«S isch mer alles ei Ding, ob i lach oder sing...», stimmt Agatha Müller ein Ständchen an. Ihre Tochter Verena Müller witzelte gerade, das Geburtstagskind müsse immer ein Ständchen singen. Lange überlegt die 100-Jährige nicht, bis sie ihre Liedwahl trifft. «Dieses Lied passt sehr gut zu ihr», sagt die Tochter der Jubilarin, «sie beweist immer sehr viel Humor.»

Im Wohn- und Pflegezentrum Stadelbach in Möhlin hat man für die Feierlichkeiten extra einen Aufenthaltsraum hergerichtet. Stolz nimmt Agatha Müller die Geburtstagsglückwünsche von der Familie, von Möhlins Gemeindeammann Fredy Böni und von einem Vertreter des Regierungsrates entgegen.

Die Rolle des Geburtstagskindes spielt Müller aber nicht besonderes gerne. Es sei ein Tag wie jeder andere im Jahr, sagt sie. Ein Schmunzeln macht sich auf ihren Lippen breit. «Wichtig» waren ihr die Geburtstage noch nie und das ändert sich offenbar auch nach 100 Jahren nicht. «Ich freue mich aber, dass ich so lange gesund leben darf. Wäre ich krank, könnte ich mich nicht so über meinen 100. Geburtstag freuen.»

Die Schweiz als sicherer Hafen

Aufgewachsen ist Agatha Müller im deutschen Städtchen Donaueschingen. Dies war für sie ein sehr schwieriger Lebensabschnitt gewesen, denn die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde von der Armut beherrscht.

1932 tritt sie als 15-jähriges Mädchen die Reise in die Schweiz an, um bei einem Bauern in Möhlin als Magd Arbeit zu finden. «Ich erinnere mich noch genau, wie mich der Bauer damals mit seinem Pferdegespann an der Grenze abgeholt hat und mich auf der Wagenbrücke bis nach Möhlin kutschierte.

Dies war sehr abenteuerlich.» Es sei aber nicht einfach gewesen, so weit weg von zu Hause mit 15 Jahren ein neues Leben anzufangen. «Heute bin ich froh, hergekommen zu sein. Während des 2. Weltkrieges musste meine Familie in Deutschland ihr Haus verlassen, weil alles zerbombt wurde. Ich befand mich derweil in der sicheren Schweiz – ein wahres Privileg.»

Von ihrer Zeit als Magd erzählt sie gern, besonders von den Hofbesuchen von Doktor Urich. Denn immer wenn der Hausarzt vorbeischaute, war für jede Menge Unterhaltung gesorgt.

Doktor Urich erzählte der jungen Agatha von den Boxkämpfen, die er sich angesehen hatte und spielte mit ihr Runde für Runde nach. Er brachte ihr auch das Boxen bei. «Einmal landete ich dabei mitten im Kuhmist. Wir mussten beide sehr darüber lachen.»

An den Abenden und am Wochenende turnte die unternehmungslustige Magd im Damenturnverein oder sang im römisch-katholischen Kirchenchor. Dank dem Vereinsleben fand sie sich im Dorf schnell zurecht und konnte neue Kontakte knüpfen.

Beim «Kaffeetrinken nach der Turnstunde» lernte sie auch ihre grosse Liebe Alfred kennen. Im Jahr 1936 stand schliesslich die Heirat an und zwei Jahre später erblickte ihr erster Sohn das Licht der Welt. Es folgten noch zwei Söhne und zwei Töchter.

In dieser Zeit übernimmt sie auch den Dorfladen von ihrer Schwiegermutter, in dem sie zuvor schon arbeitete. Nach sechs Jahren wollte ihr Mann dann aber, dass sie damit aufhört. «Mit manchen Kundinnen hatte ich bis um zehn Uhr nachts im Laden geplaudert oder ich habe so lange gearbeitet», sagt Müller.

«Er war eifersüchtig, weil ich Gesellschaft hatte und er nicht.» Bis zum Tod ihres Mannes in den 1970er-Jahren arbeitete sie zudem täglich auf dessen Bauernhof und kümmerte sich nebenher um die Erziehung der Kinder.

Seit fünf Jahren erst lebt sie im Möhliner Altersheim. «Die viele Arbeit liess mich 100 Jahre alt werden», ist sich Agatha Müller sicher, «aber noch einmal von vorne beginnen, das möchte ich auf keinen Fall.»