Rheinfelden
Dieser Aargauer Töfffahrer (64) wird seinen ersten Roadtrip nie mehr vergessen

Peter Koller (64) ist seit 24 Jahren begeisterter Töfffahrer. Seine erste grosse Tour führte ihn 1996 mit zwei Kollegen durch Tschechien. Ein Trip, den er nie vergessen wird

Thomas Wehrli
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Die Motelangestellte in Okounov ist begeistert von den schweren Maschinen und lässt sich gerne mit Peter Koller und «seiner» CBR ablichten.
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Töfffahrer Peter Koller
Im Element: Stefan Müller, Peter Koller und Peter Hagemann (v.l.) auf der Töfftour durch Tschechien.

Die Motelangestellte in Okounov ist begeistert von den schweren Maschinen und lässt sich gerne mit Peter Koller und «seiner» CBR ablichten.

ZVG

Die Töfftour nach Tschechien begann alles andere als gut: Regen. Nichts als Regen. Zwölf Stunden lang kämpften sich Peter Koller, Peter Hagemann und Stefan Müller am ersten Reisetag von Rheinfelden aus ostwärts über die Autobahn. 600 Kilometer weit. In Wels, nahe Linz, hatten sie genug, denn sie waren bis auf die Knochen durchnässt. Triefend gingen sie auf Hotelsuche.

Ausgebucht, ausgebucht, ausgebucht. Nach dem dritten «Tut uns leid, wir haben kein Zimmer mehr frei» sagten sich die drei Töff-Gladiatoren: Das kann doch nicht sein – und hegten einen Verdacht. Sie suchten die nächste Telefonkabine auf – die gab es 1996 noch –, riefen im Hotel, das sie eben schnöde abgewiesen hatte, an. Natürlich habe man noch drei Zimmer frei, beschied ihnen die Rezeptionistin säuselnd, man solle nur gleich vorfahren. Sie fuhren vor – und die Dame wurde sichtbar verlegen.

Die Motorräder in der Lobby

Peter Koller lacht. «Das war die Reise mit den speziellsten Hotel-Geschichten», erinnert er sich. Einmal, in einem kleinen Ort in Tschechien, hatte der Hotelier Angst, dass die Motorräder über Nacht geklaut werden. Da er keine Garage besass, organisierte er kurzerhand eine ältere Frau, die sich unter eine Strassenlaterne neben die drei Feuerstühle setzte und die ganze Nacht über die Motorräder strickend bewachte. Ein anderes Mal bestand der Hotelier darauf, die Motorräder in die mit Teppichböden ausgestattete Lobby zu stellen.

Ohnehin, so erinnert sich Koller, waren sie mit ihren grossen Bikes die Attraktion. Denn Töff-Fahrer aus dem Westen sah man damals in Tschechien noch kaum. Wo immer die drei Schweizer hielten, strömten Menschen herbei und bestaunten die 600 bis 1100 ccm starken Boliden. Was sie nicht wussten: Der Töff, auf dem Koller sass, war gar nicht seiner.

Peter Hagemann hatte seine Honda CBR 1000 kurz vor der Reise gekauft – und fühlte sich darauf nicht sonderlich wohl. Er fragte deshalb Koller, ob er einmal seine Honda Transalp fahren dürfe. Er durfte – «und gab sie nicht mehr zurück», schmunzelt Koller. Da er die CBR gerne fuhr, war es ihm recht. Nach der Reise liessen sie beide Töffs schätzen und tauschten sie.

Der Kreuzungs-Streit

«Es war meine erste längere Töfftour in eine mir völlig unbekannte Region», sagt Koller. Handy und Navigationsgerät besassen sie damals, im Sommer 1996, noch nicht. Und so klemmte jeder der drei eine Karte ins Sichtfenster seines Tankrucksacks. Koller lacht. «Jedes Mal, wenn einer von uns am Kartenrand angekommen war, mussten wir anhalten, damit er die Karte neu falten konnte.»

In Denkerfalten pflegten die drei, die sich von der Schule her kannten – Stefan Müller war Realschullehrer, Peter Hagemann der Partner einer Lehrerin und Peter Koller sass in der Schulpflege –, ihre Köpfe regelmässig an Kreuzungen zu legen: Sie hielten, um sich auf der Karte zu vergewissern, dass sie noch auf der richtigen Spur waren. «Das führte auch immer wieder zu angeregten Diskussionen», erzählt Koller. Nach links. Nein, rechts. Nein, geradeaus.

Koller ist froh, dass sich heute solche Strecken-Streitgespräche dank dem Navigationsgerät erübrigen. Und dass ein Handy bei Touren dafür sorgt, dass man sich im Fall der Sich-aus-den-Augen-verlier-Fälle erreichen kann. «Damals mussten wir höllisch aufpassen. Denn ohne Handy wäre das heikel gewesen.» Auch, weil sich die drei zwar zu Hause eine grobe Route zurechtgelegt hatten, diese aber jeweils spontan nach Lust und Fahrlaune abänderten.

Vom Tschechien-Trip in Erinnerung geblieben sind Koller die Strassen, die deutlich besser waren als erwartet, die «wunderschöne Landschaft», die grosse Gastfreundschaft der Leute, das historische Städtchen Český Krumlov (Krumau) an der Moldau – «und das gute Bier jeweils am Abend».

Das Schalterlebnis mit Sturzfolge

Die Tour durch Tschechien zog Koller endgültig den Töffärmel rein. Seither ist das Töfffahren seine ganz grosse Leidenschaft. Nun gut, seit 2015 hat das Biken eine übermächtige Konkurrenz erhalten: seine inzwischen zwei Enkelkinder. «Die stehen ganz oben», sagt Koller.

Erst drei Jahre vor der Tour, mit 40, hatte der Lehrer und SP-Grossrat aus Rheinfelden mit dem Töfffahren begonnen. «Ich geriet in die klassische Midlife-Crisis und suchte eine Herausforderung», erinnert sich Koller – und erinnerte sich da an die Töffprüfung, die er mit 18 auf einer Vespa abgelegt hatte. Zwar galt der Töffausweis damals noch für alle Kategorien, doch der zweifache Vater auferlegte sich selber, ein Jahr lang eine 125er zu fahren.

Die Tour

Die Töfftour führte Peter Koller und seine beiden Kollegen von Rheinfelden über Wels, Ottenheim, Krumau, Budweis, Pilsen und Marienbad nach Karlsbad. Von Karlsbad ging es bei Oberwiesenthal (Sachsen) über die deutsche Grenze und via Erz- und Fichtelgebirge und Nürnberg zurück nach Rheinfelden. (twe)

Wieder lacht er, wie er an seine ersten Fahrversuche zurückdenkt. Seine damalige Frau, wenig begeistert über die Töffambitionen ihres Mannes, schickte ihn zu ihrem Vater in den Unterricht. Er kurvte zuerst in der Tiefgarage herum, sein Schwiegervater zeigte ihm, wie man bei einem Töff schaltet. Er dachte: Aha – und lag das erste Mal flach.

Die Töff-Ahnengalerie

Insgesamt sollten es in der 24-jährigen Töffkarriere des mittlerweile 64-Jährigen sieben Stürze werden. «Längst nicht alle selbst verschuldet», betont Koller, der froh ist, dass sämtliche Stürze glimpflich ausgingen.

Eine andere Zahl steht für die Tiefe der Kollerschen Töffleidenschaft: 14. So viele Motorräder besass Koller bislang. «Jedes war speziell», sagt er. Besonders gut erinnert er sich an den Töffkauf 2007. Er nahm seine jüngere Tochter, damals 17 und heute selbst Töfffahrerin, mit zum Händler. Er ging mit einer Triumph Sprint auf Probefahrt. «Ich bin Englischlehrer und wollte endlich auch einen englischen Töff», erzählt Koller.

Als er von der Fahrt zurückkam, war er überzeugt: Das ist mein neuer Töff. Doch seine Tochter stand vor einer Motto Guzzi und sagte: «Papa, kauf doch diese – die ist viel schöner.» Er hörte nach einer weiteren Probefahrt auf sie – und schob die Triumph-Zeit nochmals auf.

Der Abwurf-Reigen

Sechs Monate später besass er dann doch eine Triumph: «Alle waren von der neuen Street Triple begeistert», so Koller. Er nach einer Probefahrt auch. Lange besass er die 675er indes nicht. «Nachdem sie mich in kürzester Zeit dreimal abgeworfen hatte, wollten meine Töchter, dass ich sie verkaufe, was ich nach nicht einmal einem halben Jahr dann auch tat.»

Abgeworfen hat auf dem Tschechien-Trip vor 21 Jahren keine der drei Maschinen ihren Fahrer. «Die Reise war fantastisch», blickt Koller zurück. Er verspürte auf der einwöchigen Tour das, was für ihn das Töfffahren ausmacht: «Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit.»

Dieses Gefühl ist es, das ihn auch mit 64 Jahren und nach 20 grossen Touren immer aufs Neue auf seine Maschine zieht. «Ich ohne Töff?», wiederholt er die Frage, während er seine Moto Guzzi V11 Le Mans Rosso Corsa zurück in die Garage in der Rheinfelder Altstadt schiebt: «Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.»

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