Gansingen

Dieser Dorfbrand wurde mit Mistgüllen und Wein bekämpft

Nur ein Jahr nach dem Brand war das Pfarrhaus in Gansingen wieder aufgebaut. «Die Tür steht offen, mehr aber noch das Herz», steht über der Eingangspforte.

Nur ein Jahr nach dem Brand war das Pfarrhaus in Gansingen wieder aufgebaut. «Die Tür steht offen, mehr aber noch das Herz», steht über der Eingangspforte.

Der Leichtsinn von Katharina Senn kam das Dorf Gansingen teuer zu stehen: 28 Häuser brannten vor 200 Jahren ab und machten 46 Familien obdachlos.

In der Jahresschrift «Vom Jura zum Schwarzwald» der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde (Jahrgang 1984) berichtet der Gansinger Historiker Emil A. Erdin über den Dorfbrand. Er bezieht sich auf einen schreibgewandten Augenzeugen und selbst Betroffenen, den damaligen Pfarrer Johann Nepomuk Brentano.

Schreckliche Vordeutung

«Überall waren die Leute am 15. Weinmonats 1814, damals Vorabend der Kirchweihe, beschäftigt, die Felder zu räumen. Nachmittags um zwei Uhr, als die Einwohner auf den Feldern zerstreut waren, erschreckte eine Rauchwolke ob der Dachung des Magnus Oeschger, in des sogenannten Schreinerhaus (Eine andere Quelle spricht von Melchior Oeschger). Diese schreckende Vordeutung eines Brandes stimmte bald den zitternden Feuerruf an, den schnell aufwirbelnde Flammen in die Nähe und Ferne hinhalleten.

Dieser Magnus Oeschger, ein sonst gutmütiger Mann, war mit Katharina Senn, der Schreinerin, verehelicht,
mit einer bösen Frau, die sonst durch ihre Geschwätzigkeit alles tadelte, durch ihren Stolz alles meistern wollte, die nur fremde, nicht ihre eigenen Fehler kannte und gegen jede Ordnung sündigte.

Diese Frau dörrte und brach gegen die vielen Verbote ihren Flachs in der Küche bei schlechtem Feuerwerk (Herd). Schon 14 Tage vor der Brunst entzündete sich Flachs auf dem Feuerherd. Eine Tochter verbrannte dabei den Fuss.

Katharina Senn liess sich nicht abschrecken, sie wiederholte ihren Leichtsinn, bis ihn die ganze Gemeinde büsste. Und das konnte sie umso mehr, da sie in ihren vielen Vergehungen immer von dem Ammann Ignaz Senn beschützt war, welcher bei dieser Alten um eine Tochter für seinen Sohn buhlte. Auf solch leichtsinnige, gesetzlose Art entzündeten sich die Wohnungen vieler Familien.

Die Jahreszeit war trocken, die Bäche beinahe versiegt, die herbei eilenden Nachbarn fanden in den Sprützen kein Wasser; Mistgüllen und beim Pfarrhof Wein wurden zum Löschen verwendet. Die Hitze erregte bald Zugluft. Auf solche Art prasselten binnen zwei Stunden alle Wohnungen, die brennenden Wüsche der Strohdächer flogen umher und wo sie sich niederliessen, loderte die Flamme auf. Deswegen brannten die entfernteren Häuser oft noch vor den näher gelegenen. Leuchtende Flammen und Glut verdrängten alle Nacht.

262 Einwohner betroffen

Auf den Wiesen herum bei gerettetem Hausrat lagerten sich die weinenden, schreienden Unglücklichen. Beinahe zum Verzweifeln waren Väter, Mütter, Kinder umklammert. Alte, Kranke, Kindbetterinnen schmolzen auch das härteste Herz. Unter Bäumen brüllte das angebundene Vieh, ins Jammergeschrei donnerte der Lärm der vielen Herbeigeeilten.

Die einstürzenden Mauern droheten überall Gefahr. Und doch sorgte die Vorsehung: Kein Mensch verunglückte, nichts als eines meiner Schweine wurde gestohlen, zwei andere verbrateten. Achtundzwanzig Dachfirsten, welche 46 Haushaltungen beherbergten, wurden eingeäschert, aller Wintervorrat durch verzehrendes Feuer geraubet. Ohne alle Nahrung zitterten 115 Personen männlichen, 147 weiblichen Geschlechts dem Bettel, dem ausmergelnden Hunger, der verfrierenden Nacktheit entgegen…»

In der Fortsetzung beschreibt Pfarrer Brentano im Detail die unglaublich grosszügige Hilfsbereitschaft und das Zusammenrücken der Menschen in den Städten und Gemeinden von nah und fern. Schon ein Jahr nach dem Brand stand das neue Pfarrhaus bereits wieder, welches zu den ältesten Gebäuden im Dorf zählt. Es ist in Privatbesitz, wird bewohnt und umsichtig unterhalten. Der lateinische Text über der Eingangstür: «Exusta MDCCC XIV / aedificata MDCCCXV: Abgebrannt 1814, aufgebaut 1815. Darunter der Sinnspruch: Porta patet – magis cor: Die Tür steht offen, mehr aber noch das Herz

Die Dorfchronik «Gansingen 2014» wird ausführlich über den Brand berichten.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1