Ja, es braucht tatsächlich nicht viel Vorstellungskraft: eine Melone, ein dunkler Anzug mit Schlips, ein Gehstock – und Max Andermatt sähe Charlie Chaplin zum Verwechseln ähnlich. Den nötigen Schalk jedenfalls hat der 75-Jährige in den Augen. Ab und zu trat er sogar als Chaplin auf, studierte etwa mit Schülern Nummern ein oder war an der Fasnacht unterwegs. So dürften ihn viele Möhliner kennen.

Andermatt ist ein Dorforiginal. In den vergangenen Monaten hat sogar die örtliche Kulturkommission einen Film über ihn gedreht. Andermatt sitzt am Küchentisch seines alten Bauernhauses in Möhlin, als er von seinem Leben als Musiker und Unterhalter erzählt – meist mit einem Lachen im Gesicht, obwohl es auch traurige Kapitel gibt.

«Ohne Musik wäre mein Leben ein Irrtum»: Max Andermatt im Filmporträt.

Im ehemaligen Saustall des Hauses ist ein Tonstudio eingerichtet; an der Holztüre ein Schild: «Bitte nicht stören.» Die Musik, sie spielt eine wichtige Rolle in Andermatts Leben, vielleicht sogar die Hauptrolle. Andermatt jedenfalls sagt: «Ohne die Musik wäre mein Leben ein Irrtum.»

Im Stift Olsberg aufgewachsen

Max Andermatt gibt eine spontane Kostprobe.

Aufgewachsen ist er als Verdingbub. Im Schulalter kam Andermatt in den Stift Olsberg. Er beschönigt nichts, spricht von damals militärischen Zuständen im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster: «Es herrschte Zucht und Ordnung.» Viel wurde den Buben gedroht, oft wurden sie bestraft, manchmal auch ohne Grund. Für Max Andermatt, damals keine zehn Jahre alt, eine schwere Zeit: «Ich war ein Gefühlsmensch. Das alles hat mich getroffen und geprägt.» Vertrauenspersonen gab es kaum. Nach Hause durfte er meist nur an Ostern und Weihnachten.

Andermatt suchte sich einen anderen Weg, mit dem Erlebten fertig zu werden. Er fand ihn in der Musik. «Das hatte ich in mir. Schon mein Vater war ein begabter Musiker.» Eines Tages tauschte er im Stift mit einem anderen Jungen einige Cervelats gegen ein Instrument; «e Muulorgele», eine Mundharmonika. Von da an war es um ihn geschehen. «Ich übte, bis es allen anderen verleidet war», sagt Andermatt und lacht.

20 Instrumente gelernt

Die Musik ist für ihn das Instrument geworden, mit Schicksalsschlägen umgehen zu können, auch später im Leben. «Sie hat mir über so manchen Rückschlag hinweggeholfen», sagt er. 20 Instrumente hat sich Andermatt autodidaktisch beigebracht. Besonders Jazz und Dixieland haben es ihm angetan. In der Szene ist er bekannt.

Mit seinen Freunden gründete er schon im Stift in Olsberg eine Band und noch während seiner Schreiner-Lehre wurde er von der damals bekannten Möhliner Tanzkapelle «Lorenzen» verpflichtet. Es war für Andermatt der Weg aus dem Stift. Ein Musiker aus der Kapelle vermittelte ihm ein Zimmer, mit einem anderen gründete er ein Baugeschäft.

Schliesslich machte er sich mit einem Baugeschäft selbstständig, hatte bald rund ein Dutzend Angestellte. Wichtig aber war immer die Musik. «Wenn ich weniger Musik gemacht hätte, würden in Möhlin vielleicht einige Wohnblöcke mehr stehen», sagt Andermatt lachend und fügt an: «Von daher ist es wohl besser, gab es die Musik.»

Mit den «Crazy Men» unterwegs

Andermatt erzählt alles mit einer Prise Humor, die traurigen und die schönen Kapitel seines Lebens. Der Humor ist ihm auch wichtig, wenn er auf der Bühne steht. In den vergangenen vier Jahrzehnten spielte Andermatt in verschiedenen Formationen. 60, 80, manchmal 120 Auftritte hatte er zeitweise pro Jahr. Sie haben ihn in Grossstädte auf der ganzen Welt geführt; Berlin, Florenz, Paris, London und natürlich New Orleans.

Am bekanntesten ist wohl die Formation «Crazy Men», die er 1975 gründete. Die Band hat schon in Radio- und Fernsehsendungen gespielt. Ihr Markenzeichen: Sie verbindet die Musik mit viel Show und Humor. In den Spielpausen unterhält Andermatt das Publikum gerne alleine mit seinem losen Mundwerk.

Es habe Zeiten gegeben, in denen die Musik mehr als Beruf und Hobby gewesen sei, sagt Andermatt. Und sie bedeutet ihm auch heute viel. Noch immer spielt er regelmässig Konzerte, in der Region und weiter weg. Noch immer kann er sich stundenlang in sein Tonstudio zurückziehen, beim Musizieren die Zeit und die Welt vergessen, wie er das schon als Junge im Stift Olsberg tat.

Max Andermatt: Das Filmporträt der Kulturkommission wird am 17. November und am 24. November, jeweils ab 19.30 Uhr im Steinlichäller gezeigt.