Rheinfelden

Diese Lyrikerin schreibt Kündigungen für den kleinen Mann

Eva Seck brachte letztes Jahr mit «sommer oder wie sagt man» ihren ersten Gedichtband heraus. Ramon Giger

Eva Seck brachte letztes Jahr mit «sommer oder wie sagt man» ihren ersten Gedichtband heraus. Ramon Giger

Eva Seck verarbeitet in ihren Gedichten komplexe Gefühle und schreibt individuelle Texte auf Anfrage.

Die Tasten der Schreibmaschine klackern. Nach einigen Minuten ist die Kündigung zu Papier gebracht. Sie wird direkt an die Auftraggeberin ausgehändigt. Beim Lesen schmunzelt diese und sagt der Verfasserin, die hinter der Schreibmaschine sitzt: «Einfach grossartig, die Kündigung für meinen Arbeitgeber gefällt mir ausgezeichnet.»

Die junge Frau, welche die Tasten zum Klackern bringt, ist die Rheinfelder Lyrikerin Eva Seck. «Während und nach meiner Studienzeit sind wir als dreiköpfiges Literatur-Ensemble mit Schreibmaschinen an Geburtstagen und auf Veranstaltungen aufgetaucht und haben für die Anwesenden auf Wunsch individuelle literarische Texte verfasst», erzählt Seck. Vor allem Liebesbriefe standen hoch im Kurs. Kündigungen für Arbeitgeber waren jedoch tabu, denn: «Wir solidarisieren uns mit dem kleinen Mann», sagt sie.

Dies ist jedoch nur eine literarische Facette von Seck. Eine zweite ist das Schreiben von Gedichten. «Ich habe sie nie gezählt, es können 300, aber auch mehr sein.» 55 von ihnen erschienen letztes Jahr im Gedichtband «sommer oder wie sagt man». Darin hat sie einzelne Gedichte so angeordnet, dass diese eine Geschichte erzählen: «Es geht um ein Ich und ein Du. Um Zusammensein, Trennung, Loslösung und Befreiung», erzählt Seck.

Schmerz und Trauer sind komplex

Die Gedichte weisen dabei oft einen persönlichen Bezug auf. «Es sind Erlebnisse im Alltag, im Freundeskreis, Eindrücke aus Kunst und Literatur und Weltgeschehen, die in mir Gefühle auslösen und Fragen aufwerfen, die mich zum Schreiben veranlassen», erzählt Seck. Besonders gerne behandelt sie Fragen, bei denen es schwierig ist, Antworten zu finden: «Ich schreibe unter anderem über Themen, die Schmerz und Trauer auslösen, da diese Gefühle komplexer sind. Freude zu empfinden ist wunderbar und liegt zum Glück oft an den ganz einfachen Dingen», erklärt sie und sagt: «Wenn es mir gelingt, aus einem Impuls des Schmerzes oder der Trauer ein Gedicht zu schreiben, ist es so, als hätte ich für einen Moment lang über diese Gefühle gesiegt.»

Rund alle zwei Wochen schreibt sie ein Gedicht. «Manchmal, wenn ich längere Zeit nicht geschrieben habe und dann etwas Neues beginne, bin ich erleichtert, dass es noch geht», sagt Seck. Wenn sie ein Gedicht beendet hat, besteht Seck darauf, dass ihr eine zweite Person Rückmeldung gibt: «Oft sage ich zu meinem Freund, dass er es lesen soll. Wenn er nicht dazu kommt, dann werde ich mit der Zeit richtig ungeduldig und nerve ihn solange, bis er es liest», erzählt Seck mit verschmitztem Lächeln.

Verantwortung übernehmen

Seck, die letztes Jahr Mutter wurde, will jedoch nicht alles auf eine Karte setzen: «Den Lebensunterhalt einer Familie heutzutage mit Literatur zu verdienen, ist schwierig. Dazu müsste ich schon populärere Sachen schreiben. Mir geht es jetzt darum, Verantwortung zu übernehmen.» So wird die Dichterin demnächst als Schulbibliothekarin arbeiten. «Natürlich freue ich mich, wenn meine Gedichte jemandem gefallen oder zu berühren vermögen.» Zum aktuellen Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan meint sie: «Ich finde es super, dass ein Musiker den Preis gewonnen hat. Denn Literatur findet nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln statt.»

Tonaltextliche Matinee mit Eva Seck

Sonntag, 23. Oktober, 11 Uhr, Rehmann Museum, Laufenburg.

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