Frick

Ein Dingsda kommt selten allein: von der Erinnerung an die Erinnerung

Hat gut lachen: Heinz Picard veröffentlicht mit «Erinnerungen an Dingsda» sein fünftes Buch. Thomas Wehrli

Hat gut lachen: Heinz Picard veröffentlicht mit «Erinnerungen an Dingsda» sein fünftes Buch. Thomas Wehrli

In seinem neuen Buch taucht Heinz Picard in die grosse Welt der Kleinen und die kleine Welt der Grossen ein. «Erinnerungen an Dingsda» regt zum Schmunzeln an und bringt den Leser zum Nachdenken.

Es ist nur ein Wort. Kein grosses, zugegeben, kein zierliches, auch das nicht, und nicht einmal ein gelehrtes. Dingsda. Und doch steht es, dieses Dingsda – ähm:dieses Wort für so vieles.

Für das tägliche «Dingsda», das Wort also, das man immer kannte, von dem man genau weiss, dass man es weiss, das einem aber just im Moment des Gedachtwerdens entfallen ist. Darüber, über das Vergessen, das Schweigen auch, das sich in der Kommunikationslosigkeit verliert, hat Heinz Picard, 77, in den letzten Jahren zwei sehr lesenswerte Erzählbände publiziert.

Nun schlägt er wieder zu, Mister Dingsda, und zeigt in seinem neuen Buch «Erinnerungen an Dingsda», dass es mindestens zwei weitere Dimensionen von Dingsda gibt. Da ist das kleine Dingsda, die Welt von Enkel Dominik, für den noch die ganze Welt ein einziges, riesiges Dingsda ist. Und da sind die Erinnerungen an die eigene Jugend, an die Eltern, Grosseltern, Onkels, Cousins, an die Zeit des Erwachsenswerdens, den Aufbruch ins grosse Dingsda.

Eine Prise Selbstironie

Mit viel Humor, nicht weniger Sprachwitz und einer gesalzenen Prise Satire beschreibt Picard das Leben mit seinem Enkel, gräbt in den eigenen Erinnerungen, lässt Träume Realität werden, lässt Grenzen zerfliessen, taucht ab, immer tiefer, bis er sich in der Welt seiner Grosseltern wiederfindet. Dieser Wechsel der Erzählebenen ist oft fliessend, in beide Richtungen – und das wiederum sorgt für zusätzlichen Lesefluss.

Wohltuend ist auch das selbstironische Moment, das in etlichen der 16 Kurzgeschichten aufflackert, dieses Bekenntnis zur Unvollkommenheit, dieses Wissen um das eigene Älterwerden, dieses Sichselber-auf-die-Schippe-Nehmen. Für einen pensionierten Lehrer, erst noch mit Schwerpunkt Deutsch und Französisch, keine Selbstverständlichkeit. Es ist da, dieses Moment, wenn Hündin Shanaja denkt: «Ja, mein Herrchen. Der Gute ist manchmal total überfordert.»

Das Buch, 100 Seiten stark, ist unterhaltsam, führt die Leser in Welten, die jeder kennt, wo (fast) jeder sagen kann: Genau so ist es. Es führt die Leser aber auch in fast vergessene Zeiten, lässt Erinnerungen an eine Epoche wach werden, in der vieles noch etwas gemächlicher ablief. Eine Zeit hinter der Zeit, wenn man so will. Etwa in der Episode mit der Mäusejagd, die noch zu Picards Jugendzeiten «eine wichtige Freizeitbeschäftigung» war. «Wer als Knabe etwas gelten wollte, besass damals mehrere einfache Zangenfallen und einen Sondierstab».

Oder die Erinnerung an die Internatszeit, wo Nonnen und Mönche tunlichst darauf bedacht waren, dass sich ihre Schützlinge beim Spazieren nicht über den Weg liefen. Nicht alle Jungs hatten die «pubertär ausufernden Momente der Lebenslust» im Griff und büxten in der Nacht aus, eingedenk, dass dies im Falle eines Erwischt-werden-Falles mit dem Verweis von der Schule geahndet wird. «Ritter der Neuzeit im Minnedienst.»

Köstlich auch die Episode, in der der Grossvater der Neuzeit, Heinz Picard also, des Wickelns mächtig werden soll – und gar nicht so unfroh wirkt, als im Moment des Entpackungsmomentes das Telefon klingelt. Wenn Picard da von WiZ – Wickeltisch und Zubehör – schreibt. Man muss schmunzeln.

Das Buch ist eine humorvoll-geerdete Liebeserklärung an den Enkel, das Grossvater-Sein und an die eigenen Erinnerungen, die eigene Familie. Dass da schon mal aus einem schmächtigen Onkel ein Abbild eines Mannes wird – es muss so sein, denn Picard erhebt «keinen Anspruch auf umfassende biografische Korrektheit», wie er schreibt, er will kein biografisches Werk vorlegen, sondern ein literarisches.

Humor mit Tiefgang

Das ist es und es wäre eine äusserst verkürzte Sicht, eine Kurzsicht-Sicht sozusagen, wenn man das Buch als reine Sammlung süffig geschriebener, humorvoller Texte charakterisieren würde. Sie sind mehr, sie sind besinnlich, haben Tiefgang, gründen auch tief, regen zum Nachdenken an, zum Querdenken auch.

Bei manch einem Text, und das ist mitunter Picards Kunst, lacht man über das Geschriebene – und nimmt das ernste Moment, das bisweilen durchaus eine Schwere in sich trägt, fast nebenbei mit. Dann etwa, wenn Onkel Carlo, der für Klein-Heinz eine prägende Figur war, man spürt es deutlich aus den Zeilen, wenn also Onkel Carlo im Spital zu ihm sagt: «Bitte Gott, dass er mich sterben lässt. Ich halte diese Schmerzen nicht mehr aus.»

Eine der bewegendsten Erzählungen ist zugleich die kürzeste, jene über Isabelle, das kleine Mädchen, das kurz nach der Geburt starb. «Wir treten ganz nahe. Isabelle trägt ein weisses, gestricktes Jäckchen, das fein modellierte Gesicht ist zart rosa, die Haut fühlt sich weich und warm an, ein leiser Protest gegen den frühen Tod.»

Stille Worte, mit grossem Respekt verfasst. Vor dem Leben, vor dem Tod.

Dieses Wissen um den richtigen Ton, dieses An-die-Grenze-Gehen, aber nicht darüber hinaus, dieses humorvolle Zuspitzen, aber nicht Überspitzen – genau das ist das Momentum, das das Buch so besonders macht. Als Leser setzt man sich in den Fauteuil – und bekommt grosses Wortkino vorgesetzt. Film ab.

Buchvernissage ist am nächsten Sonntag um 11 Uhr im Kornhauskeller in Frick

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