Eiken
Eiker Gemeindeammann: «Es hat sich toll angelassen»

Patrik Balmer spricht im az-Interview über die ersten 75 Tage als Ammann, die neue Ruhe im Dorf und die alte Frage: Quo vadis, Eiken?

Thomas Wehrli
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«Das Wasser war nicht sonderlich kalt»: Patrik Balmer ist seit dem 8.März Gemeindeammann von Eiken. Er sagt: «Wir wurden mit offenen Armen empfangen.» twe

«Das Wasser war nicht sonderlich kalt»: Patrik Balmer ist seit dem 8.März Gemeindeammann von Eiken. Er sagt: «Wir wurden mit offenen Armen empfangen.» twe

Thomas Wehrli

Herr Balmer, Sie sind seit 75 Tagen im Amt. Dachten Sie 75 Mal: Warum habe ich mir das angetan?

Patrik Balmer: Nicht einmal.

Sie haben den Schritt nie bereut?

Bis jetzt nicht eine Sekunde.

Zur Person: Patrik Balmer

Patrik Balmer ist 33 Jahre alt, von Beruf Regionenleiter Bahntechnik. Balmer ist parteilos, lebt seit gut drei Jahren in Eiken, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Balmer wurde am 8. März in den Gemeinderat und gleichzeitig zum neuen Gemeindeammann gewählt.

Sie sprangen im März dreifach ins kalte Wasser. Sie hatten selber noch keine politischen Erfahrungen, übernahmen gleich den Ammanjob und das in einem rundum erneuerten Team. Wie kalt war das Wasser?

Es war nicht sonderlich kalt. Von der Verwaltung wurden wir mit offenen Armen empfangen, zwei der abtretenden Gemeinderäte standen uns bei den ersten beiden Sitzungen beiseite. Wir fanden uns auch als Team sehr schnell. Wir sind jung, bunt, motiviert und haben bereits einen guten Team-Spirit entwickelt. Es hat sich toll angelassen.

Geri Zumsteg und Guido Schmidli anerboten sich, bei «Hochwasser» auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Rat noch Hilfestellung zu leisten. Mussten Sie dieses Angebot schon einmal annehmen?

Ich habe das Angebot sehr geschätzt, das nahm auch Druck von uns. Genutzt habe ich es bislang nie. Und nun ist das Zeitfenster aus meiner Sicht zu.

Im letzten Jahr sorgte Eiken mit den Querelen im Gemeinderat, der in einem Vierfachrücktritt mündete, für viele Negativ-Schlagzeilen. Auch das Verhältnis zwischen Verwaltung und Behörde schien belastet. Wie gingen Sie damit um?

Ich sagte bereits im Vorfeld der Wahl: Ich will mir ein eigenes Bild machen. Das habe ich getan und das Bild ist deutlich besser, als ich das aufgrund der Vorfälle und Berichte erwartet hatte. Die Verwaltung schickte jedem von uns eine Glückwunschkarte zur Wahl nach Hause und wir wurden im Gemeindehaus mit offenen Armen empfangen.

Sie spürten nichts von der Kluft, die angeblich zwischen Behörde und Verwaltung vorhanden war?

Gehört habe ich im Vorfeld natürlich auch von dieser angeblichen Kluft. Erlebt habe ich das Gegenteil. Es ist ein sehr gutes Zusammenarbeiten, man hilft einander. Einen Graben gibt es nicht; dafür hätte es weder Zeit noch Platz. Es ist immer auch eine Frage der Kommunikation: So wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück. Wenn ich etwas wissen will, muss ich fragen. Das mache ich und damit fahre ich gut.

Was ist Ihnen im Umgang mit den Mitarbeitern wichtig?

Eine offene Kommunikation. Sie ist das A und O in der Führung und das wird von den Mitarbeitern auch sehr geschätzt. Ich bin jeden Montag mindestens am Nachmittag im Gemeindehaus und schaue auch sonst oft vorbei. Zudem ist mir wichtig, alle unsere Einrichtungen und Werke zu besuchen und mit den Mitarbeitern vor Ort über ihre Aufgaben und allfällige Probleme zu reden.

Wie zeitintensiv ist der Ammann-Job?

Derzeit investiere ich weit über 30 Prozent in den Ammann-Job. Alles ist noch neu, die Abläufe sind noch ungewohnt. Die Einarbeitung braucht Zeit. In einigen Monaten, wenn ich die internen Prozesse kenne und etliches Routine ist, dürfte sich das Pensum zwischen 20 und 30 Prozent einpendeln.

Das ist viel Zeit. Wie geht das neben dem Beruf?

Ich bin Geschäftsführer mit zwei Abteilungen und habe gute, junge Leute in meinem Team. Das ist entscheidend. Ich führte im Vorfeld der Wahlen natürlich Gespräche mit dem CEO und dem Inhaber. Sie wissen, welchen Einsatz ich in den letzten Jahren für die Firma geleistet habe, und stehen hinter der Wahl. Zudem: Ich habe Budgetverantwortung; abgerechnet wird Ende Jahr.

Jung und politisch wenig erfahren sind auch Sie und Ihr Gemeinderatsteam. Ist das mehr Fluch oder Segen?

Es ist eine Mischung aus beiden. Der Segen ist, dass wir jung, motiviert und noch nicht festgefahren sind. Man ist so offener für Neues als Leute, die seit Jahren im gleichen Trott unterwegs sind. Ein kleiner Fluch mag sein, dass in diese Konstellation natürlich die Erfahrung, das Know-how etwas fehlt.

Die bringt Gemeindeschreiber Marcel Weiss mit. Er arbeitet seit 37 Jahren für die Gemeinde. Das Gemeinderatsteam dagegen bringt es zusammen auf 2 Jahre Exekutiverfahrung. Ich stelle auch hier die Frage: Ist diese Konstellation – erfahrener Gemeindeschreiber, unerfahrene Behörde – mehr Fluch oder Segen?

Es ist auch hier beides. Von seiner Erfahrung und seinem Know-how können wir profitieren. Erfahrung beinhaltet aber immer auch die latente Gefahr, festzufahren. Die Zusammenarbeit erlebe ich als konstruktiv und gut.

Seit Sie das Gemeinderatsteam übernommen haben, scheint Ruhe im Dorf eingekehrt zu sein. Nun gibt es dafür zwei Interpretationsmöglichkeiten. Erstens: Die Ruhe ist nur scheinbar; zweitens: Sie machen etwas besser als Ihre Vorgänger. Was trifft zu?

Das müssten Sie die Bevölkerung fragen. Wir sind erst seit Kurzem an der Arbeit und ich denke, wir haben es verdient, dass man uns die nötige Zeit einräumt, um uns einzuarbeiten. Ob wir etwas besser machen? Ich weiss es nicht; das dürfte sich an den ersten Gemeindeversammlungen zeigen.

Wie stark beschäftigt Sie die Vergangenheit?

Was geschehen ist, darf und kann man auf Sachgeschäftsebene nicht ausser Acht lassen. Zum Personellen, also dazu, was wie im Gemeinderat ablief, kann ich keine Stellung nehmen – und es interessiert mich auch nicht. Was war, war. Darunter muss man einen Strich ziehen und nach vorne schauen. Ändern kann man das Geschehene ohnehin nicht mehr.

Das stimmt. Nur: Das Menschliche beeinflusst immer auch das Sachliche. Hat Eiken unter der Disharmonie im Gemeinderat gelitten?

Wir hören von vielen Seiten, dass ein neuer Wind weht. Ich fasse das als Kompliment auf.

Sagen wir es medizinisch: Eiken war in den letzten Monaten verschnupft. Welche Medizin haben Sie dem Patienten verabreicht?

Offene Kommunikation. Deshalb machen wir auch den Schritt hinaus, besuchen Vereine und Anlässe, gehen bei Spielgruppen und Schulen vorbei, suchen das Gespräch mit den umliegenden Gemeinden. Wir zeigen uns und kommen mit den Leuten ins Gespräch. Die Bevölkerung muss uns kennenlernen und wir sie. Es ist ein Geben und ein Nehmen. So bildet man Vertrauen.

Die umliegenden Gemeinden werden es gerne hören. Denn bislang hörte man oft, dass Eiken bei grenzüberschreitenden Projekten ein Bremsklotz sei.

Das ist eine Aussensicht. (Lacht.) Eiken wurde von Aussenstehenden auch schon als widerspenstiges Gallierdorf betitelt, das der Ansicht sei, rundherum seien die bösen Römer stationiert. Das ist nicht so. Wenn eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden Sinn macht, dann sperre ich mich sicher nicht dagegen. Auch hier gilt: Es muss ein Geben und ein Nehmen sein, einmal profitiert der eine, einmal der andere. Klar ist aber auch: Wir werden sicher nicht zu allem Ja und Amen sagen.

Ein regionales Problem ist der Verkehr, der stets mehr wird und in dem Eiken zu Stosszeiten fast erstickt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass man hier in absehbarer Zeit eine Lösung findet?

Wir müssen eine Lösung finden. Wie viel Zeit dies braucht, kann ich nicht sagen. Das können 2, 5 oder 10 Jahre sein. Das hängt auch davon ab, wie sich der Kanton zu einer möglichen Lösung stellt, schliesslich handelt es sich um Kantonsstrassen. Eine schnelle Lösung wird es sicher nicht geben.

Wo möchten Sie Eiken in Zukunft positionieren?

Das Klischee, dass wir besagtes Gallierdorf sind, ist falsch und das möchte ich korrigieren. Wir sind eine offene Gemeinschaft und haben als Dorf viel zu bieten. Das zu zeigen, ist für mich ein elementares Anliegen. Im Inneren gilt es die guten Strukturen zu sichern und weiter auszubauen, damit das für die Zukunft gerüstet ist. Ich bin ein Mensch, der gerne nach vorne schaut ...

... dann lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen: Wo soll Eiken in zehn Jahren stehen?

Fragen Sie mich dies in einigen Monaten noch mal. Für uns steht nun zuerst einmal unsere erste Gemeindeversammlung im Juni an. Das wird für uns alle speziell sein. Danach werden wir uns die Zeit nehmen, um eine Vision für das Dorf zu entwickeln. Wir haben bewusst darauf verzichtet, schon in den ersten Wochen eine Zukunftsstrategie zu formulieren. Denn wir sind alle immer noch am Lernen und erhalten jeden Tag neue Inputs. Diese wollen wir in eine Zukunftsvision einfliessen lassen. Ich denke, Ende Jahr sind wir so weit, dass wir sagen können: Hierhin wollen wir das Schiff steuern.

Sind Sie angespannt vor Ihrer ersten Gemeindeversammlung?

Wenn ich Nein sagen würde, wäre das gelogen. Es wird ein spezieller Abend werden – hoffentlich vor einem vollen Saal. Das wäre für uns ein starkes Zeichen.

Bislang scheint der neue Gemeinderat eher im Schützengraben zu arbeiten. Wann steigt er daraus hervor und setzt die ersten sichtbaren Zeichen? Schon an der Juni-Gemeindeversammlung?

So ist es nicht. Der Gemeinderat hat seinen Kopf schon mehrfach aus dem Schützengraben gestreckt, die ersten grösseren Projekte sind bereits im Gang, die ersten Kontakte mit den umliegenden Gemeinden geknüpft. Im Juni werden aber noch keine grösseren Geschäfte traktandiert sein.

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