Schwaderloch
Dieses Paar zog wegen den frischen Bohnen und weiten Feldern in den Aargau

Margrit und Erich Gschwend wohnten bis vor fünf Jahren in einem Reihenhaus. Das Paar hatte genug vom Stadtleben und suchte nach Ruhe und Landleben. Fündig wurden die Geschwends im Kanton Aargau.

Michael Hugentobler
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Die Rentner Margrit und Erich Gschwend zogen vor fünf Jahren vom Kanton Zürich nach Schwaderloch. HUG

Die Rentner Margrit und Erich Gschwend zogen vor fünf Jahren vom Kanton Zürich nach Schwaderloch. HUG

Kurz vor 11 Uhr vormittags klingelt es an der Tür von Margrit und Erich Gschwend. Es ist der Nachbar. Der hält eine Tüte voll Bohnen in der Hand, die er heute Morgen in seinem Garten pflückte. Erich Gschwend nimmt die Bohnen entgegen und ist begeistert. «So etwas gibt es nur in Schwaderloch», sagt er.

Noch vor fünf Jahren wohnte das Ehepaar in Oberweningen im Kanton Zürich. Sie hatten ein Reiheneinfamilienhaus und waren eingeklemmt zwischen zwei Familien. Nach der Pensionierung sehnten sie sich nach mehr Ruhe.

Sie wollten ein Haus, das frei steht, am Rand der Bauzone, und auf erschwinglichem Land. Zwei Jahre lang suchten sie. «Der Computer lief heiss», sagt Margrit Gschwend. Erich Gschwend sagt: «Jedes Wochenende waren wir für Besichtigungen unterwegs.» Ihr Traumhaus fanden sie nicht.

Im Fricktal klappte es endlich

Eines Tages hörten sie über einen befreundeten Architekten von einem Grundstück in Schwaderloch. Sie fuhren aus Richtung Koblenz heran und plötzlich lag vor ihnen das Kernkraftwerk Leibstadt mit dem grossen Kühlturm. «Es war ein Schock», sagt Margrit Gschwend. Ein paar Kilometer weiter fanden sie dann aber ihr Wunschhaus, frei stehend und am Rand der Bauzone. Das Bauland war günstig und die Entscheidung fiel ihnen einfach – trotz des Kühlturms, den man durchs Badezimmerfenster sehen konnte. Jetzt, fünf Jahre später, sitzen sie in ihrem Wintergarten, die frisch gepflückten Bohnen vor sich auf dem Esstisch.

Erich Gschwend: «Es war die richtige Entscheidung.»

Kaum waren sie in ihrem neuen Haus in Schwaderloch eingezogen, meldete sich der Männerchor, der Veloclub, der Natur- und Vogelschutz und die Fischerzunft. Margrit Gschwend: «Es ist viel los hier.» «Wir sind nicht Leute, die gerne zu Hause hocken», sagt Erich Gschwend.

Das Ehepaar besucht die Vorstellungen der Theatergruppe, geht ans Fischessen der Pontoniere, einmal monatlich an den Senioren-Mittagstisch und an die alljährliche Gemeindereise – dieses Jahr zum Schloss Böttstein und in die Glasi Hergiswil.

Sie fühlen sich als Fricktaler

Mit der Pensionierten Wandergruppe erkundigt Erich Gschwend donnerstags jeweils die Umgebung, da Ehefrauen hin und wieder auch mal alleine sein wollen, wie er sagt. Margrit Gschwend besucht derweil in Wittnau Töpferkurse und zwei Mal pro Monat einen Computer-Höck. Sie fühlen sich jetzt als Fricktaler. Regelmässig besuchen sie die Märkte in der Umgebung, kaufen bei lokalen Bauern Kartoffeln, Äpfel und Kirschen.

Abends geniessen sie die Sonne, die im Sommer um 9 Uhr über einem Maisfeld untergeht. Sonntags machen sie Velotouren dem Rhein entlang, nach Deutschland und wieder zurück in die Schweiz.

Wenn sie vor ihre Haustür treten, stehen sie am Rand eines Feldes, ein paar Meter weiter steht ein Apfelbaum, und in der Ferne zieht sich eine Baumreihe dem Rhein entlang. Vögel zwitschern. Manchmal kommen ihre Töchter aus der Stadt Zürich vorbei und spannen ein Wochenende lang aus. «Wir waren seit fünf Jahren nicht mehr in den Ferien, da es hier so schön ist», sagt Margrit Gschwend.

Einzig der Kühlturm draussen vor dem Badezimmerfenster ist noch gewöhnungsbedürftig. Erich Gschwend sagt, er ziehe die Alternativenergien der Kernkraft vor und hoffe, dass in der Schweiz keine weiteren Atomkraftwerke gebaut würden.

«Windkraftwerke wären doch eine gute Sache», sagt er. Im Kanton Graubünden sei ein solches Projekt vorgestellt worden und das müsse man unterstützen. Margrit Gschwend sagt: «Es ist nicht fair, dass das Kraftwerk so nahe bei Schwaderloch liegt und die Gemeinde nicht profitieren kann.»

Das Positive überwiegt

Auch in Oberweningen im Kanton Zürich musste das Ehepaar Jodtabletten zu Hause haben. Aber in Oberweningen sah man kein Kernkraftwerk. Hier in Schwaderloch steht es sozusagen vor jeder Haustür.

«Man muss sich halt auf das Positive konzentrieren», sagt Erich Gschwend. «Das Wohnen ist einfach schön hier und die Menschen sind sehr offen», sagt die Ehefrau. Das sei wichtiger als der Kühlturm. «Hier kann man noch richtig Freundschaften pflegen», sagt Erich Gschwend und tätschelt die Tüte mit den Bohnen.

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