Michael Derrer ist ein Tausendsassa. Der 48-Jährige aus Rheinfelden ist Laienrichter, Justizdolmetscher, Hochschuldozent und Unternehmer. Er unterstützt Firmen, die in Rumänien, Polen, Russland oder der Ukraine Fuss fassen wollen. Er hat selbst einige Zeit in Rumänien gelebt, spricht fliessend Rumänisch und Russisch und hält sich rund die Hälfte des Jahres in einem der vier Länder auf.

Seit kurzem hat er sich eine weitere Aufgabe auf die Fahne geschrieben: Er klärt die Rumänen per Medienkampagne darüber auf, dass es sich nicht lohnt, in die Schweiz zu reisen, um Einbrüche zu verüben. Seine Botschaft: «Wer erwischt wird, kassiert happige Strafen.» Derrer ist, wenn man so will, ein Missionar. Einfach per Jet unterwegs.

Der Hintergrund seiner Aktion: Bei den Kriminaltouristen stehen die Rumänen an erster Stelle. «Mit ein Grund ist, dass viele Kriminaltouristen aus Rumänien ein völlig falsches Bild von der Schweiz haben. Ihnen wird zu Hause gesagt: ‹Die Schweiz hat eine zahnlose Justiz, da passiert dir nichts›.» Dem sei, «zum Glück», nicht so. Derrer befürwortet eine konsequente Bestrafung der Krimimaltouristen. Nur: «Damit durchbricht man das System nicht, denn die Bestraften erzählen zu Hause kaum, dass sie im Gefängnis sassen.»

Gut 30 Artikel erschienen

Diesen «Systemfehler» will er mit seiner Kampagne beheben, auch, um den nicht delinquierenden Rumänen zu zeigen, dass das Image ihres Landes in der Schweiz darunter leidet. In einer ersten Kampagnen-Runde konnte Derrer gut 30 Artikel und Interviews in rumänischen Zeitungen unterbringen, «auch in führenden Titeln», wie er betont. Das rumänische Aussenministerium hat ihn zudem bei einem Besuch aufgefordert, eine Eingabe für ein Projekt zu machen. Die Idee dazu hat Derrer bereits: Er will mit NGOs zusammenarbeiten, die im Milieu tätig sind, in dem er die potenziellen Verbrecher vermutet.

Wer sind aber die Diebe?

Wer aber sind diese? Derrer holt tief Luft. Es gebe drei Kategorien von Kriminellen, sagt er dann. Die Kleinkriminellen, die mit Einbrüchen ihren Lebensunterhalt decken. Die professionellen Banden, «wozu auch einige Roma-Gruppen gehören, die ihr Leben gezielt mittels Diebestouren finanzieren».

Und dann gibt es noch «die Neuverbrecher», wie er sie nennt. Vor allem diese Gruppe will er mit seiner Infokampagne ansprechen. Bei den Neuen handle es sich um «Menschen, die durch den Systemwechsel verloren haben», so Derrer. «Menschen, die im Kommunismus eine Arbeitsstelle hätten, nun aber auf sich allein gestellt sind und nicht zurechtkommen.»

Oft seien es Männer vom Land oder aus der Kleinstadt, zwischen 17 und 30 Jahre alt, ungebildet, arbeitslos. Nicht selten seien sie vor kurzem Vater geworden oder ihre Partnerin sei schwanger. Sie lassen sich von den Banden anwerben, seien vielfach «auch recht naiv», so Derrer.

Botschaft über Radio und TV

Nicht gerade die Klientel, die Zeitung liest. Das ist sich der studierte Politologe bewusst. Deshalb will er mit seiner Botschaft auch ins Radio und ins Fernsehen. Und auch ein Youtube-Video kann er sich vorstellen. «Repression ist wichtig, aber auch sehr teuer», sagt er. «Mit innovativer Prävention dagegen kann man viel mit wenig Geld erreichen.» Er hofft dabei auf Unterstützung – von Rumänien und der Schweiz. Eine entsprechende Anfrage hat er bei der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren gestellt. Eine Antwort ist noch nicht eingetroffen.

Botschaft erreicht auch «Diaspora»

Den Einwand, dass viele der Rumänen, die in der Schweiz auf Diebestour gehen, gar nicht aus Rumänien einreisen, sondern in der «Diaspora» – in Deutschland, Frankreich und Italien – leben, lässt Derrer nur bedingt gelten. «Viele halten sich zwar in der Tat vorher in Frankreich auf, aber da machen sie oft nur kurz Zwischenhalt.» Er weiss von einem Hotel im Elsass, das so eine Art Rumänen-auf-Diebestour-Umschlagplatz ist. «Die Banden zahlen den Leuten die Reise über Frankreich in die Schweiz und den Hotelaufenthalt in Mulhouse.» Verräterisch sei auch, dass die Diebe, werden sie erwischt, oft die genau gleiche Story erzählen.»

Zudem: Die Kampagne nütze auch dann, wenn die Rumänen schon längere Zeit in der Diaspora leben, denn: «Die Zeitungen in der Diaspora haben die Kampagne ebenfalls aufgegriffen.»

Der Vorwurf, er schüre mit seiner Kampagne die Vorurteile gegenüber Rumänen, trifft ihn. «Ich will genau das Gegenteil erreichen und das schlechte Image der Rumänen korrigieren.» Er lacht. Als er seine Kampagne vor Ort gestartet habe, hätten ihn viele schief angesehen, weil sie dachten: Der ist gegen uns. «Ich konnte ihnen aber schnell zeigen, dass ich das Ganze nicht gegen, sondern für sie mache.»