Dienstag, 7.15 Uhr, Frick, Zwidellen: Der Blick zum Seitenspiegel, mit dem Führerhaus haarscharf am Kombi vorbei, mit dem Hinterlader kurz vor dem Gartenzaun haltgemacht: Walter Keller, 64, sitzt am Steuer des Müllwagens mit dem Dino der Peter Pfister AG und manövriert ihn rückwärts in die schmale Wendestelle.

Dass er während des anspruchsvollen Manövers in der engen Strasse noch die Zeit findet, sich bei der adretten Dame auf dem Velo, die wegen ihm warten muss, mit einem Lächeln zu bedanken, lässt erahnen, dass er nicht erst seit gestern am Steuer des Müllwagens sitzt.

«Es gibt keine Stellen in Frick, die heikel sind. Heikel wird es nur durch unaufmerksame Autofahrer», sagt er, während sein Bruder Roland Keller, 60, und Martin Zellerhofer, 52, im Stechschritt dem Müllwagen hinterhereilen.

Fünf Minuten dauert es, bis die Müllmänner die Strasse von den grauen Säcken befreit haben: «Trödeln dürfen wir nicht. In Frick gilt es rund 20 Tonnen Müll zu beseitigen und über 200 Container zu leeren», sagt Zellerhofer.

Unterwegs mit der Fricker Kehrrichtabfuhr

Unterwegs mit der Fricker Kehrrichtabfuhr

Da kann es schon mal sein, dass jemand barfuss und in letzter Sekunde seinen Kehrrichtsack herausbringt. Man kennt sich schliesslich persönlich.

Zurück auf der Hauptstrasse. Im Berufsverkehr bildet sich eine Kolonne hinter dem Müllwagen. «Gleich wird es eng», sagt Walter Keller, während sich aus der entgegengesetzten Richtung ein Traktor nähert: 30 Meter, 2O Meter, 10 Meter – ein Coupé schiesst links am Müllwagen vorbei und kann im letzten Moment vor dem bremsenden Traktor auf die rechte Spur wechseln. «Puh – das war knapp!», denke ich – «Ja, so etwas passiert öfters mal», sagt Walter Keller, der keine Mine verzieht. «Geknallt hat es aber deswegen noch nie.»

Der Trick der Gebühren-Preller

An der Schulstrasse, Höhe Ebnet, wartet ein Mann, um die 50, persischer Einschlag, Bommel-Mütze auf dem Kopf, vor einem Berg voller Sperrmüll. Walter Keller hält an, steigt aus, schüttelt den Kopf und sagt: «So geht das nicht. Da fehlen zwölf Sperrgut-Marken.»

Doch kampflos will sich der Besitzer des Sperrmüllbergs nicht geschlagen geben. «Bitte mitnehmen. Ich gebe auch Namen», sagt er. «Na gut – nächsten Dienstag stehst du an der gleichen Stelle mit zwölf Sperrgut-Marken», fordert Walter Keller ihn auf und weist Zellerhofer und seinen Bruder an, das «Zeug» mitzunehmen.

Stehen bleibt allerdings ein 35-Liter-Kehrichtsack der Gemeinde nur einige Meter weiter. In diesen hat nämlich der Besitzer einen vollen, gebührenfreien 60-Liter-Kehrichtsack gesteckt. Zellerhofer steigt vom Trittbrett und befestigt einen Informationsaufkleber auf dem Müllsack mit dem Hinweis, dass dieser überfüllt ist.

«Besonders häufig wird auf diese Art im Stieracker Müllgebühren-Prellerei versucht. Nervig sind besonders diejenigen, die diesen Trick alle zwei Wochen versuchen», sagt Walter Keller.

Von der Schulstrasse geht es auf den Sportplatzweg in Richtung Heilpädagogische Schule. Schnell ist jedoch Endstation, weil dort die parkierten Fahrzeuge des Zirkus dem Müllwagen die Durchfahrt versperren.

Zellhofer joggt den Sportplatzweg entlang, dreht sich nach rund 100 Meter um und signalisiert, das um das Eck vier volle Müll-Container stehen. «Super», enerviert sich Walter Keller, «wenn der Abwart etwas gewesen wäre, hätte er die Container heute Morgen vor die Standwagen gestellt.»

Im Wohngebiet zwischen dem Rain- und dem Juraweg sieht man immer wieder, wie die Bewohner an den Fenstern ihrer Einfamilienhäuser stehen und das Treiben der Müllmänner beobachten. Einige tun dies, weil es ihr Dienstagmorgen-Ritual ist, die Müllmänner zu grüssen, andere weil sie ihre Säcke erst vor die Türe stellen, wenn sie den Müllwagen anfahren sehen.

So auch ein Mann, der barfuss mit vier Säcken auf dem Arm nach draussen spurtet und gerade noch rechtzeitig den fünften Sack Zellerhofer in die Arme drückt, als dieser schon wieder auf dem Trittbrett steht.

Geschichten von Eis und Feuer

Perspektivwechsel: Hinten, während der Fahrt auf dem Trittbrett, zieht die winterliche Bise ganz schön im Gesicht. «Dafür stinkt es nicht so penetrant wie im Sommer», sagt Zellhofer, der auf dem anderen Trittbrett steht und den Rauch seiner Zigarette in die kalte Luft bläst.

Immerhin bleiben meine Hände am Griff schön warm, weil das Unternehmen vor einigen Wochen Heizspulen in die Griffe eingebaut hat. Trotzdem wird es mir nach fünf Minuten zu bunt und ich wechsle wieder in die warme Fahrerkabine.

Roland Keller schmunzelt über meine Kälteempfindlichkeit und erzählt mir in der Kaffeepause von einem «wirklich kalten Morgen» vor rund zwei Jahrzehnten, bei dem ihm bei Minus 20 Grad Celsius hinten auf dem Müllwagen Eiszapfen am Schnäuzer gewachsen sind. «Ich musste die Eiszapfen abtauen lassen. Hätte ich sie abgebrochen, wäre mein Bart mitgekommen.»

Die Geschichte animiert auch seinen Bruder Walter, eine Episode zu erzählen. «Im Müllwagen gab es plötzlich Explosionen und Rauchentwicklung» Dies deshalb, weil jemand ungebrauchte Feuerwerkskörper in den Kehrichtsack steckte und diese durch die Hitze der Presswalze in die Luft gingen. «Wir hielten dann bei der Nachbars-Dame und löschten das Feuerwerk im Müllwagen mit ihrem Gartenschlauch.»