte in erster Linie die Facebook-Seite der SP Bezirk Rheinfelden «aus ihrem Dornröschenschlaf» wecken.

Kussgelegenheiten hat der Facebook-Prinz im Fricktal en masse. Zum einen, weil erst vier Gemeinden und elf der befragten Politiker eine Facebook-Seite betreiben. Zum anderen, weil viele dieser Seiten nur sporadisch gepflegt werden.

Der letzte Eintrag auf der Facebook-Seite von Hansueli Bühler, FDP-Grossrat und Gemeindeammann von Stein, beispielsweise datiert vom 30. August; SP-Grossrätin Elisabeth Burgener postete am 23. Juni letztmals einen Eintrag – über ihre Wahl zur Co-Präsidentin der SP Aargau.

Solche «Internetruinen» sieht Politikberater und Social-Media-Spezialist Mark Balsiger nicht gerne. «Entweder pflegt man seine Facebook-Seite regelmässig oder dann nimmt man sie besser vom Netz.» Dies gilt für Gemeinden und Institutionen doppelt, «denn ihnen droht sonst schnell ein Imageschaden».

Eine Generationenfrage

Für den Schritt zum Schnitt hat sich Burgener entschieden: Sie will ihren Facebook-Account löschen. «Die Social Media sind nicht so mein Ding», sagt sie, «ich bevorzuge zu telefonieren, zu mailen und noch lieber einen Kaffee zu trinken».

Das direkte Moment, den persönlichen Kontakt also, führen auch andere Social-Media-Abstinente (oder -Resistente) als Hauptgrund für ihr Fernbleiben ins Feld.

«Ich setze immer noch auf Printmedien, persönliche und telefonische Kontakte», erklärt CVP-Grossrätin Regula Bachmann-Steiner, und Ratskollegin Gertrud Häseli (Grüne) ergänzt: «Wer mich treffen will, muss vorbeikommen und bekommt jederzeit einen Most oder ein Glas Wittnauer.»

Ein Grund für die Zurückhaltung ist der Zeitfaktor. Köbi Brem, Gemeindeammann von Wölflinswil, will sich auch künftig von Facebook und Co. fernhalten, weil sie «ein zu grosser Zeitfresser» sind.

Auch SVP-Grossrat Daniel Vulliamy «fehlt schlichtweg die Zeit, diese Medien zu pflegen und zu aktualisieren». Zudem: «Wenn man nicht mit diesen Medien gross geworden ist, fällt es doppelt schwer, später noch einsteigen zu wollen.»

Umgekehrt gesehen: Junge Politiker wie der Zeiher Gemeindeammann Thomas Dinkel haben weniger Berührungsängste. «In unserer Generation gehört das dazu.»

Zu viel Aufwand, zu wenig Nutzen

Ähnlich tönt es bei den Gemeinden. «Aufwand und Nutzen sind in keinem Verhältnis», rechtfertigt Gemeindeschreiber Gianni Profico die Facebook-Losigkeit von Zeihen.

Für Heinz Schmid, Gemeindeschreiber in Frick, «stehen die personellen und zeitlichen Ressourcen in keinem Verhältnis zu einem allfälligen Nutzen». Für Urs Treier, Schreiber in Gipf-Oberfrick, ist die Klientel, die erreicht werden kann, noch zu klein.

Noch. Denn für Balsiger ist klar: «In ein paar Jahren kommt keine Gemeinde mehr um einen Social-Media-Auftritt herum.» Dies wird spätestens 2025 der Fall sein, wenn die «Digital Natives» in der Mehrheit sein werden.

Um nicht vom Zug überrollt zu werden, empfiehlt Balsiger den Gemeinden, jetzt aufzuspringen und die sozialen Medien auszuprobieren.

Wichtig dabei: «Der Auftritt muss authentisch sein.» Dies gehe nur, wenn der Macher mit Herzblut dabei ist. Die Realität ist derzeit eine andere: Vielen Gemeinde-Auftritten merkt man den Beamtenmief von Weitem an.

Als gutes Beispiel führt Balsiger den Auftritt der Gemeinde Mettauertal an. «Die Facebook-Seite gibt einen guten Überblick, was in der Gemeinde läuft.» Vor allem die Fotos «sind echt stark». Einen anderen Weg beschreitet Münchwilen. Hier setzt man stärker auf Text und Infos. «Auch das funktioniert», so Balsiger.

«i-hasi» lässt grüssen

Ob bild- oder textlastig – Hauptsache «i-hasi». Diese Formel hat Balsiger zusammen mit seinem Team ausgetüftelt. Erfolg hat demnach, wer auf Social Media interaktiv, humorvoll, authentisch, stetig und interessant unterwegs ist.

Dass mittelfristig Handlungsbedarf besteht, wissen auch die Gemeinden. Möhlin will laut Gemeindeschreiber Dieter Vossen 2016, wenn die neue Homepage erstellt wird, einen Social-Media-Auftritt prüfen.

Auch Herbert Weiss, Gemeindeammann von Laufenburg, will einen Facebook-Auftritt seiner Gemeinde zumindest «nicht ausschliessen». Bedingung dafür: «Es braucht einen echten Mehrwert.»

Auch Thomas Dinkel kann sich vorstellen, dass Facebook künftig für seine Gemeinde, Zeihen, attraktiv werden könnte. Weil Infos hier schneller und besser gelesen, weil Themen breiter diskutiert werden.

Ähnlich tönt es bei den befragten Politikern. Martin Steinacher, CVP-Grossrat und Gemeindeammann von Gansingen, ist seit 2011 auf Facebook, und dies recht eifrig. Er «postet» privat und über politische Themen. «Für Wahlen kommt es vermutlich auch in Zukunft infrage.» Ohne Frage.

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