Silvia Senn hält ein Plädoyer für die Brennnessel. Eigentlich werde diese ja kaum beachtet und wenn, dann verachtet, sagt sie. «Dabei hat die Pflanze so viel zu bieten, dass sie eigentlich einen Ehrenplatz in jedem Garten verdient.» Senn muss es wissen, betreibt sie doch im Zeininger Mitteldorf seit 2010 einen Garten mit rund 150 Arznei- und Giftpflanzenarten (siehe Kontext).

Die Gartensaison steht für Senn kurz bevor. Im Frühjahr geht es für sie zunächst darum, zu kontrollieren, welche Pflanzen den Winter überstanden haben und welche eingegangen sind. Der erste Kontrollgang ist dieses Jahr genauer ausgefallen, schliesslich war der Winter besonders kalt und lang. «Einheimische Pflanzenarten sind dafür gerüstet», sagt Senn. Schwierig war es hingegen für die eher in südlichen Gefilden beheimateten Pflanzen. Einige sind Opfer des Frosts geworden – «oder der Schnecken», wie Senn mit einem Lachen sagt.

Die Saat steht bevor

Deshalb bewahrt Senn jeweils Samen aller Pflanzen auf, um sie bei Bedarf neu säen zu können. In den kommenden Tagen ist es Zeit für Bockshornklee, Weideröschen oder Petersilie. Es sind dies alles Pflanzen, die Senn erst in kleinen Schalen an der Wärme ziehen muss, bevor sie sie draussen im Garten setzen kann. Mitte April folgen Kürbis, Tabak, Rizinus und Leinsamen. Im Mai ist es dann unter anderem der Mohn.

In den Jahren mit dem Garten hat sich Senn Routine angeeignet. Einerseits mit der Nachzucht der Pflanzen. Einzig bei Kümmel «muss ich immer etwas ‹dökterlen›, damit ich die Samen nutzen kann», sagt Senn. Andererseits hat sie auch Routine mit dem Zeitplan und weiss, wann welche Samen in den Boden müssen. Denn für eine erfolgreiche Gartensaison ist der Zeitpunkt der Saat mitentscheidend. Wird zu früh gesät, könnten die Samen im Boden verfaulen. Ist es zu spät, hat die Pflanze nicht genügend Zeit, Samenstände zu bilden.

Pflege ist entscheidend

Ebenso entscheidend ist allerdings auch, was danach geschieht. Es gilt, den Pflanzen einen geeigneten Standort zu geben, nach ihnen zu schauen, sie ihren Bedürfnissen entsprechend zu giessen, Unkraut zu entfernen und sie vor Schnecken zu schützen. «Achtsamkeit» nennt Senn das. «Sie ist mindestens so wichtig wie der Zeitpunkt der Saat.» Und sicherlich wichtiger als das Wetter, denn: «Die Pflanze macht aus allen Wetterbedingungen immer das Beste, um ihren Grundauftrag zu erfüllen – nämlich, über die Samen die Art zu erhalten.»

Rund 200 Stunden verbringt Silvia Senn jährlich in ihrem Garten, jätet, pflanzt, giesst, hegt und pflegt und liest in Fachbüchern, um sich ein noch breiteres Wissen über die Pflanzenwelt anzueignen. Es ist Zeit, die ihr viel gibt, in der sie sich erholen kann, wie sie sagt. «Die Energie, die ich in den Garten investiere, kann ich hier auch wieder tanken.» Und dann kommt Senn zu ihrem letzten Tipp – und damit zurück zur kaum beachteten oder meist verachteten Brennnessel.

Die Vitaminbombe Brennnessel

Die Nessel kann beispielsweise als Tee, in einer Suppe oder im Salat konsumiert werden. «Sie ist eine Vitaminbombe und hat einen sehr hohen Anteil an Eiweiss», so Senn. Die Brennnessel leiste ausserdem einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität, sind doch verschiedene Schmetterlingsarten und diverse Insekten auf sie angewiesen. Wer nun tatsächlich eine Brennnessel im Garten möchte, dem gibt Senn einen wertvollen Hinweis: Die obersten fünf Blätter einer Brennnessel brennen nicht und lassen sich problemlos ernten und verzehren.