Gipf-Oberfrick
Dorfumfahrung soll durch ihr Grundstück führen: «Es ist doch einfach verrückt»

Die Norderschliessung für Gipf-Oberfrick und Frick führt mitten durch das Grundstück von Familie Hinden. Sie will sich wehren.

Thomas Wehrli
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«Die Variante hat für uns nur Nachteile»: Theo und Gabriela Hinden vor dem Schopf, der abgerissen werden müsste. twe

«Die Variante hat für uns nur Nachteile»: Theo und Gabriela Hinden vor dem Schopf, der abgerissen werden müsste. twe

Thomas Wehrli

Die Frage, die sich manch einer nach der donnerstäglichen Präsentation der Varianten für die Norderschliessung in Frick und Gipf-Oberfrick stellt, ist diese: Hat nun die Maus einen Elefanten geboren oder doch eher der Elefant eine Maus?

Für die erste Intention spricht, dass nach zehn Jahren Planung erstmals konkrete Varianten vorliegen, über die diskutiert werden kann. Der Prozess sei eben «kompliziert und langwierig», schreibt der Gemeinderat von Gipf-Oberfrick dazu. Insgesamt liegen fünf Varianten auf dem Tisch, wobei die beiden Gemeinden die Variante «Mitte» präferieren.

Ziel aller Variante ist ein zweifaches: Der Bahnhofplatz Frick soll, erstens, vom Durchgangsverkehr entlastet werden; gleichzeitig wird auch das Fricker Dorfzentrum entlastet, da der Verkehr aus dem Benkental Richtung Basel künftig über die Norderschliessung rollen wird. Zweitens erhält Gipf-Oberfrick eine sichere Verbindung für den Langsamverkehr zum Bahnhof und kann gleichzeitig das nördliche Gemeindegebiet erschliessen.

Die favorisierte Variante «Mitte», für welche die beiden Gemeindeversammlungen im Juni einen Planungskredit sprechen sollen, hat aber – und damit sind wir bei der zweiten Intention – einen gewaltigen Haken: Sie führt mitten durch das Grundstück von Theo und Gabriela Hinden, die hier ihren Bauernhof haben. Und die beiden sind damit ganz und gar nicht einverstanden.

Kreisel auf dem Hausplatz

Theo Hinden schreitet den Vorplatz ab, zeigt, wie die Planer den Kreisel angedacht haben; er nimmt fast den halben Vorplatz ein. Zeigt, wo die Strasse durchführt; quer durch den kleinen Maschinenunterstand. Zeigt, wie nutzlos dann der grosse Maschinenunterstand wird; «der Kreisel kommt rund zwei Meter tiefer als das heutige Niveau zu liegen», sagt Hinden. «Ich käme dann mit meinen Maschinen nicht mehr aus dem Unterstand.» Und auch kaum mehr in den Stall. Tiere gibt es hier seit diesem Jahr keine mehr; die Familie Hinden hat die Tierhaltung aufgegeben und ihren 25-Hektaren-Betrieb auf Bio umgestellt.

Später, am Esstisch, werden Theo und Gabriela Hinden erzählen, wie sehr sie am Betrieb hängen, den sie in sechster Generation führen und den einer der Söhne übernehmen will; wie viele Emotionen mit dem Hof verbunden sind; wie vorteilhaft es ist, in einer Mischzone zu wohnen. «Ich habe mir als zweites Standbein einen Brennholz-Handel aufgebaut», sagt Theo Hinden. «In einer reinen Landwirtschaftszone könnte ich das nicht machen.»

Doch vorerst, auf dem Vorplatz, schüttelt Theo Hinden, 52, nur den Kopf. «Es ist doch einfach verrückt, dass man dieses Land entwerten will», sagt er, schüttelt den Kopf abermals und fügt hinzu: «Und dies alles nur, damit die Fricker eine Dorfumfahrung bekommen.» Seine Sicht. Die Gemeinderäte von Gipf-Oberfrick und Frick beurteilen das anders.

Jetzt, am Esstisch, betont Gabriela Hinden, 49, während draussen der Feierabendverkehr dröhnend über die Landstrasse rollt, «dass wir keine notorischen Neinsager sind». Man habe die Gemeinde, «die uns gegenüber immer offen und fair kommuniziert hat», stets angehört, habe sich die Varianten überlegt, habe auch eine Aussiedlung ins Auge gefasst. «Wir haben lange abgewogen, doch am Schluss mussten wir sagen: Die Variante ‹Mitte› hat für uns nur Nachteile.» Zum einen werde die Liegenschaft, in der sich auch Mietwohnungen befinden, massiv entwertet. Zum anderen finde man kaum einen anderen Betrieb, der in einer Mischzone liegt und damit Landwirtschaft und Holzgeschäft am selben Ort ermöglicht.

Mit ihrem Nein haben sie die Gemeinde auf dem falschen Fuss erwischt. «Wir wissen erst seit rund einer Woche, dass sich die Familie umentschieden hat und am jetzigen Standort bleiben will», sagte der Gipf-Oberfricker Gemeinderat Jos Bovens am Freitag zur az. «Die neue Lösungssuche beginnt erst jetzt.»

Nur: Eine Lösung ohne Zustimmung der Familie Hinden gibt es nicht. Zumindest nicht im Rechtsverständnis der Hindens. «Wir werden uns sperren und dagegen kämpfen. Notfalls mit einem Anwalt», sagt Gabriela Hinden. Man habe Verständnis für das Anliegen der Gemeinde, betont Theo Hinden. Es brauche eine Lösung für den stets zunehmenden Verkehr. «Doch mitten durch unser Grundstück muss diese Lösung ja nicht unbedingt führen.» Wobei der Landwirt nicht verhehlt, dass er auch von einer zweiten Variante, jener durch die Müligass, wenig hält. Diese würden den gesamten Verkehr einfach an der Wohnseite der Liegenschaft vorbeiführen.

Kreditantrag trotz Hinden-Nein

«Was mich extrem stört, ist, dass fast sämtliche Varianten um unseren Betrieb kreisen», sagt Gabriela Hinden. Sie vermisst, dass man den Such-Radius erweitert hat – oder eben in den sauren Apfel beisst, und den (viel teureren) Tunnel an der Dammstrasse realisiert. «Diese Lösung tangiert niemanden.»

Sauer sei er auf die Gemeinde nicht, sagt Theo Hinden, lächelt, fügt dann an: «Wohl eher die Gemeinde auf uns, weil wir nicht mitmachen. Aber wir müssen zuallererst für uns schauen.» Seine Frau sagt es noch etwas deutlicher: «Wir müssen schauen, dass wir uns retten können.»

Dass die Gemeinden trotz dem Nein der Familie zur Variante «Mitte» am Vorhaben festhält, an den Gemeindeversammlungen im Juni einen Planungskredit zu holen, versteht Theo Hinden «nicht so ganz». «Man holt nun einen Kredit für ein Projekt, das so gar nicht realisierbar ist.» Gabriela Hinden spricht von «hinausgeworfenem Geld».

Noch immer rollen die Autos dicht an dicht am Haus der Familie Hinden vorbei. Drinnen, am Esstisch, erzählen die beiden von der schwierigen Situation, in der die Landwirtschaft steckt; von ihrem zweiten Standbein, dem Brennholz-Handel. «Da versucht man, innovativ zu sein», sagt Theo Hinden. «Und dann kommt, wie jetzt, wieder eine Bremse.» Er spricht erstaunlich emotionslos. «Es nützt nichts, wenn ich mich jetzt aufrege», sagt er. «Sollte das Projekt konkreter werden, bleibt genügend Zeit für Emotionen.»

Die Familie Hinden wünscht sich eigentlich nur eines: «Dass alles so bleibt, wie es jetzt ist.» Und wenn die Variante «Mitte» doch kommt? «Dann werden wir wohl trotzdem hier wohnen bleiben», sagt Gabriela Hinden, lacht. «Doch bis dann sind wir sicher schon pensioniert.»