Fricktal

Ein Geständnis bekommt er in 30 Sekunden

Lukas Siegfried (Mitte) mit seinen Schützlingen zu Besuch im Fricktal.

Lukas Siegfried (Mitte) mit seinen Schützlingen zu Besuch im Fricktal.

Lukas Siegfried sorgt in der Region für einige der wenigen positiven Geschichten über Asylbewerber. «Pfarrer» Lukas, wie ihn viele nennen, vermittelt im Fricktal temporäre Arbeitsplätze für Asylsuchende, die in Möhlin, Kaiseraugst oder Stein leben.

Wofür das Bundesamt für Migration bis zu sechs Monate braucht, das schafft er manchmal in 30 Sekunden. Dazu braucht er keine Ethnologen aus Eritrea, Irak oder Kosovo, die die Geschichten der Asylsuchenden kritisch prüfen. Lukas Siegfried braucht nur einen Helfer, wenn er die Flüchtlinge prüft.

«Kannst du mir, vor Gott als unserem Zeugen, sagen, dass die Geschichte, die du erzählst, der Wahrheit entspricht?», fragt er einen Asylsuchenden aus Niger. Nach kurzem Schweigen und einem fliehenden Blick zu Boden: «Nein, das kann ich nicht. Lukas, ich erzähl dir jetzt die wahre Geschichte.»

Temporäre Arbeitsplätze werden vermittelt

Lukas Siegfried leitet seit gut sieben Jahren «Elim Open Doors», einen Zweig der Diakonischen Stadtarbeit Elim in Basel. Open Doors hilft Ausländern und Asylanten im Kanton Basel, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Zumindest war das die ursprüngliche Idee. Heute vermittelt «Pfarrer» Lukas, wie ihn viele nennen, auch im Fricktal temporäre Arbeitsplätze für Asylsuchende, die in Möhlin, Kaiseraugst oder Stein leben (die az berichtete).

«In der Region Fricktal gäbe es noch viel mehr Potenzial» ist er überzeugt. Gerade was die Landwirtschaft betrifft, hofft er noch mehr mit den hiesigen Bauern zusammenarbeiten zu können. Am liebsten würde er jedem Asylsuchenden eine Beschäftigung vermitteln. Denn auch die Betreuer in den Heimen bemerken, dass die Stimmung friedlicher ist und kaum Delikte begangen werden, wenn die Leute Beschäftigung haben oder gar ein kleines Entgelt verdienen.

Die wirklich Schutzbedürftigen wachsen ihm sofort ans Herz. Vielleicht erzählt er gerade deshalb nie von sich, sondern nur die Geschichten seiner Flüchtlinge, wie jene des bekehrten Lügners aus Niger, der vor dem wütenden Mob fliehen musste. Zu spät hatte der junge Mann damals die kaputten Bremsen an seinem Wagen bemerkt und eine Frau zu Tode gefahren.

Es ist bei weitem nicht die schlimmste der zig Geschichten, die «Pfarrer» Lukas sich täglich anhört. Glauben schenkt er jedoch nicht allen. «Ich merke, wenn sie Lügen erzählen. Dann weichen sie meinen Fragen aus und schauen mir nicht mehr in die Augen.» Am meisten stört ihn, dass die guten Asylanten dermassen eingeschränkt werden, erklärt er, «während die Kleinkriminellen dank unserer Gesetzeslage machen können, was sie wollen.» Das schade vor allem jenen, die sich wirklich bemühen, sagt er. Für seine guten Schäfchen lässt der vierfache Familienvater nichts unversucht. Auch über die Landesgrenze hinaus vermittelt er zwischen den Fronten und brachte sogar Norwegen dazu, einen Dublinfall doch noch bei sich aufzunehmen.

Strippenzieher für schwierige Fälle

Wenn er während der Kirschernte die hiesigen Bauern besucht, erntet er praktisch nur Lob und Dank, denn die Zusammenarbeit mit den Asylbewerbern funktioniert einwandfrei. Das Schönste an seiner Arbeit sei es denn auch, Arbeitsplätze zu schaffen, wo es scheinbar keine gibt. Dafür telefoniert er auch mal mit zwei Telefonen gleichzeitig und kontrolliert nebenbei die Bekleidung eines Asylanten, der sich in einer Bäckerei für einen Job vorstellen will.

Ruhige Tage kennt der studierte Theologe nicht. Sie wären ihm ohnehin zu langweilig. Nur sonntags schläft er oft den ganzen Nachmittag und erholt sich von jenen Nächten, in denen er nur fünf Stunden Schlaf findet. Dann aber widmet er sich wieder den Geschichten seiner Flüchtlinge.

Nur im Fall des Flüchtigen aus Niger ist die Geschichte definitiv zu Ende. Er sitzt heute seine Gefängnisstraffe in Niamey ab – freiwillig. Nachdem Siegfried ihm erklärte, dass es keine andere Lösung gibt.

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