Bad Säckingen

Diese Frau kämpft alleine gegen den Pharma-Riesen Bayer

Felicitas Rohrer wurde für den Stratz-Preis nominiert.

Felicitas Rohrer wurde für den Stratz-Preis nominiert.

Felicitas Rohrer ist für den Stratz-Preis nominiert – wegen möglicher Nebenwirkungen einer Pille geht die Bad Säckingerin gegen Bayer vor.

Eine junge Frau klagt alleine gegen den Bayer-Konzern – und zwar als erste in Deutschland. Und trotz eines für sie enttäuschenden Urteils des Land­gerichts Waldshut kämpft sie weiter vor dem Oberlandes­gericht Karlsruhe. Genau dies hat die heute 35-jährige Felicitas Rohrer aus Bad Säckingen gewagt. Dafür wurde sie auf Vorschlag von Karl Braun und Hans-­Peter Karrer für den Hermann-Stratz-Preis für Zivilcourage nominiert.

Zum Hintergrund: Nach der Einnahme der Verhütungspille Yasminelle von Bayer erlitt Felicitas Rohrer im Jahre 2009 eine beidseitige Lungenembolie und einen Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand. Nur eine Notoperation rettete ihr Leben.

Da sie einen Zusammenhang zwischen ihrer Erkrankung und der Pille – eine mit höherem Thromboserisiko als jene aus älteren Generationen – sieht, verklagte sie den Bayer-Konzern. Im Mai 2011 wurde die Klage beim Landgericht Waldshut-­Tiengen eingereicht, Ende 2015 kam es zum ersten mündlichen Verhandlungstermin des bundesweit beachteten Zivilprozesses.

Frage nach der schädlichen Wirkung blieb offen

Vor einem Jahr wurde die Klage gegen den Pharmakonzern ­abgewiesen mit der Begründung, dass «nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, dass Yasminelle ursächlich für die Thrombose war». Allerdings liess die Richterin die Frage nach der schädlichen Wirkung der Pille offen.

Ein Urteil, das Felicitas Rohrer so nicht stehen lassen kann: «Ich gehöre keiner Risikogruppe an, denn ich habe nie geraucht und war nicht über­gewichtig», erklärt die studierte Tierärztin. Ausserdem sei das erhöhte Thromboserisiko von Yasminelle (einer Pille der sogenannten vierten Generation) auf dem Beipackzettel nicht erwähnt worden. Sie kämpft daher weiter, und seit diesem Sommer liegt der Fall vor dem Ober­landesgericht Karlsruhe.

«Andere Frauen ­orientieren sich an uns»

«Es geht mir nicht darum, hohe Schadenersatzsummen zu bekommen», betont Felicitas Rohrer. Wichtig sei vielmehr, zu einem Urteil vor einem deutschen Gericht zu kommen. Sie war nämlich die erste Geschädigte, die eine entsprechende Klage eingereicht hat. «Es ist ein Beispielprozess und andere Frauen orientieren sich an uns.»

In den USA seien (anders als in Deutschland) Sammelklagen möglich, was es Opfern leichter mache, den gerichtlichen Weg zu gehen. Dort habe Bayer schon aussergerichtlich zwei Milliarden Dollar bezahlt. Am wichtigsten sei ihr aber, die Frauen über die potenziellen Gefahren von risikoreicheren Antibaby­pillen aufzuklären.

Dies tut sie auf der Internetseite www.risiko-­pille.de, und dies durchaus mit Erfolg, denn ein viel beachteter ARD-Spielfilm mit dem Titel «Was wir wussten – Risiko Pille» wurde unter Beteiligung ihrer Initiative «Risiko Pille – Initiative Thrombose-Geschädigter» gedreht.

Besonders schlimm sei, so Felicitas Rohrer, dass viele Frauenärzte nicht mehr die älteren, weniger risikobehafteten Präparate (die Pillen der zweiten Generation) verschrieben, sondern die neuen Mittel, die gefährlicher seien, aber mit einem Schönheitsversprechen kombiniert wurden. «Damit hat Bayer im umkämpften Markt junge Frauen geködert.»

Ihren Beruf konnte sie nicht mehr ausüben

Auch wenn Felicitas Rohrer gerade noch gerettet werden konnte, spürt sie die Folgen ihrer ­Embolie bis heute: Ihren Beruf als Tierärztin kann sie nicht mehr ausüben, stattdessen arbeitet sie als freie Journalistin im Raum Offenburg. «Mein ­Gesundheitszustand hat sich seither zwar nicht verschlechtert, aber es wird nie wieder so sein wie vor der Embolie.»

Einen Gerichtsprozess ge­gen einen Weltkonzern durchzustehen, erfordere viel Kraft und Durchhaltevermögen. Unterstützung erhält sie durch ihr grosses Netzwerk von Freunden und Familie. Die Motivation bezieht sie aus den vielen Rückmeldungen von Betroffenen und dem Bewusstsein, eine wichtige Aufklärungsarbeit zu leisten und anderen Frauen das gleiche Schicksal zu ersparen: «Wenn ich es schaffen sollte, auch nur einer Frau das Leben zu retten, dann hat sich die Mühe gelohnt.»

Dass ihr Einsatz anerkannt wird, zeigt die Tatsache, dass sie den Siegfried-Pater-Preis 2019 bekommen hat und ausserdem für den Hermann-Stratz-Preis nominiert wurde.

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