Rheinfelden

Die Wäberhölzli-Gegner jagen jetzt Unterschriften

Axel Pierach lebt seit 18 Jahren in Rheinfelden. Er sammelt Unterschriften, damit das Wäberhölzli nicht gerodet wird.

Axel Pierach lebt seit 18 Jahren in Rheinfelden. Er sammelt Unterschriften, damit das Wäberhölzli nicht gerodet wird.

Das Referendum gegen die Deponie Wäberhölzli ist lanciert. Bis Mitte Januar haben die Gegner Zeit, 751 Unterschriften zu sammeln. Das tun sie an den Haustüren – und auf der Strasse. Ein Augenschein.

Der erste Kunde ist Alfredo, ein rüstiger Rentner mit Bündner Akzent. «Für was sammeln Sie?», fragt er, kommt näher und wirft einen prüfenden Blick auf den Teller mit Weihnachtsguetzli. «Für das Referendum zum Erhalt des Wäberhölzli», antwortet Axel Pierach. «Ah», meint Alfredo. Dann folgt der typische Unterschriften-Sammler-Staccato-Dialog: «Unterschreiben Sie?» – «Ja.» – «Sehr gut, danke.» In Alfredos Fall schiebt Pierach, ob des Akzentes leicht stutzig, noch nach: «Sind Sie denn aus Rheinfelden?» Alfredo lacht. «Ja, aber ich wohne noch nicht lange hier – erst seit 50 Jahren.» Alfredo unterschreibt, schnappt sich ein Guetzli («sehr lecker») und zieht von dannen.

Zweieinhalb Stunden dauerte der gestrige Einsatz von Axel Pierach vor einem der Grossverteiler. Der meistgehörte Satz in dieser Zeit: «Keine Zeit.» Der zweithäufigste Ausspruch: «Überhaupt keine Zeit.» Unterschriften-Sammler-Los. Das stimmt Pierach nachdenklich. «Man zürnt mit der Politik, aber nimmt sich nicht einmal zwei oder drei Minuten Zeit, um etwas zu ändern.»

Die Naturverbundenen

Von den wenigen, die doch Zeit finden, unterschreiben 14 auch. Ihre Motivation sind dabei weniger die Vorkommnisse an der denkwürdigen Gemeindeversammlung vom vorletzten Mittwoch (siehe Box) als der Erhalt des Wäberhölzli. Eine junge Frau sagt: «Ich finde es schizophren, einen Wald abzuholzen, um ihn danach wieder aufzuforsten.» Eine andere findet: «Eine Deponie an diesem Ort ist ein Unsinn.» Eine Dritte meint: «Ich unterschreibe, weil mir das Wäberhölzli am Herzen liegt.»

Die meisten Unterschriften stammen aus dem Gebiet der Alten Saline. Hier, gut 50 Meter von der geplanten Deponie für sauberes Aushubmaterial entfernt, wohnt seit 18 Jahren auch Pierach mit seiner Familie. Der gebürtige Deutsche, der 2012 eingebürgert wurde, setzt sich «für Natur pur» ein – und damit gegen die Deponie. Seine Motivation, sich mit einem Unterschriftenbogen auf die Strasse zu stellen, «sind die Natur und die Tiere im Wald. Sie haben keinen Fürsprecher, sondern nur uns.»

Wobei: Was an der Gemeindeversammlung ablief, beschäftigt den 59-Jährigen noch heute. «Es hat mein währschaftes Bild von Rheinfelden getrübt.» Pierach gehört zu jenen rund 180 Rheinfeldern, die den Saal vorzeitig verliessen – mit Freudenrufen über den vermeintlichen Sieg. «Es war halt wie beim Fussball, wenn ein Tor fällt. Man freut sich darüber», rechtfertigt Pierach das Verhalten, das in den letzten Tagen in Rheinfelden viel zu reden gab. Er selber erfuhr am nächsten Morgen, als er aufstand, dass aus dem Sieg noch eine Niederlage wurde. «Ich war perplex und stinksauer.»

«Es braucht einen Effort»

Die Wut ist inzwischen der Betroffenheit gewichen – und dem Wunsch, das Ja an der Urne in ein Nein zu kehren. Dazu sammelt der harte Kern der IG «Nein zur Deponie im Wäberhölzli» in Gruppen Unterschriften. Die einen gehen von Haustüre zu Haustüre, die anderen, unter ihnen Pierach, stellen sich mit ihren Unterschriftenbögen vor Grossverteiler, in die Marktgasse, vor die Post. Pierach ist zwar optimistisch, dass die 30 Tage bis Mitte Januar reichen, um die benötigten 751 Unterschriften zu sammeln. Er weiss aber auch: «Es braucht einen Effort, denn wegen der Festtage ist die Zeit sehr knapp.»

Kommt das Referendum zustande, glaubt Pierach an den Erfolg an der Urne. Zumindest hofft er es. Denn sonst passiert «das Unding»: Der Wald wird gerodet und das rund acht Hektaren grosse Gebiet mit sauberem Aushub aufgefüllt. Zwar wird das Gebiet danach wieder aufgeforstet und ein neuer Wald entsteht im Wäberhölzli. Doch bis die Bäume so hoch sind, wie heute, dauert es an die 50 Jahre. «Davon habe ich nichts», meint er lakonisch. «Dannzumal kann ich den Wald nur noch von unten anschauen.»

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