Frick
Dieser Fricktaler ist der beste Fahnenschwinger der Schweiz

Walter Schwarz aus Frick ist der beste Fahnenschwinger der Schweiz. Der König der Fahnen denkt schon an die Titelverteidigung.

Thomas Wehrli
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«Ich war beim Rangverlesen nervöser als beim Auftritt»: Walter Schwarz aus Frick gewann erstmals die Schweizer Meisterschaft.

«Ich war beim Rangverlesen nervöser als beim Auftritt»: Walter Schwarz aus Frick gewann erstmals die Schweizer Meisterschaft.

Thomas Wehrli

Die Glocke hat ihren festen Platz. Prominent im Wohnzimmer. Seit fünf Jahren steht sie nun bereits dort – und Walter Schwarz, 53, hofft, dass noch das eine oder andere Jährchen dazukommt. Er lacht. «Mein Frau will dort einen Blumenstock hinstellen, sobald ich den Wanderpreis abgeben muss. Ich tue alles dafür, dass der Wechsel nicht so bald kommt.»
Die Glocke, das ist der Nordwestschweizer Wanderpreis, den der Fricker in diesem Jahr bereits zum fünften Mal in Serie gewonnen hat. Zum zehnten Mal insgesamt. Schwarz ist damit der beste Fahnenschwinger der Nordwestschweiz.

Und seit kurzem ist er der beste Fahnenschwinger überhaupt. Am Eidgenössischen in Thun holte er sich zum ersten Mal den Schweizer-Meister-Titel, oder wie es in der Fahnenschwinger-Sprache heisst: Er gewann den eidgenössischen Wanderpreis. Eine Holzskulptur, die einen Fahnenschwinger zeigt. Natürlich in Tracht und mit Schweizer Fahne in der Hand.

Die Skulptur hat bereits ihren Ehrenplatz in der Stube der vierköpfigen Familie erhalten. Ist doch Ehrensache. Schwarz holt den Wanderpreis, stellt ihn auf den massiven Holztisch auf der Terrasse seines Einfamilienhauses. «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl», sagt er. «Es war immer mein Ziel, einmal Schweizer Meister zu werden.» Wieder lacht der gelernte Landwirt, der heute als Alu-Bauer arbeitet. «Ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt.» Denn mit über 50 gebe der Saft langsam ab, was sich beim Fahnenschwingen auf die Höhe der Schwünge auswirke.

«Immer», das sind nun doch bereits 37 Jahre. So lange schwingt Schwarz die Fahnen. Auf den Geschmack gebracht hat ihn sein älterer Bruder Christian, der ebenfalls zahlreiche Erfolge als Fahnenschwinger vorweisen kann.

Vielleicht, so sinniert Schwarz, sei gerade diese Gelassenheit, mit der er nach Thun gereist ist, der Schlüssel zum Erfolg. «Sonst war ich immer äusserst nervös. Diesmal fast gar nicht.»

«Nur ich und die Fahne»

Die schlimmsten Sekunden sind für ihn jedes Mal jene, bevor er in den Ring gerufen wird. «Die Anspannung ist dann so gross, dass ich mich fast zwingen muss, überhaupt hineinzugehen.» Diesmal konnte Schwarz gut abschalten, nahm die Umgebung kaum wahr. «Nur ich und die Fahne», sagt er.

Seine Übung mit 15 Schwüngen gelingt ihm in beiden Durchgängen gut. Er spürt, dass heute sein Tag ist. Entsprechend ist er nach den zweimal drei Minuten zufrieden, glaubt an einen Platz unter den ersten fünf, hofft auf einen Platz unter den ersten drei.

Rangverlesen. «Ich war nervöser als beim Auftritt», erzählt er. Name um Name wird verkündet. Seiner fällt nicht. Was gut ist, denn die Reihenfolge der 16 Fahnenschwinger wird vom letzten zum ersten Platz verlesen. Nicht dritter, nicht zweiter – ein Jubelschrei.

Gewonnen. Was dann passiert, ist unbeschreiblich. Alle jubeln, alle kommen zu ihm, gratulieren, «eine Stunde Chaos». Schwarz, der stämmige Fricktaler, bricht in Tränen aus. Die ganze Anspannung fällt ab, das grosse Ziel ist erreicht. «So richtig realisiert, dass ich gewonnen habe, habe ich erst nach zwei Tagen.»

Für Schwarz ist es «die Krönung, die nicht mehr zu toppen ist». Er ist der Fahnenschwinger-König 2017. Für diesen Thron hat er in den letzten Monaten hart gearbeitet. Zweimal trainierte er pro Woche in der Halle, in den fünf Wochen vor der Meisterschaft spulte er das Programm zusätzlich jeden Abend mehrmals im Garten ab.

Ehrgeiz gehört dazu

Er sei schon ehrgeizig, gibt Schwarz unumwunden zu. Das müsse man auch sein, wenn man ganz oben stehen wolle. «Wenn ich in den Ring gehe, gibt es nur eines: den Sieg.» Für sich, für den Verband. Denn eine Erlösung war der Sieg nicht nur für den Fricktaler, sondern auch für seine Fahnenschwinger-Vereinigung: Zum ersten Mal seit 30 Jahren holte ein Fahnenschwinger den Titel wieder in die Nordwestschweiz. Sonst dominierten die Fahnenschwinger aus der Innerschweiz oder aus dem Bernbiet die Schweizer Meisterschaft.

Das ist kein Zufall, denn hier wird das traditionelle Moment, das Urchige deutlich stärker gelebt als im Mittelland. «Der Hang zur Folklore ist bei uns nicht sehr ausgeprägt», sagt Schwarz. Darin ortet er den Hauptgrund, dass das Fahnenschwingen gerade im Aargau ein Schattendasein fristet.

Nicht bei ihm. Er ist Fahnenschwinger «mit Leib und Seele». Zwar hat Schwarz immer mal wieder Schmerzen in den Schultern. «Eine typische Fahnenschwinger-Krankheit», sagt er. Ans Aufhören denkt er trotzdem «noch lange nicht». Nun erst recht nicht: «Jetzt, wo ich weiss, dass der Titel möglich ist, will ich ihn im nächsten Jahr natürlich verteidigen.» Das werde schwierig, räumt er ein. «Doch ich werde das Training nochmals intensivieren und im nächsten Jahr Vollgas geben.»