Region Waldshut
«Die SVP ist rechter als die AfD» – Wie ticken die Deutschen ennet der Grenze?

Winfried Kretschmann und die AfD sind die Gewinner der Landtagswahl. Wie ticken die Wähler in der Region Waldshut?

Andreas Fretz
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Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) zu Besuch im Aargau. Regierungsrat Urs Hofmann und Grossrat Markus Dieth hören gespannt zu.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) zu Besuch im Aargau. Regierungsrat Urs Hofmann und Grossrat Markus Dieth hören gespannt zu.

Sandra Ardizzone

Freitagnachmittag, die Kaiserstrasse in Waldshut. Wir treffen uns mit der AfD zum Kaffee.

Bernhard Boll, der 1. Vorsitzende des Kreisverbands Waldshut, hat das Café Journal vorgeschlagen. Dort liest er gerne die «NZZ», hat er am Telefon erklärt.

Im Lokal sagt er: «Das ist eine neutrale, konservative und seriöse Zeitung.»

Der 64-Jährige schätzt den Blick von aussen, der oft viel klarer sei als jener von innen. In seiner Heimat werde die AfD, die Alternative für Deutschland, in die völkische, nationalistische, rassistische Ecke gedrängt, findet der ehemalige Lufthansa-Pilot.

Das Wort Lügenpresse würde Boll an diesem Nachmittag nie in den Mund nehmen, schliesslich sitzt er im Café Journal und ihm gegenüber ein Journalist aus der neutralen, seriösen Schweiz. «Aber die Mehrzahl der deutschen Medien», ärgert er sich, «huldigt diesem grünen, linken Menschen.»

Er meint damit Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der am vergangenen Sonntag mit den Grünen die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen hat.

Für Boll, aber auch für viele andere, ist klar: Die Menschen haben nicht die Grünen, sondern das Phänomen Kretschmann gewählt.

Im Wahlkreis Waldshut und der Stadt Waldshut-Tiengen präsentiert sich indes ein leicht anderes Bild.

Direkt an der Grenze, wo Schweizer Shopping-Touristen die Kaiserstrasse in eine flimmernde Einkaufsmeile verwandeln, hat immer noch die CDU die Nase vorn, wenn auch denkbar knapp.

Die AfD erreichte in fast allen Gemeinden zweistellige Werte, überflügelte die SPD und ist drei Jahre nach ihrer Gründung die drittstärkste Kraft.

Doch wie ticken die Waldshuter politisch? Uthe Martin, Redaktorin des «Südkuriers»: «Die Gegend ist sehr bürgerlich und konservativ. Waldshut ist eine Beamtenstadt, sie lebt vom Handel, weniger von der Industrie. Waldshut war immer ein tiefschwarzer, für die CDU absolut sicherer Wahlkreis.»

So gesehen sind die 30,8 Prozent – immerhin ein Minus von 9 Prozentpunkten – eine heftige Klatsche. Der eigentliche Schock aber waren der Aufstieg der AfD und der Absturz der SPD.

Später am Nachmittag. Vor dem Restaurant Alte Post setzt sich eine Frau neben uns auf die Sitzbank. Elisabeth heisst sie, den Nachnamen will sie nicht verraten, nach ihrem Alter fragen wir nicht. Sie dürfte derselben Generation wie Boll angehören. Sie habe ihr Leben lang SPD gewählt. «Bis zum Sonntag, da gab ich meine Stimme erstmals den Grünen. Wegen Kretschmann», sagt sie.

Die SPD vertrete keine eigene Meinung mehr, sei der CDU zu ähnlich geworden, sagt Elisabeth, deren zwei Söhne als Grenzgänger in der Schweiz arbeiten. Das Wahlresultat der AfD erschreckt sie.

«Ich hoffe, das ist ein einmaliger Ausrutscher, dass der Spuk vorbei ist, sobald sich die Flüchtlingslage normalisiert.»

Solange die Asylsuchenden ruhig, sauber und nicht kriminell seien, habe sie kein Problem mit ihnen. Im Wahlkampf seien die Asylsuchenden, 370 gibt es in Waldshut, kaum ein Thema gewesen, sagt Martin vom «Südkurier». Auch die Probleme hielten sich absolut im Rahmen.

«Hier gibt es keine brennenden Asylunterkünfte», sagt sie, «unterschwellig hatte das Thema und die Bundespolitik im Allgemeinen aber sicher einen Einfluss auf das Wahlergebnis.» In Sachsen-Anhalt, wo die AfD 24,2 Prozent erreichte, ganz bestimmt. «Einen Wahnsinn», findet Elisabeth diesen Wert.

Doch wie rechts ist die AfD? Laut ZDF-Politbarometer vom Freitag stufen 72 Prozent der Befragten die AfD als rechte Partei ein. Noch im November 2015 waren es nur 57 Prozent. «Die AfD ist keine homogene Partei», sagt Martin. Im Osten Deutschlands ist ihre Rhetorik völkisch, im Westen dagegen konservativ. Bernhard Boll sagt: «DieSVP ist rechter als die AfD.»

Messerstecher-, Minarett- und Schwarze-Schafe-Plakate könne sich die AfD nicht erlauben. Die Schweiz, so entsteht der Eindruck, ist für Boll ein politisches Paradies. «Es gibt nur eine echte Demokratie in dieser Welt, das ist die direkte Demokratie der Schweiz», sagt er. Auch Deutschland brauche eine qualifizierte Zuwanderung.

Gegen Schweizer Einkaufstouristen und die 7000 Grenzgänger, die in Waldshut täglich über die Zollbrücke in die Schweiz zur Arbeit fahren, hat er nichts einzuwenden. Wie könnte er auch. Schliesslich flog er für die Lufthansa regelmässig von Zürich nach Frankfurt und arbeitete sogar kurze Zeit für die Balair CTA. «Das ist die freie Marktwirtschaft», sagt Boll.

Sein Mitleid mit den Flüchtlingen in Idomeni und anderswo hält sich indes in Grenzen. «Die Macht der Bilder ist eine Masche der Medien und der Regierung», sagt er. Auch sei die AfD keine blosse Ein-Themen-Partei. Boll verweist auf den Euro, «der uns auf die Füsse fallen wird», und die Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke. Viel mehr Themen kommen allerdings nicht. «Die AfD wird sich nun im politischen Alltag bewähren müssen», sagt Uthe Martin.

Boll, der auch im Gemeinderat von Waldshut-Tiengen sitzt, beschreibt sie als ruhigen, gut informierten Mann ohne AfD-Rhetorik. Sie stellt aber die Frage nach dem Wolf im Schafspelz.

Der Waldshuter AfD-Spitzenkandidat Wolfgang Frommann sei so einer: Im Gegensatz zu Boll habe er die Erfurter Resolution, ein umstrittenes Manifest der AfD-Rechten, unterschrieben.

Boll dagegen wirkt, wie viele AfD-Wähler, wie ein Suchender, der im Einheitsbrei der Volksparteien eine Alternative gesucht und die AfD gefunden hat.

Doch wo steht die AfD bei der nächsten Landtagswahl in fünf Jahren? «Das entscheidet die CDU», sagt Boll, «sollte sie zu ihrem ursprünglichen Kern zurückfinden, sehe ich die AfD unter Druck. Fährt die CDU ihren Merkel-Kurs weiter, dessen Merkmal die programmatische Billigkeit ist, wird die AfD die CDU als Volkspartei ablösen.»