Laufenburg
«Ehrlich gesagt, es liegt auch ein bisschen an uns»

Ein Besuch bei den Wirten im Rheinstädtchen Laufenburg zeigt: Die Gäste kommen nur spärlich – auch wegen der günstigeren Konkurrenz aus dem Ausland. Mit allen Mitteln kämpfen die Restaurants auf Schweizer Boden um ihre Kundschaft

Aline Wüst
Merken
Drucken
Teilen
Josy Gürtler wirtet in der «Probstei» in Laufenburg. Annika Bütschi

Josy Gürtler wirtet in der «Probstei» in Laufenburg. Annika Bütschi

Der arme Löwe. Hoch oben auf der Ruine Laufenburg muss er tanzen, wie der Wind es will. Machtlos wie das Wappentier fühlen sich unten in den Gassen des Städtchens auch die Wirte.

Ihr Problem ist zugleich ihr Kapital: die schöne Lage. Der Rhein, die Brücke, die das aargauische mit dem deutschen Laufenburg verbindet.

Diese paar Schritte raus aus der Schweiz, die das Bier mindestens einen Franken günstiger machen, auch das Zmittag, das Sandwich, die Glaces, den Wein. Geniessen kann man das erst noch oft mit Sicht auf den Rhein.

Auf der Schweizer Seite hat einzig die Altersresidenz eine Terrasse mit Rheinsicht – früher war auch sie ein Hotel. Ein paar Schritte weiter ist das Restaurant «Meerfräulein». Auch zu.

Konkurs Zurzacherhof: Wirte an der Grenze leiden

Diese Woche meldeten die Wirte des Zurzacherhofs in Bad Zurzach Konkurs an. Als Grund nannten sie den starken Franken und die dadurch ausbleibenden Kunden aus Deutschland und aus der Schweiz. Gastro-Aargau-Präsident Josef Füglistaller sagte daraufhin, dass weiterhin vor allem die Wirte in den grenznahen Gebieten unter dem Kurs und dem veränderten Konsumverhalten leiden würden. Den historischen Tiefstand erreichte der Euro im Sommer 2011. Damals war ein Franken praktisch gleich viel Wert wie ein Euro. Die Nationalbank legte daraufhin einen Mindestkurs von Fr. 1.20 fest. Aktuell ist ein Euro Fr. 1.24 wert.

Die eingefrorene Musik

Immer noch da ist Josy Gürtler. Sie wirtet in der «Probstei». «Wir haben hier schon ein Riesenproblem», sagt sie. «Aber ehrlich gesagt, es liegt auch ein bisschen an uns.» Dort drüben auf der anderen Seite sei es einfach anmächeliger und gemütlicher.

Die Aargauer Laufenburger hätten irgendwie die Beziehung zum Städtchen verloren. «Es ist nicht nur der Preisunterschied», sagt die Wirtin und drückt die Café-Creme-Taste auf ihrer Kaffeemaschine.

Geöffnet hat die «Probstei» erst ab 14 Uhr. Auf der Jukebox ist die Musikgeschichte seit 1995 eingefroren – seit dem Ende der Miniplatten. Verändert hat sich alles andere – auch die Menschen.

Sie essen, stehen auf und gehen sofort wieder, sagt Gürtler. Wichtig seien darum die Stammgäste. Würde sie warten, bis sich ein Tourist zu ihr verirrt, sie würde zugrunde gehen, sagt sie und lacht ohne Bitterkeit.

Die Wirtin beschäftigt einen Koch und eine Aushilfsserviertochter. Den Rest macht die 61-Jährige allein.

Sicht von vom deutschen Laufenburg aufs Aargauer Laufenburg
5 Bilder
Im deutschen Laufenburg machen viele Radtouristen halt
Die Sicht vom Aargau über den Rhein
Die Kirche im aargauischen Laufenburg
Das Café Spatz Warteck in Laufenburg, in dem Erika Lagler wirtet

Sicht von vom deutschen Laufenburg aufs Aargauer Laufenburg

Annika Bütschi

Sie hat eine Witwenrente, damit kommt sie über die Runde. Eine Walliser Rösti kostet in der «Probstei» 21 Franken, das Bier Fr. 3.80. Auf der Karte steht vier Franken. «Wir passen uns an», sagt sie.

Auf der Gasse zielen Buben mit Plastikpistolen aufeinander, ducken sich hinter Abfallsäcken, schreien: «Tot, tot, tot.» Ein Ehepaar aus Herisau sucht einen Ort fürs Zmittag, findet aber nichts.

«Es ist seltsam, dass gar niemand auf der Strasse ist», sagen die Touristen aus Appenzell Ausserrhoden. Das Paar geht über die Brücke. Wie voll die Restaurants dort sind, sieht man von der Schweizer Seite aus gut.

Im deutschen Laufenburg gibt es 25 Gastrobetriebe und 8560 Einwohner. Das aargauische Laufenburg hat neun Gastrobetriebe und 3250 Einwohner.

Martina Brutsche führt das Hotel und Restaurant Rebstock im deutschen Laufenburg. Weisse Tischtücher, grosse Fenster, Rheinsicht. «Ich habe Mitleid mit den Schweizer Kollegen», sagt sie.

Zwei Länder – eine Stadt

Der Wechselkurs sei für die Schweizer Wirte schwierig, aber ausschlaggebend für die Preisdifferenz seien die höheren Löhne. «Die machen es dafür für uns schwierig, Personal zu finden.»

Das Mittagsmenü gestern im «Rebstock» – Wurstspiesserl an Currysosse mit Pommes frites – kostet keine zehn Franken, und das inklusive Suppe oder Salat.

Drüben in der Schweiz gibt Erika Lagler noch einen drauf. In ihrem «Café Spatz Warteck» ist alles inklusive.

Gestern zum Beispiel ein Salatteller mit Schweinsbraten, Suppe und Salat, ein Glas Mineral nature oder süss und ein Kafi. Kosten: Fr. 17.50. Über den Mittag bleiben trotzdem viele Stühle leer.

«Ich weiss auch nicht, was ich noch machen soll.» Und dann sagt Erika Lagler es: «Es schisst mich a.»

Sie verwöhne die Gäste gern, geniesse ein volles Restaurant, überlege sich ständig Neues – beispielsweise den Bauernbrunch am Sonntag. Es nütze kaum etwas. Aber aufgeben, nein. «So schnell gebe ich nicht auf», sagt Lagler.

«Zwei Länder – eine Stadt» so werden die beiden Laufenburg touristisch verkauft. Doch diese Stadt hat einen Riss: Auf der deutschen Seite sagen alle Wirte entschuldigend: «Ja es läuft gut.»

In der Schweiz sagen sie: «Es muss halt.» Ausser Rolf Maier von Bäckerei und Café Maier. Er sagt das Gleiche wie die Deutschen. Sein Rezept? «Man gibt einfach das Beste.»

Genauso wie es sein Grossvater tat und seine Enkel schon tun. Der alte Mann lächelt zufrieden, wie die steinernen Engel oben in der Kirche es seit Jahrhunderten tun. Dieser pompösen Kirche, bei der die Weihrauchschwaden trotz geschlossener Tür nach draussen drängen.

Unten in den Gassen wünschten sich die Wirte, dass Düfte aus ihren Küchen in den Gassen hängen würden. Doch in Laufenburg riecht es auch um die Mittagszeit einfach nur nach Sommer.