Immer mehr Gemeinden stehen alle paar Jahre, einige sogar alle paar Monate, vor dem immergleichen Problem: Sie brauchen (dringend) einen neuen Gemeinderat oder -ammann – und niemand findet sich, der das Amt übernehmen will. Oder, um es frei mit Carl Sandburg zu sagen: Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner steht hin.

Damit wieder mehr Leute hinstehen und sich der Wahl stellen, fordert die Gemeindeammänner-Vereinigung eine massive Anhebung der Entschädigungen. Ein Beispiel: Ein Ammann einer 3000-Seelen-Gemeinde verdient heute, auf ein 100-Prozent-Pensum hochgerechnet, rund 84'000 Franken im Jahr. Künftig sollen es 160'000 Franken sein.

So hoch sind die Entschädigungen für Gemeindeammänner im Fricktal:

Ein Schritt in die richtige Richtung, um die Rekrutierungs- und Qualitätsprobleme zu lösen, findet Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. Nur: Mit diesem Schritt allein kann seiner Ansicht nach die Kandidatenmisere nicht behoben werden.

Der Ökonom fordert, dass man auch bei den Exekutivämtern den Markt spielen lässt. «Man muss Auswärtige als Kandidaten zulassen», sagte Eichenberger im az-Interview. Es könne nicht sein, dass Gemeindeangestellte marktgerecht entlöhnt werden und von überall kommen können, «aber ausgerechnet ihre Chefs sollen für ein Butterbrot arbeiten und aus der Gemeinde kommen».

Gemeindeammänner im Kanton Aargau und ihre Entschädigungen:

Ein Externer sei zudem nicht mit dem ganzen Dorf verbandelt und könne die Gemeinde somit neutraler führen. Als gutes Beispiel führt Eichenberger im az-Interview das deutsche Bundesland Baden-Württemberg an. «80 Prozent der Bürgermeister kommen dort von ausserhalb», sagt Eichenberger. «Und die Menschen sind hochzufrieden mit diesem Modell.»

Zur 80-Prozent-Gruppe gehört auch Ulrich Krieger. Er wuchs in Grafenhausen, rund 40 Kilometer von badisch Laufenburg entfernt, auf. Nach einer Verwaltungslehre studierte er an der Hochschule für öffentliche Verwaltung.

Als er sich 2009 um das Bürgermeisteramt in Laufenburg bewarb, arbeitete er auf dem Landratsamt Waldshut – in ungekündigter Stellung. «Die Kandidatur legte man mir auf dem Amt nicht negativ aus», erzählt Krieger. «Ich deklarierte stets offen, dass es mein Berufsziel ist, Bürgermeister zu werden.»

Auf Brautschau

Krieger ging denn auch selber auf Brautschau, sah sich um, wo nächstens ein Bürgermeistersessel frei wird, überlegte sich, welche Grösse seine Gemeinde haben sollte. «Eine zu grosse wollte ich nicht übernehmen, da man hier viel weniger nah am Bürger ist.»

Laufenburg, das mit seinen rund 9000 Einwohnern perfekt in das kriegersche Grössenraster passt, kam dann doch eher überraschend auf den Radar; der Vorgänger von Krieger, Bürgermeister Roland Wasmer, erkrankte. Krieger, damals 25 Jahre alt, sah sich die Gemeinde an, führte Gespräche, las Akten – und bewarb sich.

Der Auswärtige setzte sich gegen sieben Kandidaten durch; sechs davon waren Einheimische. Ein Grund für seinen Erfolg war sein beruflicher Background, denn: «In Süddeutschland ist der Bürgermeister nicht nur Politiker, sondern er führt auch die Verwaltung.» Krieger arbeitet rund 60 bis 80 Stunden pro Woche; gut die Hälfte der Zeit beansprucht die Verwaltung.

Ein zweiter Wahlgrund ist eine generelle Präferenz vieler deutscher Gemeinden für einen Bürgermeister von ausserhalb. «Man will jemand von aussen, aber er soll gleichwohl aus der Grossregion kommen und die regionalen Gepflogenheiten kennen», umschreibt es Krieger.

Denn mit der Aussensicht ist auch die Gefahr von Mauscheleien kleiner, das Risiko auch, dass ein Dorfkönig alles und alle im Griff hat. «Ich habe in Laufenburg keine Verwandtschaft und keine von Kindheit an gewachsenen Banden», sagt Krieger.

«Das vereinfacht es, neutral zu bleiben und alle gleich zu behandeln.» Das sei ein grosser Vorteil, so Krieger. Er räumt aber auch ein: «Mit den Jahren wird diese Anfangsneutralität natürlich kleiner, weil man selber ein Beziehungsnetz aufbaut.»

Krieger schmunzelt, wie er sich an seine erste Zeit in Laufenburg zurückerinnert. «Man tritt am Anfang natürlich schon in das eine oder andere Fettnäpfchen», sagt er. «Die Bürger nehmen es einem aber nicht krumm, wenn man im ersten Jahr noch nicht alles weiss.» Diesen Wissens-Nachteil wiegt für Krieger die Unvoreingenommenheit, mit der man ans Werk geht, aber längstens auf. «Jedes Projekt hat so die gleichen Startbedingungen.»

«Mischmasch funktioniert nicht»

Krieger macht aber auch keinen Hehler daraus, dass ein Externer eben doppelt in die Hosen, pardon: Akten steigen muss. Dafür, dass er möglichst viel möglichst schnell wusste, dafür, dass seine Fettnapfquote tief blieb, investierte er viel Zeit. «Die ersten beiden Jahre arbeitete ich extrem viel.» Das gehe nur, wenn die Familie mitziehe.

Längst ist Krieger in Laufenburg heimisch geworden. Sein Umzug in die Stadt, rund ein halbes Jahr nach Amtsantritt, habe das Heimisch-Werden erleichtert, erzählt er. Und die privat-berufliche Heimat soll das Städtchen auch nach 2016 bleiben: Krieger bewirbt sich für eine zweite Amtszeit. Seine Chancen, am 4. Dezember gewählt zu werden, stehen gut.

Krieger ist vom deutschen Modell, eine Gemeinde zu führen, überzeugt. Manchmal blickt er aber dennoch etwas neidisch über die Grenzen, wo ein fünfköpfiges Gremium regiert. «Als Bürgermeister steht man ein stückweit alleine da», sagt er. «Im Kollegialsystem dagegen teilt man die Verantwortung.» Er lacht. «Es hat aber im Gegenzug durchaus auch seinen Reiz, vieles alleine entscheiden zu können.»

Am Schweizer Milizsystem bewundert Krieger das Engagement für die Sache. «Das setzt viel Idealismus und eine grosse Identifikation mit der Gemeinde voraus.» Ein Urteil, welches System besser ist, masst sich der Bürgermeister nicht an. Nur vor einem warnt er: die Systeme zu vermischen. «Ein Mischmasch funktioniert nicht.»