Die neunjährige Jelina öffnet mir die Tür, als ich im Laufenburger Ortsteil Sulz ankomme. Sie führt mich ins Wohnzimmer, auf dem Tisch stehen Cookies, die Jelina am Morgen gebacken hat. Schulferien sind derzeit keine, dennoch ist Jelina an diesem Montag zu Hause. Die Familie Bräm hat sich entschieden, ihre Tochter daheim zu unterrichten. Jelina ist damit eines von 246 Kindern, die derzeit im Aargau privat geschult werden. Vor acht Jahren waren es erst 44.

Seit einem halben Jahr setzt die Fricktaler Familie auf Homeschooling. «Jelina hat schon im Kindergarten ein Jahr übersprungen», erzählt ihre Mutter, Carina Bräm. Die ersten drei Klassen hat sie dann normal in der Schule absolviert. «Aber sie kam immer öfter nach Hause und sagte, ihr sei in der Schule langweilig und sie wolle nicht mehr hin», so die Mutter. «Ich habe mich dann oft mit ihr hingesetzt, um ihren Wissensdurst zu stillen.»

Mehr und mehr reifte deshalb der Gedanke, Jelina künftig ganz zu Hause zu unterrichten. Dies sei kein Entscheid gegen die Schule, sondern für die Bedürfnisse ihrer Tochter gewesen, betont Bräm. Denn: «Eine weitere Klasse zu überspringen, kam für uns aus Altersgründen nicht infrage», so Carina Bräm. Also stellte die Familie einen entsprechenden Antrag an die örtliche Schulpflege, der auch «unkompliziert bewilligt wurde», wie die Mutter sagt. Im Aargau ist für Homeschooling keine pädagogische Ausbildung der Eltern notwendig. Die Eltern müssen allerdings nachweisen, dass das Kind regelmässig und strukturiert unterrichtet und der Lehrplan eingehalten wird. Die Überprüfung erfolgt durch die Schulaufsicht.

Lehrmittel von der Schule

Drei Stunden täglich unterrichtet Carina Bräm ihre Tochter. Die Lehrmittel erhält sie von der Schule. «In der Mathematik halten wir uns eng daran, in anderen Fächern gestalte ich den Unterricht freier», so Bräm. So habe sie etwa im Fach Realien zusätzlich ein Lehrmittel auf Englisch und gehe mit ihrer Tochter viel in die Natur. Kenntnisse in textilem Werken oder Werken zu vermitteln, fällt der selbstständigen Damenschneiderin ebenfalls leicht. Sie dokumentiert in einer Jahresplanung die Lernaktivitäten. «Im Mai haben wir die erste Inspektion», so Bräm. Sie sehe dieser gelassen entgegen. «Wir wissen, dass wir alles Notwendige gemacht haben.»

Kontakte zu anderen Kindern

Gelassener geworden sei seit dem Beginn des Homeschoolings auch das Verhältnis zu ihrer Tochter, so Carina Bräm. «Der Druck, sie gegen ihren Willen in die Schule zu schicken, ist weg. Das führt seltener zu Streitereien.» Jelina sitzt daneben und nickt. Auch sie sei mit der neuen Situation zufrieden, sagt sie. «Ich lerne jetzt mehr und es macht mehr Spass.»

Kritiker der privaten Schulung monieren oft, den Kindern fehle der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen. Carina Bräm verneint dies für ihre Tochter vehement. «Sie geht zum Hip-Hop und in die Mädchenriege, sie trifft sich mit ihren Freundinnen zum Spielen. Sie ist überhaupt nicht abgeschottet», betont sie. Zudem besuchen die beiden regelmässig einen sogenannten Freilernraum in Wettingen, wo sich Homeschooling-Familien treffen und die Kinder unterschiedlichen Alters miteinander lernen können.

Bräm gibt zu, dass es im Umfeld skeptische Reaktionen gegeben habe. Doch die Unterstützung wachse. «Die Leute sehen, dass sich Jelina positiv verändert hat.» Ob sie ihren jüngeren Sohn, der momentan den ersten Kindergarten besucht, dereinst auch zu Hause unterrichten wird, ist jedoch offen. Das hänge davon ab, wie er sich in der Schule fühle und welche Wünsche er äussere.