Ueken

Dieser Skifahrer will dorthin, wohin es seit Urs Lehmann kein Aargauer mehr geschafft hat

Simon Heinzmann investiert viel in seine Karriere als Skirennfahrer. Ihn fasziniert «dieses Gefühl, über den Schnee zu gleiten, die Kräfte zu spüren, dieses Zusammenspiel von Speed und Dynamik». Martin Broder

Simon Heinzmann investiert viel in seine Karriere als Skirennfahrer. Ihn fasziniert «dieses Gefühl, über den Schnee zu gleiten, die Kräfte zu spüren, dieses Zusammenspiel von Speed und Dynamik». Martin Broder

Simon Heinzmann startet an der Winteruniversiade im Riesenslalom – sein grosses Ziel ist der Weltcup.

In seinem Leben sind Zehntelsekunden Welten, entscheiden Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage, über Rampenlicht oder «ferner liefen»: Simon Heinzmann, 21, Ueker, ist seit einem Jahr Skiprofi.

In einer Woche startet er an der Winteruniversiade im kasachischen Almaty für die Schweiz im Riesenslalom. Die Universiade sind die Weltsportspiele der Studenten. Heinzmann hat nach der Matura ein Geschichtsstudium begonnen, will nun aber auf Medizin umsatteln.

Es ist für ihn ein wichtiges Rennen, ein Auftritt, bei dem er zeigen will, dass er auf dem richtigen Weg ist, dass er die Kurve kriegt, am liebsten ganz nach vorne, dorthin, wohin es seit Urs Lehmann kein Aargauer mehr geschafft hat. Heinzmann weiss: Der Weg dahin ist weit, nur bedingt planbar und mit vielen Steinen, oder besser: Stangen gepflastert.

Von Nervosität ist nichts zu spüren, wie er eine Woche vor der Universiade beim Interview von Erfolgen und Rückschlägen, von Tempi und Risiken, von Zielen und Training spricht. Man spürt seinen Ehrgeiz, seine Motivation, sein inneres Feuer. Das alles braucht es, um im Sport Erfolg zu haben, mehr noch, es braucht eine Verbissenheit oder besser: ein Sich-Festbeissen. Heinzmann hat es.

Ob er es in Almaty aufs Podest schafft, kann er nicht sagen, will er nicht sagen. Denn den Fehler vom letzten Jahr, als er den Erfolg zu verbissen suchte, zu viel auf den Ski stand und dann in den Rennen blockiert war, macht er kein zweites Mal. Heinzmann lernt schnell aus Fehlern, auch das zentral, um Erfolg zu haben.

Der Ueker weiss aber zweierlei: «Der Aufbau stimmt; ich bin gut in Form.» Und: «Beim Start hat jeder Fahrer nur ein Ziel: zu siegen.» Eine Top-15-Platzierung, so Heinzmann vorsichtig, sollte drinliegen.

Auf diese Saison hin hat Heinzmann alles umgestellt. Trainer, Training, Material. «Ich spürte letztes Jahr, dass ich nicht weiterkomme», sagt er. Er verliess deshalb das Team, gründete zusammen mit Kollegen ein Privatteam, engagierte einen «Super-Trainer», trainierte im Frühling auf dem Gletscher, fuhr im Sommer Rennen in Neuseeland und fühlt sich nun «bereit».

Zwar spielte der Körper am Anfang der Saison nicht ganz mit, Heinzmann fiel fast einen Monat lang aus. Doch zwei Siege in FIS-Rennen zeigten ihm, dass der Weg stimmt. «Der Körper ist das höchste Gut», sagt Heinzmann. Er ist Rohstoff und Kapitalanlage zugleich. Dieses Gut zu verlieren, eine Verletzung einzufangen, ist der Worst Case, der sich aber nicht immer vermeiden lässt.

So wie vor zwei Jahren, als Heinzmann das Knie zwang, fünf Monate zu pausieren. «Das gehört dazu.» Bislang habe er sonst Glück gehabt, sagt Heinzmann. Derzeit zwicke es zwar im Rücken, «aber das bringen wir wieder hin». Natürlich versuche er, das Risiko zu dosieren, «doch im Rennen geht das nicht, dort muss man angreifen, sonst wird das nichts».

Ein Flachländer in den Bergen

Ob er für den Sport auf Gesundheit verzichte, wiederholt er die Frage, überlegt kurz, sagt dann: «Ja, manchmal gehört das dazu.» So wie der Verzicht auf Luxus, Freizeit, soziale Abende, auf all das, was viele Leben nennen. «Das ist es mir wert», sagt er, ist dankbar, dass er auf die Unterstützung seiner Familie zählen kann. Er möchte sich auf seine Weise bedanken – mit Siegen.

Vielleicht auch einmal beim Weltcup am Chuenisbärgli in Adelboden oder am Lauberhorn in Wengen. «Zukunftsmusik», sagt Heinzmann, der es Schritt für Schritt angehen will und sich in dieser Saison ganz auf die technischen Disziplinen konzentriert. Sobald die Technik stimmt, will er auch wieder Abfahrten bestreiten.

Bleibt eine Frage: Wie kommt ein Flachländer überhaupt zum Skirennsport? Heinzmann lacht. In den Skiferien habe er als Knirps den Rennfahrern fasziniert zugeschaut, sei früh in die Skischule gegangen und eines Tages habe der Skilehrer zu den Eltern gesagt: «Fördern wir den Bub doch, er hat Talent.» Da war Heinzmann sechs.

Mit acht fuhr er das erste Rennen, «supercool». Zuerst war es reiner Spass, dann Leidenschaft, dann Ehrgeiz. Vor allem aber war und ist es eine «unbeschreibliche Faszination», die er dann doch mit Worten zu umschreiben versucht: «Es ist dieses Gefühl, über den Schnee zu gleiten, die Kräfte zu spüren, dieses Zusammenspiel von Speed und Dynamik.»

Auf null fiel der Speed, als Heinzmann zwölf Jahre alt war. Aus beruflichen Gründen ging die Familie für drei Jahre nach Singapur. Es sei schon hart gewesen, nicht mehr auf den Ski stehen zu können. «Dafür kann ich jetzt sehr gut Englisch.»

Heinzmann gewinnt jeder Zeit das Positive ab. «Was wäre, wenn»-Gedankenspiele sind nicht sein Ding. «Das bringt nichts.» Sein Blick ist stets nach vorne gerichtet. Zum nächsten Tor. Zum nächsten Ziel.

Alle Schweizer Ski-Weltmeister:

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