Ambulanz
Eigenartiger Streit: Wer darf eigentlich wen retten?

Die Zulassung eines privaten Anbieters ohne Zertifizierung stösst Spitälern sauer auf. Sie verlieren dadurch Einsätze und Einnahmen in Millionenhöhe.

Urs Moser
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Das Team von Alpha Medic mit Geschäftsführer Jean-Claude Furegati (rechts) im Sanitätseinsatz am «Touch The Air» in Wohlen.

Das Team von Alpha Medic mit Geschäftsführer Jean-Claude Furegati (rechts) im Sanitätseinsatz am «Touch The Air» in Wohlen.

Dominic Kobelt

Die Betriebsbewilligung für einen Rettungsdienst gibt es im Aargau nur mit der Anerkennung durch den Interverband für das Rettungswesen (IVR), der sich mit einem Leistungsauftrag der Gesundheitsdirektorenkonferenz der Qualitätssicherung widmet.

Das zwingende Erfordernis der IVR-Anerkennung wäre den privaten Rettungsdiensten Neeser in Wohlen und Intermedic in Berikon beinahe zum Verhängnis geworden, denn sie hatten lange Mühe, die Bedingungen für die (Re-)Zertifizierung durch den IVR zu erfüllen.

Jetzt kommt aber ein dritter privater Anbieter auf den Markt, für den andere Regeln zu gelten scheinen.

Obwohl sie (noch) nicht IVR-zertifiziert ist, hat die Alpha Medic AG die Betriebsbewilligung für einen Rettungsdienst mit Stützpunkt in Lenzburg erhalten, bestätigt das Departement Gesundheit und Soziales.

Aarau–Zürich retour

Wie es dazu kam, hört sich nach einer Farce an. Alpha Medic verfügt über eine sogenannte kleine Bewilligung für Sekundärtransporte (Patienten-Verlegungen) und operierte bisher von Wohlen aus.

Wenn das Unternehmen an einer Sportveranstaltung oder einem Open-Air-Festival den Sanitätsdienst leistet, darf es den Transport von Verunfallten nicht selbst durchführen, weil ihm die Zulassung für Primär-Rettungseinsätze verweigert wurde.

Anders als der Aargau unterscheidet Zürich nicht zwischen Primär- und Sekundär-Rettungstransporten. Also beantragte Alpha Medic, gestützt auf die «kleine» Aargauer Betriebsbewilligung, eine Zulassung in Zürich – mit Erfolg.

Mit der Zürcher Bewilligung in der Tasche sprach man wieder in Aarau vor. Und siehe da: Jetzt bekam Alpha Medic im Aargau auch die «grosse» Bewilligung.

«Gestützt auf die zürcherische Bewilligung und in Anwendung der Binnenmarktgesetzgebung», erklärt Balz Bruder, Sprecher des Departements Gesundheit und Soziales.

Das Binnenmarktgesetz garantiert den Marktzugang für Waren und Dienstleistungen in der ganzen Schweiz.

Aufgrund dieses übergeordneten Rechts könne einem in einem anderen Kanton zugelassenen Rettungsdienst die Bewilligung im Aargau nicht verweigert werden, heisst es aus dem Departement Gesundheit und Soziales.

Dass damit die Zulassungsbestimmungen in der Verordnung über die Berufe, Organisationen und Betriebe im Gesundheitswesen zum toten Buchstaben werden, will man so dennoch nicht gelten lassen.

Man verweist darauf, dass auch der Kanton Zürich von Alpha Medic die IVR-Anerkennung verlange.

Das Unternehmen hat drei Jahre Zeit, sie zu erlangen. Sollte die Zürcher Bewilligung dahinfallen, würde Alpha Medic auch die «grosse» Bewilligung für den Aargau wieder verlieren.

Spitäler wollen Gebietsschutz

Betriebsbewilligung und IVR-Anerkennung sind das eine, die Gebietszuteilung das andere. Der Kanton legt fest, wo die Einsatzleitstelle für einen Rettungseinsatz welche Ambulanz aufzubieten hat.

Alpha Medic hat sich nicht von ungefähr Lenzburg als Standort seiner neuen Rettungswache ausgesucht.

Von hier aus ist ein recht grosses Einzugsgebiet schneller zu erreichen als von den Kantonsspitälern Aarau und Baden und vom Spital Menziken aus.

Es gibt zwar keinen Rechtsanspruch auf die Zuteilung eines Einsatzgebiets, aber auch keine Rechtsgrundlage, einem zugelassenen Rettungsdienst die Zuteilung eines Gebiets zu verweigern. Die schnelle Erreichbarkeit sei das einzige Kriterium, nach welchem der Kanton die Zuteilung vornimmt, so Daniela Diener, Sprecherin des Departements Gesundheit und Soziales.

Kritik am Eigentümer

Die beiden Kantonsspitäler Aarau und Baden üben offene Kritik am Entscheid des Kantons. Man bedaure, dass eine Zulassung ohne IVR-Anerkennung vergeben wird. Dadurch würden die Rettungsdienste benachteiligt, die «seit zehn Jahren die kostspieligen Auflagen erfüllen und regelmässig in die technische Ausrüstung sowie die fachliche Ausbildung des Personals investieren».

Mit der Aufnahme eines weiteren Anbieters ins Einsatzdispositiv würden vor allem die Einsatzgebiete der bestehenden Rettungsdienste der Kantonsspitäler Aarau und Baden massgeblich verkleinert. Das führe «zwangsläufig» zu einer Unterdeckung der hohen Kosten für die vom Kanton verlangten Vorhalteleistungen. Und das könnte Konsequenzen haben: Man werde in den nächsten Wochen entscheiden, ob mit dem Entscheid des Departements Gesundheit und Soziales Kapazitäten der eigenen Rettungsdienste angepasst werden müssen, teilen die CEOs der Kantonsspitäler Aarau und Baden mit. (mou)

Das wurde kürzlich auch den Leitern der etablierten Rettungsdienste an einem Treffen eröffnet: Der Kanton werde Alpha Medic ein Gebiet zuteilen müssen. Das sorgte für Wirbel.

Alle Anwesenden hätten ihr Unverständnis über das Verfahren geäussert, heisst es im Protokoll zu dieser Zusammenkunft, das der az vorliegt: «Der fehlende Gebietsschutz stellt ein unkalkulierbares Problem dar.»

Der Unmut ist verständlich: Die Aargauer Tarife gehören zu den tiefsten in der Schweiz, die Kosten der sogenannten Vorhalteleistungen der Spitäler für ihre Rettungsdienste dagegen sind hoch: Personal, Ambulanzfahrzeuge und medizintechnische Geräte müssen 24 Stunden einsatzbereit sein, ob ein Notruf eingeht oder nicht.

Wenn nun ein neuer Anbieter auf den Markt drängt, verlieren die Spitäler Einsätze und damit Einnahmen vermutlich in Millionenhöhe.

Der Kostendeckungsgrad verschlechtert sich, die Rettungsdienste müssen stärker aus dem Spitalbudget quersubventioniert werden.

Revierstreit noch offen

Die Ambulanz der Alpha Medic stünde seit vergangenem Freitag an der Industriestrasse in Lenzburg für Rettungseinsätze bereit, aber der Betrieb konnte nicht plangemäss starten.

Beim Kanton äussert man sich vage zum Stand des Verfahrens: Die Gebietszuteilung sei noch nicht erfolgt, weil «einige Angaben seitens Alpha Medic» ausstehen.

Man hat man offenbar schon auch offene Ohren für die Sorgen der Spitäler. Jedenfalls läuft derzeit eine Art Katz-und-Maus-Spiel mit Alpha Medic: Man verlange von ihm für die Gebietszuteilung den Nachweis der Anstellung von genügend Personal für einen 24-Stunden-Betrieb, sagt Geschäftsführer Jean-Claude Furegati.

Er stellt sich aber auf den Standpunkt, dass er keinesfalls mehr Personal fest anstellen kann, bevor eben diese Gebietszuteilung und Anbindung an die Einsatzleitstelle gesichert ist:

Denn ohne diese «Revierbereinigung» würde weiterhin kein einziger Auftrag für einen Primär-Rettungseinsatz bei Alpha Medic eingehen. Furegati ist für az-Leser übrigens kein Unbekannter: Er steht auch hinter der Kita Suisse GmbH, die in Aarau die Aare Kita betreibt, für die er ein eigenes Qualitätslabel kreierte.

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