Rheinfelden
Ein Besuch beim Kegelklub «Humor» im Gasthaus zur Blume in Magden

Früher war Kegeln hier eine ernste Sache. Nicht nur das hat sich mit der Zeit geändert. Über heulende Serviertöchter, verpasste Plättli und die perfekte Bahn: ein Besuch bei einem Rheinfelder Kegelklub «Humor».

Mira Günthert
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Kegeln, reisen und es lustig haben zusammen: Peter Straumann, Hugo Weber und Gerhard Hassler (v. l.) vom Kegelklub Humor.
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Kegelklub Humor
Der Kegelklub Humor trifft sich jeden Mittwoch auf der Kegelbahn der Blume in Magden,...
... um zusammen zu kegeln. Dies schon seit 1892.
Anschreiben per Kreide

Kegeln, reisen und es lustig haben zusammen: Peter Straumann, Hugo Weber und Gerhard Hassler (v. l.) vom Kegelklub Humor.

Mira Güntert

Mittwochabend. 20 Uhr. Vor dem Gasthaus zur Blume in Magden. Drei Herren betreten das Lokal. Entschlossenen Schrittes gehen sie an Gaststube und Saal vorbei. Ihr Ziel: die Kegelbahn. Dort wartet schon der Vierte der Runde.

Seit 126 Jahren treffen sich die Mitglieder des Kegelklubs Humor zur wöchentlichen Kegelrunde. Der Klub wurde einst gegründet, um die langen Winterabende mit Kegeln zu verkürzen. Früher kegelte der Klub noch bei der Kegelbahn beim Rheinfelder Bahnhof. Seit diese nicht mehr ist, kegeln die Rheinfelder eben in Magden.

Heute sind nur vier der sieben Aktivmitglieder gekommen. Alles Herren im grau melierten Alter. Melden sich weniger als vier von ihnen an, wird der Abend abgesagt. «Sonst hätten wir ja gar keine Zeit mehr, um abzusitzen und etwas zu trinken», sagt Gerhard Hassler (79) spitzbübisch. Der Klubname scheint Programm.

Die Ruhe vor dem Sturm

Viel geplaudert zu Beginn wird nicht. Der Ablauf scheint gegebene Sache. Jeder hat drei Probewürfe. Zum Einwärmen quasi. Die Serviertochter betritt den Raum. «Rivella rot, Kafi, Mineralwasser?», fragt sie und schaut in die Männerrunde. Nicken. Drei der vier Bestellungen weiss sie aus dem Stegreif. Dass in einer abendlichen Männerrunde kein Bier getrunken wird, erstaunt die Journalistin doch etwas. «Mir gönd nochher no füre», zwinkert Hassler.

Serie

In der Serie «Unser» suchen wir in loser Folge spannende Orte und Personen auf und berichten, was wir dort erleben.

Heute: «Unser Kegelabend». Ein Besuch beim Kegelklub «Humor» im Gasthaus zur Blume in Magden.

Peter Straumann, Klubpräsident und mit 67 Jahren das Küken im Verein, richtet sich mit Aktenmappe, Kugelschreiber und viel Papier am Tisch ein. Er ist verantwortlich, dass alle Punkte und alle Babeli – also alle Würfe, die alle neun Kegel umgeworfen haben – genau notiert werden. Er wertet alle Kegelabende aus und berechnet so den jährlichen Klub- und Babelimeister. Während Straumann sein temporäres Büro aufbaut, stellt sich Hanspeter Märki (76) an die Schreibtafel. Er notiert die Würfe der folgenden Spiele.

Das erste Spiel läuft an. Hugo Weber (79) knallt die Kugel wuchtig auf die Bahn. «Das git gopferdelli hindere 22», ruft Hassler und schaut zu Märki, der sofort mit der Kreide ansetzt und die Zwischensumme notiert. «Jetzt muesch mindistens e Achter ha», sagt Straumann. Es gelingt. Weber wirft alle Kegel um. Die Sirene der Kegelanlage schrillt.

Seit 40 Jahren dabei

Märki ist der Dienstälteste im Klub – seit 40 Jahren ist er dabei. Der pensionierte Landwirt – damals noch der mit Abstand Jüngste im Verein – erinnert sich an seine ersten Jahre: «Das war noch eine ernste Sache. Man musste ganz ruhig sein, wenn einer der älteren Herren spielte.» Mehrere Male habe einer eine Serviertochter zum Heulen gebracht, weil er sie dermassen zusammengeschissen habe. Weil das Bier angeblich nicht richtig temperiert war oder der Wein nicht mundete.

Kegler waren einst angesehene Mannen. Hoteliers, Pfarrer, Lehrer. Heute erinnert nicht mehr viel an das Gründungsjahr 1892. Ausser die Statuten. Diese besagen bis heute, dass nur Männer im Klub zugelassen sind. «Das müssten wir eigentlich mal revidieren», sagt Hassler. Die anderen zucken mit den Schultern.

Mittlerweile haben die Kegler auf ein anderes Spiel gewechselt. Hanspeter Märki, der amtierende Vereins- und Babelimeister, hat einen Lauf. «Wenn er jetzt no e dritts Babeli wirft, muess er es Plättli zahle», kommentiert Straumann. Märki setzt zum Plättli-Wurf an. Er verharrt in der Abwurfposition und folgt angespannt dem Lauf der Kugel. «Ouuuuu», raunt es durch den Raum und Märki fasst sich an den Kopf. Das dritte Babeli in Folge bleibt aus. Also kein Plättli.

Fusion als Rettung

Dass der Verein heute noch existiert, ist einem anderen Kegelklub, der damals noch im «Rössli» in Zuzgen spielte, zu verdanken. Beide Klubs hatten vor rund zehn Jahren nur noch vier Mitglieder. Man entschloss, sich zusammenzuschliessen. Hassler und Weber sind heute die Überbleibsel aus dem Zuzger Klub.

Da ist sie, die Sache mit dem Nachwuchs. Eine harzige Angelegenheit. «Zwei bis drei zusätzliche Mitglieder wären dringend nötig», sagt Straumann. Doch diese sind nicht leicht zu finden. «Es ist schwierig, potenzielle neue Mitspieler fürs Kegeln zu begeistern», sagt Straumann. Und das, obwohl der Klub keine fixe Verpflichtung darstelle. «Wenn man mal keine Zeit hat, dann ist das kein Problem.»
Meisterschaften hat der Verein nie gespielt. Der Plausch, die Gemütlichkeit und Kameradschaft seien die Pfeiler des Klubs, sind sich die Kegler einig. Hassler pflichtet bei: «Wir sehen das Ganze als Spiel. Es geht vor allem darum, den anderen zu sagen, wie man richtig kegelt.» Die Runde lacht.

«Nüt riskiere, gäll», sagt Hassler zu Märki, der sich gerade eine Kugel aus dem Kugelkasten nimmt. «Nei, sicher nid», meint dieser. Kommt er jetzt beim aktuellen Spiel auf 111 Punkte, kostet es ihn eine Runde Bier. Glück gehabt, es gibt 112.

125-Jahre Jubiläum

Auch gemeinsame Reisen sind Teil des Klubprogramms. Alle zwei bis drei Jahre ist der Verein für ein paar Tage unterwegs. Dann dürfen sogar die Gattinnen dabei sein. Vergangenes Jahr waren die Klubmitglieder im Rahmen des 125-Jahre-Jubiläums des Vereins acht Tage in Strassburg.

Angesprochen auf ihre Reisen, fallen den Keglern viele Anekdoten aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein. «Einmal, am Gardasee, wurde in unseren Car eingebrochen. Dem Chauffeur wurde sein Rückspiegel gestohlen. Dann mussten wir ewig auf die Carabinieri warten», erzählt Märki. Oder als kein Hotel den Klubmitgliedern ein Zimmer anbieten wollte. «Als dann meine Frau anrief, waren plötzlich ganz viele Zimmer frei», erzählt Straumann. «Dabei sind wir ja ein seriöser Klub», sagt er. Und wieder lacht die Runde.

«Hüt isch d Bahn bsunders glatt gsi», sagt Weber. Für seinen Geschmack zu glatt. Es beginnen fachmännische Erklärungen in Richtung Journalistin, wie denn die Bahn im Optimalfall zu sein hat. «Sie sett früsch putzt si», meint Straumann. «Aber nid zu früsch, suscht isch sie z glatt», ergänzt Hassler. Aha.

Nachdem der Zeitungsbesuch verabschiedet wurde und Straumann sein Schreibzeug wieder verstaut hat, setzen sich die Männer wie angekündigt noch ins Restaurant. Ohne Plättli, dafür mit wohlverdientem Herrgöttli.