Denn die Uhr am Obertorturm tickt seit je etwas anders – und dies ganz bewusst: Da die Stadttore (und mit ihnen der Zugang zur Stadt) früher um fünf Uhr abends geschlossen wurden, liess man die Uhr am 28 Meter hohen Wehrturm sieben Minuten vorgehen.

So hatten die Bauern auf den Feldern, hörten sie die Turmuhr fünf Uhr schlagen, noch sieben Minuten Zeit, in die Stadt zurückzueilen, bevor die Tore verriegelt wurden. Es empfahl sich durchaus, rechtzeitig zu sein, denn waren die Tore einmal zu, blieben sie zu. Für den Zu-spät-Heranspurtenden bedeutete dies: Er war ausgesperrt und musste die Nacht vor der Stadt verbringen.

Die Rheinfelder, vorsichtig und umsichtig zugleich, bauten gleich noch eine zweite Stundenschlag-Warnanlage ein: Die Uhr am Rathaus stellten sie drei Minuten vor – als letzte Erinnerung, als allerletzter Aufruf für den «Flug» nach Hause.

Es darf gerannt werden

Der Tradition, einen Tick schneller als alle anderen zu sein, blieb Rheinfelden bis heute treu. So kann es durchaus vorkommen, dass man einen Ortsunkundigen zum Bahnhof spurten sieht – und selbiger dort verwundert feststellt, dass er noch sieben Minuten Zeit hat.

In diesem Moment mag er sich, hat er in der Schule Lateinunterricht gehabt, an Lucius Annaeus Seneca erinnern, der schon vor rund 2000 Jahren erkannte: «Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.»