Asyl in Mettauertal
Die syrische Familie, die sich in der Schweiz «wie neu geboren» fühlt

Die beiden Flüchtlingsfamilien aus Syrien haben sich in Mettauertal eingelebt. Das Dorf hat sie nach anfänglicher Skepsis gut aufgenommen. Daran ist die syrische Familie aber nicht ganz unschuldig.

Thomas Wehrli
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«Wir fühlen uns wie neu geboren»: Die sechsköpfige syrische Familie (der jüngste Sohn fehlt auf dem Bild) lebt seit vier Monaten in Mettauertal. Thomas Wehrli

«Wir fühlen uns wie neu geboren»: Die sechsköpfige syrische Familie (der jüngste Sohn fehlt auf dem Bild) lebt seit vier Monaten in Mettauertal. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Er wirkt etwas verloren, wie er vor dem Haus auf den Journalisten wartet. Abdul*, 30, Syrer auf der Flucht, Familienvater. Seit vier Monaten lebt er zusammen mit seiner Frau Samira*, 32, und den vier Kindern in einem alten Bauernhaus in Mettauertal. Die Gemeinde hat die sechsköpfige Asylbewerberfamilie zusammen mit Aylin*, der Schwester von Samira, und deren drei Kinder aufgenommen.

Der Mann von Aylin, ein Anwalt, ist noch auf der Flucht, wartet in Istanbul auf den Entscheid, ob auch er in die Schweiz einreisen und Asyl beantragen darf. Falls ja, wird sich die Gemeinde laut Gemeinderat Christoph Ruschmann dafür einsetzen, dass er nach Mettauertal kommt. «Eine Familie gehört zusammen.»

Abdul wirkt älter, als er ist. Sein Gesicht ist gezeichnet, man kann aus ihm die Schwere lesen, die er in Syrien erlebt hat, den Krieg, das Elend, die Bomben, das Töten. All das hat ihn geprägt, hat ihn misstrauisch gemacht. Ja, er denke noch oft an die Zeit in Syrien zurück, wird er später im einfach möblierten, aber gemütlichen Wohnzimmer sagen, «gerade in ruhigen Momenten, dann kommt auch die Angst zurück». Und die Erinnerung an die Menschen, die sie zurücklassen mussten.

Warten, hoffen, bangen

Ein prüfender Blick, ein verlegenes Lächeln, eine angedeutete Verneigung, ein zaghafter Händedruck. Er habe eben den Vorplatz gewischt, meint Abdul, geht voran ins Haus. Im Wohnzimmer spielen die Kinder. Khaled*, der Zweitälteste, hantiert mit Plastikhandschellen herum, Cemal*, sein jüngerer Bruder, lässt eine Spielmaus über den Teppich sausen.

Im Hintergrund läuft der Fernseher, Zimmerlautstärke, darüber tickt eine Uhr. Sie bleibt oft unbeachtet, denn Zeit hat für Abduls Familie eine andere Dimension. «Ho! Ho! Ho!», ruft ein Chlaussack an der Wand vergangene Tage zurück. Auf das Wieder-gefüllt-Werden muss er noch eine Weile warten.

Warten, hoffen, bangen. Unruhe hatte Abdul erfasst, damals, im April 2014. Er weiss: «Wir müssen weg.» Weg aus Qamishli, dieser 200'000-Seelen-Stadt im Nordosten Syriens, weg aus dem Land. Das Leben bietet nichts mehr, keine Arbeit, kein Einkommen. Nur Bomben und Tod. Erst vor kurzem war eine Autobombe explodiert, als Abdul auf der Strasse war. Splitter sind bis heute in seinem Körper.

Die Familie macht sich auf, zur Grenze, wartet, versucht es, scheitert, wartet. Am vierten Tag findet Samira einen Weg, erreicht mit drei Kindern türkisches Gebiet, die Sicherheit, dreht sich um, sieht, wie ihr Mann mit dem jüngsten Spross gefasst wird, wie er geschlagen wird, kehrt um, geht zurück, damit sie aufhören, damit sie von ihm ablassen.

Drei Zähne und viel Zuversicht hat der missglückte Fluchtversuch gekostet. Doch gebrochen hat er Abdul nicht, er gibt nicht auf, «nein, jetzt erst recht», denkt er, heuert einen Schlepper an. So klappt es, die Beamten schauen weg, Abdul ist in der Türkei, in Freiheit. Per Camion geht es nach Istanbul, wo er auf der Schweizer Botschaft um Asyl bittet. Wie sie vorgehen muss, weiss die Familie von Samiras beiden Brüdern; sie sind seit längerem in der Schweiz.

Es klappt, die Familie besteigt das Flugzeug, ein «Moment des Glücks», wie Abdul sagt, ein Augenblick der Dankbarkeit auch. Für das Leben, für das Gastrecht in der Schweiz. Und wohl auch dafür, dass seine Familie nicht zu den Ärmsten im Land gehört; die Flugtickets bezahlt er selber.

In der Schweiz kommt die Familie – wie auch die von Samiras Schwester – zuerst ins Empfangszentrum nach Basel. Von da geht es nach Buchs und eines Morgens, am 15. Oktober, heisst es: ab in den Bus. Wohin die Reise geht, wo sie die nächsten Monate leben wird, weiss die Familie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, kann nur raten, was sie erwartet. Sie kommt an, im Mettauertal, steigt aus, sieht sich um. «Es gefiel uns von Anfang an hier.»

Das war bei der ersten Familie, die der Gemeinde Mettauertal zugewiesen wurde, nicht der Fall. Sie erfuhr im Vorfeld, wohin es sie verschlagen sollte und weigerte sich, zu gehen. Zu ländlich, zu weit weg von Zürich, befand sie. «Das Asylwesen ist doch kein Wunschkonzert», ärgert sich Rutschmann. Die Gemeinde machte den Fall publik und sorgte damit für einigen Wirbel.

Integrationswille entscheidend

Samira kommt ins Wohnzimmer, lächelt, stellt ein Tablett mit dampfendem, gesüsstem Kaffee auf den Tisch. Ordentlich ist es im Haus, alles aufgeräumt, alles blitzblank. Nicht wegen des Besuchs, sagt Nicole Schneider, «die Familie ist so. Samira putzt jeden Tag. Ihr ist auch wichtig, dass die Familie immer anständig gekleidet ist.» Schneider ist die Sozialdienstleiterin der Gemeinde und betreut die Asylbewerber.

Dieses Sich-Anpassen, dieses Sich-integrieren-Wollen hat wesentlich dazu beigetragen, dass die beiden Asylbewerberfamilien im Mettauertal gut aufgenommen wurden. Am Anfang, ja, da äugten viele Einheimische zum Bauernhaus an der Talstrasse, wenn sie durchfuhren oder vorbeigingen, wollten sehen, wer da ist, wie sie sind, diese «Fremden», was sie machen.

Die anfängliche Skepsis und Distanziertheit ist einem herzlichen «Grüess Gott» gewichen. Als Abdul dann spontan einem Bauern seine Hilfe beim Holzen anbot, war das Eis endgültig gebrochen. Die braunen Kinderaugen taten das ihre.

Heute kommen Nachbarn regelmässig vorbei, auf einen Schwatz, der noch mehr mit Händen und Füssen denn mit Worten erfolgt, laden die Familie ein, helfen ihnen, sich zurechtzufinden. Bei einer Nachbarin können die beiden schulpflichtigen Kinder an den Tagen, an denen Abdul, Samira und Aylin im Deutschkurs sind, zu Mittag essen; eine andere Nachbarin hilft den drei Erwachsenen bei den Hausaufgaben.

Deutsch und deutlich

«Das Lernen der Sprache ist die Basis der Integration», sagt Rutschmann und ist glücklich darüber, dass die ganze Familie mit viel Elan am Lernen ist. Es ist ein gutes Investment. In die Zukunft. Denn es ist die Voraussetzung dafür, dass die Eltern, wenn sie den Flüchtlingsstatus erhalten (und daran zweifelt in der Gemeinde eigentlich niemand), auch Arbeit finden – und nicht einer Gemeinde auf der Tasche liegen.

Welche Kommune das wäre, ist offen. Denn sobald die Familie einen Flüchtlingsstatus erhält, muss sie sich selber eine Wohnung suchen. Dann kommen die nächsten Asylbewerber, ziehen ein, in der Hoffnung, dereinst sagen zu können: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

«Als wir den Frauen sagten, dass sie einen Mutter-Kind-Sprachkurs besuchen können, weinten sie fast vor Freude», erzählt Schneider. Denn Schulbildung war für sie bis dato ein Fremdwort. Samira und Aylin sind, wie Abdul auch, Analphabeten. Er sei Schrotthändler gewesen, Mechaniker auch, erzählt Abdul. Dazu müsse man nicht Schreiben und Lesen können.

Der achtjährige Khaled spricht, nach nur vier Monaten in der Schweiz, nahezu akzentfrei Deutsch. «Der Hammer», findet Rutschmann. «Die Integration ins Dorf ist gelungen», sagt auch Gemeindepräsident Peter Weber, im Wissen darum, dass es mit der Integration so eine Sache ist.

Eine Integration in die Gesellschaft, in das Schweizer (Arbeits-)System will der Bund erst, wenn ein Asylbewerber den Status als Flüchtling oder vorläufig Aufgenommener hat. Erst dann darf er arbeiten; vorher ist er zum Nichtstun verdammt, zum Warten, zum Beschäftigt-Werden. Einzig etwas Taschengeld darf sich Abdul ab und an dazuverdienen. Dann strahlt er.

Bis es so weit ist, bis jemand weiss, ob er bleiben darf oder gehen muss, dauert es oft Jahre. «Viel zu lange», sagt Weber.

«Dankbar für die Zeit»

Arbeiten, ja, das möchte er liebend gerne, meint Abdul, strahlt, rührt in seinem Kaffee, der längst erkaltet ist. Und natürlich möchte er bleiben, hier, in dem Land, in dem «alle so nett sind», in dem Land, in dem «wir uns wie neu geboren fühlen». Gut, etwas viele Gesetze gebe es, sagt Abdul, «aber das ist wohl gut so». Hier in der Schweiz, so glaubt er, könnten seine Kinder die Zukunft haben, die er nicht hatte.

Und wenn nicht? Wenn das Asylgesuch abgelehnt wird? Abdul schaut Khaled und Cemal zu, wie sie sich am Boden balgen. «Wenn die Schweiz etwas dagegen hat, dass wir bleiben, dann sind wir dankbar für die Zeit, die wir hier sein durften.»

Abdul lächelt, wie er das sagt. Doch seine Augen sind leer. Trauer spricht aus ihnen. Angst vielleicht auch.

* Alle Namen geändert