Schweren Herzens hat Jürg Jenny seine weitherum bekannten und bei vielen Menschen beliebten Raubkatzen-Vorstellungen aufgeben müssen. Diese hat er jeweils sonntagvormittags durchgeführt und kommentiert. Vergangenen Oktober zwangen gesundheitliche Gründe den Dompteur vom Gut Sennweid bei Olsberg dazu, seine Shows einzustellen.

Gleich doppeltes Schicksal ereilte den 63-Jährigen. Dieser hatte einen schweren Unfall. Er wurde von einem seiner beiden Tiger angefallen. Mit Hand, Ellbogen und Knie erwischte es drei Körperpartien. «Ich bin immer noch am Herumdoktern», berichtet Jenny, dessen Hand vom Raubtier durchbissen worden ist. «Nerven wurden verletzt, aber keine Sehne – Gott sei Dank», seufzt er.

«Es war mein Fehler»

Der Fricktaler trug schon früher nach vereinzelten Attacken seiner Raubkatzen mehrere Narben davon. Jenny betont aber bei jeder Gelegenheit, dass solche Zwischenfälle stets auf seine Kappe gegangen seien und die Schuld nie beim Tier gelegen habe. So auch im vergangenen Oktober. «Es war mein Fehler und vermeidbar. Während meiner 43-jährigen Tätigkeit war das der schlimmste Unfall. So hat es mich noch nie erwischt», erinnert sich Jürg Jenny.

Und wie wenn diese Unbill noch nicht genug wäre, musste der Dompteur kurz darauf einen weiteren Tiefschlag einstecken. Bei ihm wurde Krebs diagnostiziert. Seine Krankheit ist nicht therapierbar. Jürg Jenny unterzieht sich zwar einer moderaten Chemotherapie, «aber nicht mit der grossen Keule», wie er sagt. Er achte darauf, den Krankheitsverlauf hinauszuzögern. Der Olsberger ist ein kämpferischer Typ und meint dazu: «Ich lebe damit und muss es akzeptieren. Derzeit geht es mir gut, ich habe noch keine Beschwerden.»

Jürg Jenny behält seine Raubtiere: drei Löwen, je zwei Tiger und Leoparden. Er kann mit ihnen jedoch nicht mehr arbeiten. Sein Sohn Samuel, der die bisherige Stelle gekündigt hat, ist nun für die Tiere zuständig. Er füttert und pflegt sie, lässt sie raus und holt sie wieder rein. «Alles mit Seilzügen, wie im Zoo», erzählt Jenny, «mein Sohn geht nicht ins Gehege wie ich.»

Hätte Jürg Jenny letzten Herbst mit seinen Auftritten nicht gezwungenermassen aufhören müssen, wäre er damit heuer ohnehin zurückgefahren. Er hätte bloss noch die Sonntagsvorstellungen bestritten und «ein paar sonstige gute Sachen» gemacht, aber nicht mehr 150 Auftritte pro Jahr wie früher. Irgendwann komme der Moment, dann sei einfach genug, konstatiert Jenny. «Zudem haben meine Tiere ein gewisses Alter, sie mögen nicht mehr so gut.»

Grosse Erfolge

Lange 23 Jahre war Jürg Jenny mit dem Zirkus unterwegs; er gastierte bei nationalen und internationalen, auch beim Festival von Monte Carlo, wo er grosse Erfolge feierte. «Die 1990er-Jahre waren schon toll», blickt er zurück. Später ging Jenny neue Wege. Er bot seinen Raubtieren auf der Sennweid weitläufige Gehege, beschäftigte und förderte sie in Dressurstunden. Für diese Tierhaltung wurde er selbst vom Schweizer Tierschutz gelobt.

Der 63-jährige Raubtier-Dompteur stellte bei jeder Sonntagsvorführung eine Kasse auf, welche die Besucher freiwillig füttern konnten. Damit finanzierte er die Kosten fürs Futter. «Für mich blieb auch noch etwas übrig», so Jürg Jenny. Nun fielen diese Einnahmen weg, und er allein müsse für die Tiernahrung aufkommen. Ein paar tausend Personen pilgerten jährlich auf die Sennweid, um Jennys Shows zu sehen. Eine Institution, die nach 16 Jahren ein jähes Ende gefunden hat und nun fehlt.