Frick
«Die Zeit im Pflegeheim wird für die meisten kürzer – dafür intensiver»

Andre Rotzetter über zu viele Pflegebetten, drohende Konkurse, das gesunde Landleben und das Pflegeheim 2.0.

Thomas Wehrli
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«Menschen, die ins Heim eintreten, blühen oftmals nochmals auf»: Für Andre Rotzetter macht ein Heim dann Sinn, wenn der Betagte an Lebensqualität gewinnt. key

«Menschen, die ins Heim eintreten, blühen oftmals nochmals auf»: Für Andre Rotzetter macht ein Heim dann Sinn, wenn der Betagte an Lebensqualität gewinnt. key

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Herr Rotzetter, die Regierung hat den Richtwert für Pflegeheime nach unten korrigiert. Neu müssen noch für 19,7 Prozent der über 80-Jährigen Pflegebetten bereitgestellt werden. Bislang lag er bei 23,2 Prozent. Genügend diese Senkung?

Andre Rotzetter: Die Botschaft geht sicher in die richtige Richtung. Ich sage schon lange: Es braucht weniger Pflegeplätze.

Wie viele?

Das hängt stark von der Region ab. In einer städtischen Gegend liegt der Richtwert höher als auf dem Land, denn hier funktioniert die Nachbarschaftshilfe noch. Nehmen wir das Fricktal: Wir haben hier gesellschaftlich, verglichen mit den Städten, fast eine Heile-Welt-Situation. Das soziale Eingebettetsein ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Senioren länger zu Hause bleiben können. Das wirkt sich positiv auf die Zahl der benötigten Betten aus.

Auch in Zukunft? Wird sich dieses Wir-für-uns-Denken halten?

Ich hoffe es zumindest. Ich erlebe dieses Füreinander als grossen Gewinn.

Wenn Land und Stadt so unterschiedlich ticken, macht es dann nicht Sinn, dass jede Region einen eigenen Richtwert hat?

Das Fricktal hat seit langem einen eigenen Richtwert. Er liegt bei 16,7 Prozent – und damit deutlich tiefer als der kantonale Wert. Das Beispiel Fricktal soll nun Schule machen: Der Regierungsrat will, dass auch die anderen Regionen einen spezifischen Richtwert festlegen. Das macht durchaus auch Sinn, denn in der langfristigen Planung der Langzeitpflege muss man kleinräumiger denken, als es der Kanton ist.

Die bisherigen Richtwerte griff der Kanton ja nicht aus der Luft. Wo lag der Fehler?

Darin, dass man ihm statistische Hochrechnungen zugrundelegte. Aber die Gesellschaft entwickelt sich nicht statistisch, da spielen ganz andere Dynamiken. Fragestellungen wie: Weshalb werden die Leute älter? Wie werden sie älter? Wie wollen sie leben? müssen mitberücksichtigt werden. Tut man das, stellt man schnell fest: Die Richtwerte sind deutlich zu hoch.

Persönlich

Andre Rotzetter, 57, ist seit 2008 Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal. Davor war er unter anderem Geschäftsführer des Vereins Stollenwerkstatt, der Stiftung Pegasus, des Vereins Job Point Freiamt und des Vereins WIVA Storchenstrasse Wiedereingliederung von Arbeitslosen Fricktal. Ursprünglich lernte Rotzetter Käser und absolvierte danach eine Ausbildung zum Sozialarbeiter. Rotzetter ist verheiratet, vierfacher Vater und lebt in Buchs. Für die CVP sitzt er seit 2013 im Grossrat.

Weshalb ging das vergessen?

Ein Grund war, dass der Kanton Aargau seine Pflegekonzeption auf einer Studie abstützte, die zwar in der Schweiz gemacht wurde, aber auf Zahlen aus Deutschland basierte. Die beiden Systeme sind aber nicht 1:1 miteinander vergleichbar. Als dann die erste Studie mit Schweizer Zahlen vorlag, war die Pflegeheimkonzeption bereits erstellt. Man wollte dann den Wert nicht so schnell wieder anzupassen.

Ist der neue kantonale Richtwert immer noch zu hoch?

Ich behaupte: Ja.

Damit drohen weiterhin Überkapazitäten?

Die Gefahr ist da. In anderen Regionen haben wir bereits eine massive Unterbelegung. Wir haben aktuell im Kanton eine Auslastung von rund 94 Prozent. Die Regionen sind allerdings sehr unterschiedlich unterwegs: Im Fricktal lag die Belegung im letzten Jahr bei rund 98 Prozent, in einigen Regionen sank er unter die 90-Prozent-Marke. Das ist alarmierend.

Was bedeutet ein so tiefer Wert für ein Heim?

Dass es sich kaum mehr finanzieren kann. Es gibt heute schon Häuser, die ganze Abteilungen geschlossen haben, weil sie nicht mehr genügend Bewohner finden. Sie sind in einer Spirale, die sie nach unten zieht. Ich bin überzeugt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das eine oder andere Heim Konkurs geht.

Im Fricktal ging vor wenigen Wochen mit dem Wohn- und Pflegezentrum Salmenpark in Rheinfelden ein neues Heim mit rund 100 Plätzen auf. Schaffen wir nun auch Überkapazitäten?

Das glaube ich nicht, zumal wir gleichzeitig auch Plätze abgebaut haben. Das Altersheim Kloos ging zu, das Gesundheitszentrum reduzierte die Bettenzahl. Wir sind im Fricktal gut unterwegs.

Stimmt also der aktuelle Richtwert? Oder ist selbst dieser Wert, der deutlich unter dem kantonalen liegt, noch immer zu hoch?

Wir haben im Fricktal ein gutes System. Wir klammern uns nicht blind an einen Kennwert, sondern passen diesen alle zwei Jahre den Gegebenheiten an. Diese Flexibilität ist wichtig, um rechtzeitig auf Entwicklungen reagieren zu können. Die Gespräche unter sämtlichen Anbietern funktionieren auch gut. Es baut niemand neue Kapazitäten auf, bevor die bestehenden ausgelastet sind.

Schön, aber was heisst dies nun bezogen auf den Richtwert?

Wir haben beim Kanton bereits den Antrag gestellt, den Richtwert auf 16,2 Prozent senken zu dürfen. Und das ist meines Erachtens noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Wo liegt dieses?

Bei etwa 12 Prozent.

Weshalb so tief?

Dies liegt vor allem am Alterungsprozess. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt jedes Jahr zwar um etwa drei Monate – aber: Es sind gesunde Monate. Die Menschen werden gesund älter und sie können dank den ambulanten Möglichkeiten länger zu Hause bleiben. Die Zeit im Pflegeheim wird für die meisten kürzer – dafür intensiver. Die Aufenthaltsdauer im Pflegeheim liegt heute durchschnittlich bei rund eineinhalb Jahren. Noch vor einer Generation war es keine Seltenheit, dass jemand 10 oder 20 Jahre im Heim lebte. Das heisst: Mit weniger Betten kann man heute viel mehr Leute abdecken.

Nur: In 20, 25 Jahren kommt die Babyboomer-Generation ins Pflegealter. Folgt dann der grosse «Bettananbau»?

Nicht unbedingt. Das hängt von der medizinischen und der gesellschaftlichen Entwicklung ab. Heute leben viele Leute nicht aus pflegerischen Gründen im Heim, sondern aus sozialen. Sie brauchen eine Hilfestellung im Alltag. Darauf reagieren die Anbieter mit neuen Angeboten, etwa dem betreuten Wohnen oder mit Alters-WGs.

Ist das die Zukunft?

Ja. Das ambulante Angebot wird zum einen noch feingliedriger und weiter ausgebaut. Daneben werden sich Mischformen wie das betreute Wohnen noch mehr durchsetzen. Wir machen gute Erfahrungen mit unseren Spitin-Lösungen. Die Pensionäre leben eigenständig in ihren Wohnungen und können die Leistungen, die sie benötigen, dazu buchen. Sie haben auch die Sicherheit: Wenn etwas ist, kann ich den Notknopf drücken – und rund um die Uhr ist sofort jemand zur Stelle.

Kommen wir irgend einmal an den Punkt, an dem es die Heime gar nicht mehr braucht?

Das erwarte ich nicht. Zum einen kippen die Kosten irgendwann zu Gunsten eines Heimaufenthaltes. Heute höre ich oft: Das Pflegeheim ist teuer. Das stimmt so nicht, denn wenn man zu Hause einen 24-Stunden-Service aufbauen muss und dies mit fairen Löhnen macht, also nicht Hungerlöhne zahlt, dann kommt man auf Kosten von 15 000 bis 20 000 Franken pro Monat. Das Pflegeheim kostet um die 10 000 Franken, doch daran beteiligt sich die öffentliche Hand. Unter dem Strich kostet ein Heimplatz den Bewohner um die 5000 Franken pro Monat. Aber nicht nur finanziell machen Heime Sinn: Ich erlebe häufig, dass Menschen ins Heim eintreten und danach nochmals aufblühen und an Lebensqualität gewinnen. Sie haben plötzlich ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Umfeld, haben Sozialkontakte und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wie kann man sich ein Pflegeheim 2.0 vorstellen?

Sicher wird das Internet in den Heimen noch verstärkt Einzug halten. Wir bieten das heute schon an und das Angebot wird vor allem von Pensionären genutzt, deren Verwandten weit weg wohnen und mit denen sie per Internet Skypen. Das Internet als Wissensplattform ist heute noch wenig gefragt. Denn für Menschen, die sich auf dem letzten Lebensabschnitt befinden, ist Wissenserwerb oft sekundär. Ein klarer Trend geht hin zu einer Individualisierung.

Das heisst?

Heute können wir viele Pensionäre mit Aktivierungsangeboten wie Stricken oder Singen abholen. Das wird in 10, 20 Jahren nicht mehr funktionieren. Dann wird jeder Pensionär seine Freizeit selber gestalten und aus einem breiten Angebot an Möglichkeiten das für ihn passende aussuchen wollen.

Was heisst diese Individualisierung für die Heime?

Sie wird eine der grossen Herausforderungen sein. Wer als Heim eine Zukunft haben will, muss Antworten darauf finden, die für den Pensionär stimmen und finanziell tragbar sind.

Wie muss ich mir die Heimzukunft vorstellen?

Nicht wesentlich anders, als die Gegenwart ist. Ändern wird sich die Art der Abteilungen. Es wird mehr Plätze für Demente brauchen. Auf diese Entwicklung haben wir bereits reagiert und eröffnen im April im Alterszentrum Klostermatte in Laufenburg eine Demenzabteilung mit 14 Plätzen. Beschäftigen wird uns auch die zunehmende Kürze der Heimaufenthalte. In Zürich gibt es bereits Pflegeheime, die sich zu einer Art Sterbehospize gewandelt haben. Die Leute kommen in den letzten zwei, drei Lebensmonaten. Wir wollen kein Sterbehospiz werden, müssen aber diese gesellschaftliche Entwicklung beobachten und antizipieren. Ein anderer Trend ist, dass man ganze Alters-Dörfer baut, in denen Arzt, Coiffeur, Geschenkboutique und Wohnraum unter einem Dach sind.

Ein Weg für Sie?

Nein, wir wollen das Heim nicht als Dorf bauen, sondern mit den Dörfern um uns herum kooperieren und diese in unsere Häuser hineintragen.

Können Sie sich selber vorstellen, einmal im Pflegeheim zu leben?

(Lacht.) Ich bin ein «Zwangsumzieher»: Ich ziehe seit je immer nur dann um, wenn ich muss oder wenn ich einen grossen Mehrwert sehe. Wenn meine Lebensqualität im Heim verbessert wird, werde ich gehen – sonst nicht. Ich empfehle den Umzug auch niemandem per se. Wenn jemand rüstig zu Hause leben kann, dann soll er das auch.