Bad Säckingen
Die Trompeterin von Säckingen darf nicht mehr spielen – Frohsinn verbreitet sie trotzdem

Melanie Bächle lebt in Coronazeiten nach dem Fasnachtsmotto: «Lache muesch, wenn’s nit zuem Hüüle längt».

Annemarie Rösch
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Melanie Bächle vor dem Bad Säckinger Münster mit ihrer Trompete. Spielen darf sie seit November nicht mehr.

Melanie Bächle vor dem Bad Säckinger Münster mit ihrer Trompete. Spielen darf sie seit November nicht mehr.

Annemarie Rösch

An manchen Tagen im Herbst, auch in Coronazeiten, erklang auf dem Platz vor dem präch­tigen Barockmünster in Bad Säckingen eine Trompete. Mal spielte sie das berühmte «Behüt’ dich Gott», mal das Badnerlied.

Seit dem 1. November ist sie verstummt. Melanie Bächle (41), die Trompeterin von Säckingen, darf nicht mehr spielen. Das Musizieren mit Querflöten, Posaunen oder anderen Blasinstrumenten auf öffentlichen Plätzen und in Sälen ist verboten, um die Coronapandemie einzudämmen.

Bei ihrem Marsch durchs Städtli, in einen Samtumhang gewandet und einen Federhut auf dem Kopf, grüsst die Stadtführerin nach rechts und nach links. Melanie Bächle ist ein fröhlicher Mensch. Immer wieder fällt der Satz: «Lache muesch, wenn’s nit zuem Hüüle längt» – das Motto einer früheren Fasnacht. Sie meint damit Coronazeiten.

Auf ihrem Weg durch die Stadt führt Melanie Bächle zu ihren Lieblingsorten. Einer davon ist die alte Holzbrücke, die verwaist daliegt. Seit Beginn des Corona-Lockdown überqueren nur vereinzelt Passanten die Brücke. «Guten Tag miteinander», begrüsst sie ein Schweizer Ehepaar, das interessiert ihr Kostüm und ihre Trompete mustert.

Direkt neben der Brücke liegt der Hallwyler Hof, ein imposantes Gebäude mit dicken Mauern, in dem der Schriftsteller Victor von Scheffel von 1850 und 1851 wohnte. Im Städtchen schrieb er sein Epos «Der Trompeter von Säckingen», eine Liebesgeschichte zwischen einem adligen Fräulein und einem Bürgerlichen, die ein gutes Ende nimmt. Auch ein Kater Hiddigeigei spielt darin eine Rolle.

Sie bettet die Geschichte in Geschichten ein

«Hier sitzt er, der Kater Hiddigeigei.» Bächle zeigt auf das Plüschtier mit grünen Augen, das auf ihrer Trompete befestigt ist. «Bad Säckingen war früher der Nabel der Welt. Der Kater kam aus Paris direkt in diese schöne Stadt, um dort seinen Lebensabend zu verbringen, so schreibt es Scheffel. Ja, so war das.»

Das erzählt sie in normalen Zeiten auch ihrem Publikum. «Wenn ich die Historie in Geschichten einbette, können es sich die Leute viel eher merken», meint sie, die andernorts schon Führungen mitmachte und sich dachte: Das hätte man besser machen können – lustiger und lebendiger.

Als Ursus aus dem Grab sprang

Sie hofft, dass sie bald wieder losziehen und die Gäste mit Geschichten über die Stadt begeistern kann. Da sie schon im Frühling wegen Corona weniger als sonst zu tun hatte, spielte sie im Garten eines Seniorenheims bekannte Weisen. «Die Menschen hatten Freude daran und haben von ihren Fenstern aus geklatscht», erzählt sie. Nur jetzt darf sie das nicht mehr.

Die Lust am Geschichtenerzählen schimmert bei ihr immer wieder durch. Auch bei ihrem Rundgang durchs Bad Säckinger Münster. Vor dem silbernen Schrein, in dem die Gebeine des heiligen Fridolin aufbewahrt sein sollen, macht sie halt. «300 Kilo wiegt der Schrein», erzählt sie. Bei der Prozession am Fridolinsfest im Frühling tragen ihn sechs starke Männer durch die Stadt.

Oben auf dem Schrein thronen Fridolin und ein Skelett: «Das ist der Ursus», erklärt Melanie Bächle. Der Sage zufol- ge hatte Ursus zu Lebzeiten Fridolin ein Grundstück geschenkt, auf dem dieser seine Kirche errichten wollte. Als Ursus starb, wollte dessen Bruder die Schenkung rückgängig machen. Bei der Gerichtsverhandlung sprang Ursus aus dem Grab und kam Fridolin zur Hilfe. Also wurde die Kirche gebaut.

«Da bitte ich jetzt aber, nicht kritisch nachzufragen», sagt sie mit einem Augenzwinkern. «Die Geschichte ist so schön, die muss man einfach glauben. Zudem steht das ja in der Kirche, da muss sie stimmen.» Ein wenig kichert sie bei diesem Satz.

Wenn sie später nach Hause geht, übt sie erst einmal ihre Trompetenstücke für die Zeit, wenn sie die Besucher wieder offiziell mit der Geschichte Bad Säckingens unterhalten kann. Jetzt erst recht.