Frick

Ehemaliger Grossrat Isidor Bürgi wird 95: «Ich wälzte Abende lang Fachliteratur»

Isidor Bürgi ist mit 95 noch fit. «So gesehen ist es das glücklichste Jahr in meinem Leben», sagt er.

Isidor Bürgi ist mit 95 noch fit. «So gesehen ist es das glücklichste Jahr in meinem Leben», sagt er.

Isidor Bürgi hat als Tierarzt und Politiker viel für die Region und den Kanton bewirkt. Am heutigen Freitag feiert er seinen 95. Geburtstag.

«Der Zeit oft voraus», titelt der «Fricktaler Bote» am 30. März 1984 zum Rücktritt von Isidor Bürgi als Grossrat. Geschrieben hat den Artikel der heutige SVP-Nationalrat Maximilian Reimann. Bürgi sei ein Vorkämpfer für den Umweltschutz und für die Sparsamkeit im Staatshaushalt, bilanziert Reimann.

Isidor Bürgi. Wirtesohn, Tierarzt, Grossrat, Oberst, Chef des Regionalen Führungsstabes, Berater, Vater. Er hat in seinem Leben viel gekrampft. Es gab Zeiten, da kam er mit zwei oder drei Stunden Schlaf pro Nacht aus. Bürgi lacht, wie wir uns im kleinen Büro seiner Wohnung über sein Leben unterhalten. «Geschadet hat es mir nicht.»

Heute wird Isidor Bürgi 95. Ein Rückblick in zehn Jahreszahlen; eine für jedes (angefangene) Lebensjahrzehnt.

1923Der Halt am Bözberg.

Es war ein milder, recht sonniger Frühlingstag, der 6. April 1923. Auf 12,3 Grad kletterte das Thermometer an diesem Freitag in Basel, vereinzelt zogen Gewitterzellen über die Schweiz. Das Wetter dürfte Rosa Bürgi an diesem Tag kaum gekümmert haben, denn am 6. April 1923 kam ihr Sohn Isidor zur Welt. Er sollte Geschichte schreiben, Jahre später.

Vorerst wuchs er in der «Glocke» in Effingen auf, einem «währschaften Restaurant», wie Bürgi erzählt. Die Strasse führte damals noch mitten durch das Dorf und die Lastwagen, die sich über den Bözberg quälten, mussten hier halten, um ihr Gefährt zu warten. Wasser nachfüllen, Ölstand messen, nachtanken.

Die Chauffeure kehrten in der urchigen Beiz ein, die gleichzeitig Laden, Tankstelle und kleiner Landwirtschaftsbetrieb war. Der Vater, ebenfalls ein Isidor, schlachtete selber, war Wirt, Metzger, Detaillist und Viehhändler in einem. Ein echter Bürgi eben.

Ein Gang, ein regelmässiger, ist Isidor Bürgi besonders in Erinnerung gebliebne. Einmal im Monat, immer am Herz-Jesu-Freitag, musste er, damals sieben Jahre alt und einziges katholisches Kind im Dorf, frühmorgens alleine von Effingen nach Zeihen stapfen.

Der Weg führte dem Wald entlang. Er habe, besonders im Winter, wenn es am Morgen noch dunkel war, schon Schiss gehabt, sagt Bürgi, zuckt mit den Schultern. «Aber was solls. Da mussten wir durch.»

Bürgi lacht, wie so oft während des gut zweistündigen Gesprächs. Es sei eine gute Zeit gewesen, sagt er dann – trotz Katechismus-Pauken. Jede Woche mussten die Kinder drei Fragen aus dem Katechismus lernen. Isidor konnte damals noch nicht lesen. Die Mutter las ihm die Sätze deshalb vor, so lange, bis er sie auswendig konnte.

1931Die Beiz als Wohnstube.

Mit der Verlegung der Bözbergstrasse an den Dorfrand verlor die «Glocke» ihre Bedeutung. Vater Isidor verkaufte das Gasthaus und übernahm den «Rebstock» in Frick, eine von damals elf Beizen in Frick. Die Bürgis arbeiteten hart und machten den «Rebstock» zu einer der Topadressen in der Region.

Auch die Kinder halfen mit, «das war selbstverständlich», sagt Bürgi. In der Beiz, im grossen Gemüsegarten. Die Gaststube war lange Zeit auch sein Wohnzimmer. Wieder lacht Bürgi, wie er an die Jassrunden der Bauern an den Sonntagnachmittagen zurückdenkt.

Gespielt wurden immer zwei Runden. Die Verlierer zahlten einen Liter Fricktaler Wein. «Ein leichter Tropfen», sagt Bürgi, der Liter zu Fr. 1.50. Bis zum Ende der nächsten Runde musste er getrunken sein, denn dann war die nächste Flasche fällig.

Da kam schon ordentlich etwas zusammen und nicht immer lief alles ganz sauber. «Die einen konnten gut schummeln», erinnert sich Bürgi. Verraten habe er sie nie, Gott bewahre, da hätte auch der Vater keine Freude daran gehabt.

Frick war damals ein bäuerliches Dorf mit knapp 1300 Einwohnern. «Vor vielen Häusern hatte es noch einen Miststock», erinnert sich Bürgi. Frick war mehrheitlich katholisch und wenn Pfarrer Knecht durch das Dorf stolzierte, mitten auf der Hauptstrasse, so mussten die Kinder zu ihm eilen, um ihm die Hand zu schütteln.

1940Die Einwohnerfrage.

Wer ist grösser? Frick oder Laufenburg? Jede wollte es sein. Nur wuchs Frick, das mit dem Bezirkshauptort nur über einen Feldweg verbunden war, dank der Industrialisierung stärker als Laufenburg und bei der Volkszählung 1940 waren die Fricker sicher, Laufenburg überholt zu haben.

Denkste! Laufenburg siegte hauchdünn – weil die paar Nasen, die am Stichtag im Bezirksgefängnis sassen, zu Laufenburg gezählt wurden.

Es ist keine einfache Zeit, damals im Krieg. Isidor besuchte die Kantonsschule in Aarau. Das Postauto fuhr nur dreimal pro Tag und so lebten die Schüler aus dem Fricktal in der «Kosthütte», einer staatlichen Einrichtung. Im Krieg wurde die Hütte zum Lazarett umfunktioniert. Vater Isidor war Küchenchef bei einer Grenzschutzkompanie.

Nun übernahm Sohn Isidor die Aufgabe, zu schlachten. Er fuhr jeweils am Mittwoch nach der Schule mit dem Velo nach Frick, «in 55 Minuten», wie er sagt. Er sei «zwäg» gewesen, erzählt er, zeigt auf die Zinnteller an der Wand im kleinen Büro.

Sie sind Mahnmale seiner sportlichen Erfolge; mit 17 holte er seinen ersten Nationalturnerkranz. Weitere folgten. Der Sport war seine grosse Leidenschaft – und ist es, in anderer Form, bis heute geblieben. «Ich gehe heute noch jeden Tag eine bis zwei Stunden marschieren.» Wieder lacht er.

Die Bewegung habe sicher mitgeholfen, so alt zu werden. Eine ausgewogene Ernährung ebenso – «und eine liebe Frau». In diesem Jahr feiern die beiden diamantene Hochzeit.

Isidor unterbrach die Schule, half zu Hause mit, wo im Krieg stets eine Kompanie einquartiert war. «Das war selbstverständlich», sagt er.

Eines Tages aber kam Pfarrer Knecht in den «Rebstock», nahm Isidor beiseite, sagte, er müsse wieder in die Schule, der Vater habe es gesagt. Isidor sah ihn an, nickte und nahm die Schule wieder auf. Ein Jahr verlor er so. Das sei nicht tragisch, findet er, «ich bin froh, dass ich weitergemacht habe».

1953Das Jahr der Entscheide.

Anfang der 1950er-Jahre traf Bürgi, inzwischen Tierarzt, zwei Lebensentscheide. Den ersten 1953, als er Doris Walser heiratete. Den zweiten ein Jahr später, als er seine Tierarztpraxis von Heiden AR nach Frick verlegte.

Bürgi kommt ins Erzählen. Von seiner künftigen Frau, die mit ihrem Hund in seine Sprechstunde kam. Vom Turnen, das er natürlich auch in Heiden pflegte. Von seinen Rucksacktouren zu den abgelegenen Höfen. «Der Job war körperlich hart.» Von seinem inneren Drang, mehr wissen zu wollen.

«Ich wälzte Abende lang Fachliteratur.» Vom Schiessen, das er perfekt beherrschte. «Ich war einer der besten Schützen», sagt er, stutzt. «Aber schreiben sie das nicht so, als wollte ich damit angeben.» Das Aufschneiden liegt ihm nicht. Er hat viel gekrampft, hat viel bewirkt. Und ist doch immer er selbst geblieben, am Boden verhaftet.

Voll bepackt – «mit einer guten Frau, viel Wissen und Idealismus» – kam er 1954 nach Frick, eröffnete seine Tierarztpraxis in den Zwidellen «und war vom ersten Tag an voll beschäftigt». Denn man kannte ihn; ein Sohn Fricks kehrte heim.

1961Der politische Kämpfer.

Im unteren Fricktal grassierte in den 1950er-Jahren bei Tieren die Fluorseuche, ausgelöst von den Aluminiumwerken auf badischer Seite. Die Seuche breitete sich aus, wanderte immer mehr Richtung oberes Fricktal.

Bürgi fand sich nicht damit ab, befasste sich mit der Krankheit, las alles, was er über das Thema Lufthygiene finden konnte. Die Schäden waren zwar fachlich anerkannt, nicht aber rechtlich. Das heisst, jeder Fall wurde von einer Kommission mit der Alusuisse verhandelt. Sie übernahmen gewisse Fälle – allerdings immer mit dem Vermerk: ohne Rechtsanspruch.

Das kann es nicht sein, sagte sich Bürgi – und als ihn die BGB, die heutige SVP, 1960 anfragte, ob er auf die Grossratsliste komme, zögerte er keinen Augenblick. Wieder lacht er. Er sei vorher nie an einer Parteiversammlung gewesen «und ich hätte auch der CVP oder der FDP zugesagt, wenn sie mich gefragt hätten». Heute ist er froh, dass es die BGB war, denn die SVP ist bis heute «meine politische Heimat».

Bürgi wurde klar gewählt und hievte die Fluordiskussion ab 1961 als Grossrat auf die politische Ebene. «Von Beginn weg profilierte er sich als Kämpfer gegen Umweltschäden im Fricktal, u. a. indem er gegen die Fluorimmissionen der Aluminiumindustrie auftrat», würdigt ihn das historische Lexikon der Schweiz. Auch um das Sisslerfeld hat er sich verdient gemacht. Bis 1984 wirkte er im Grossen Rat, 1975 präsidiert er ihn.

1975Der Militarist.

Wer etwas werden, wer sich vernetzen, wer zu den Leadern gehören wollte, machte Karriere im Militär. «Das war so üblich», so Bürgi. Er selbst wurde 1975 Oberst und Chef des Veterinärdienstes des Alpenkorps. Er sei ein Pragmatiker, sagt Bürgi von sich. Ebenso ging er auch die Aufgaben an. Er überlegte von der Praxis her, wie man etwas am besten löst. Er baute den amtlichen Tierarzt in die Armee ein, arbeitete Richtlinien aus, wen man aufbieten kann, wenn zum Beispiel in einer Küche eine Salmonellose auftrat und kein Veterinär in der Truppe war.

Er sei «konsolidiert worden», sagt Bürgi mit einem schelmischen Grinsen, sei «die Militärtreppe hinaufgeflogen». Am Ende der Treppe war er stellvertretender Dienstchef der Schweizer Armee. Zudem war er von 1977 bis 1990 Chef des Regionalen Führungsstabes I im Aargau. «Ein schöner Posten», sagt Bürgi. Ein Zeichen auch des Vertrauens.

Praxis, Militär, Politik. Dass dies er dies alles unter einen Hut brachte, «habe ich auch meiner Frau zu verdanken». Sie zog die vier Kinder auf und erledigte in der Tierarztpraxis das Administrative. Er diktierte auf ein Platten-Diktafon – Diagnosen, Vorstösse, Vorträge – und seine Frau tippte das Aufgenommene ab. Im Monat kamen so Hunderte Seiten zusammen. «Sie war meine Stütze, hielt mir den Rücken frei.» Wieder lacht er, schelmisch. «Neben Kindern und Büro hatte sie ja auch noch mich am Hals.»

Es sei eine intensive Zeit gewesen, bilanziert Bürgi. In manchen Nächten habe er nicht mehr als zwei, drei Stunden geschlafen. «Das machte mir nichts aus. Ich war leistungsfähig – dank dem Sport.»

1985Die zweite Karriere.

Isidor Bürgi übergibt die Tierarztpraxis 1985 an seinen Sohn – Isidor. Zur Ruhe setzte er sich nicht, übernahm beratende Funktionen bei rund 30 KMU-Betrieben und hatte bis zu 12 Verwaltungsratsmandate inne. So war er 20 Jahre lang Vizepräsident des Aargauischen Elektrizitätswerks und sass elf Jahre im Verwaltungsrat der Nordostschweizerischen Kraftwerke.

1990Der «Plan Bürgi».

Die Tier-Thematik lässt Bürgi gleichwohl nie los. Er spezialisiert sich auf das Thema Entsorgung tierischer Schlachtabfälle, entwirft den «Plan Bürgi» als Gegenstück zu den Tiermehlfabriken.

Umgesetzt wurde er nicht grossflächig, denn der Staat habe damals eben lieber Tiermehlfabriken finanziert, meint Bürgi, zuckt mit den Achseln. Viele Betriebe setzten den Plan dennoch um und Bürgi führte sie in die ISO-Zertifizierung. «Die Sauzüchter hatten damals einen schlechten Ruf», erzählt er. «Nun waren sie zertifiziert – und die Metzger nicht.»

2000Das Rentnerleben.

Vor 18 Jahren, mit 77, beendet Bürgi auch seine zweite Karriere und geniesst seither «das Rentnersein».

Isidor Bürgi hat viel bewirkt. Als Tierarzt und als Politiker. Für die Region wie den Kanton. Seit Jahren aber ist es öffentlich still um ihn geworden. Das wolle er so, sagt er.

Ein politischer Weggefährte habe ihm einmal gesagt: «Wenn du politisch und beruflich nicht mehr aktiv bist, dann schweige. Denn die Leute glauben einem ‹ollen Alten› ohnehin nichts mehr.» Daran halte er sich. Er gehe zwar noch gerne an Versammlungen und stosse mit den Kameraden an. Wieder lacht er. «Inzwischen allerdings mit alkoholfreiem Bier, denn Alkohol vertrage ich nicht mehr so gut.»

Bürgi blickt an die Wand, wo seine sportlichen Trophäen hängen. Heute gebe er sich schneller zufrieden, sagt er. «Mein grosser Stolz ist es, in diesem und im letzten Jahr je ein Jassturnier gewonnen zu haben.» Er klopft mit dem Zeigefinger auf den Tisch. «Sternefoifi», sagt er dann, «solange ich noch ein Jassturnier mit 40, 50 Teilnehmern gewinnen kann, bin ich noch einigermassen beieinander.» Das ist er.

2018Das glücklichste Jahr.

Es wird ein milder, sonniger Frühlingstag sein, der heutige Freitag. Auf bis zu 17 Grad wird das Thermometer klettern. Er sei vor kurzem beim Arzt gewesen, sagt Bürgi. Routinecheck. «Kommen Sie nächstes Jahr wieder», habe ihm dieser gesagt. Der Herzschrittmacher halte noch sicher elf Jahre.

Er fühle sich gesund, sagt Bürgi, sei sich aber auch bewusst, dass das keine Endlosübung sei. Er räume, nach und nach, ziehe bei Entscheiden seinen Sohn bei. Bürgi verstummt kurz, blickt sich um. Er habe alles, was er brauche. «So gesehen ist es das glücklichste Jahr in meinem Leben.» Das ist für ihn jedes Jahr.

Was das Geheimnis sei, so alt zu werden, will ich zum Schluss wissen. Isidor Bürgi lehnt sich zurück, legt die Hände übereinander. Zuerst eine gute Ausbildung. Dann der Sport. Dann die Gene. Dann Zurückhaltung beim Alkohol. Vor allem aber: «Eine liebe Frau und eine gute Familie.»

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