Es lag etwas in der Luft, am 27. November 1968, dem Mittwoch vor dem ersten Advent. Der Tag brachte dem Fricktal einige Sonnenstrahlen, die Temperaturen kletterten auf rund sieben Grad. Irgendwo im Aargau feierte ein Junge, Urs Hofmann, seinen 12. Geburtstag. Er zieht viele Jahre später für die SP in den Regierungsrat ein.

Derweil versammeln sich im «Terminus» in Rheinfelden 17 gestandene Mannen. Auch ihnen ist zum Feiern zu Mute, denn sie treffen sich, um den lokalen Ableger der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), der «Mittelstandspartei der Stadt Rheinfelden», wie es auf der Gründungsurkunde (siehe Bild) heisst, aus der Taufe zu heben. Über die Hälfte der Gründungsmitglieder sind Bauern, weitere arbeiten in landwirtschaftsnahen Bereichen.

Auf der Liste taucht auch ein Schnyder, Hansruedi, Kieshübelhof, Rheinfelden auf. Er sollte nur zwei Jahre nach der Gründung der Partei in den Stadtrat gewählt werden. 32 Jahre lang gehörte er dem Gremium an, die letzten 14 Jahre als Stadtammann. Schnyder, dessen «Fan-Club» nach dessen Wahl zum Stadtammann mit Kühen zur Feier kam, hat das Zähringerstädtchen massgeblich und nachhaltig geprägt – und auch seinen Beitrag zur Erfolgsgeschichte der SVP geleistet, wie die BGB seit 1971 heisst.

Grosser Schub durch Christoph Blocher

An jenem kühlen Abend im November 1968 konnte noch niemand ahnen, welche Dynamik die Partei zwei Jahrzehnte später erfassen, welcher Schub ihr Christoph Blocher verleihen wird. Die SVP stieg national von der Zehn-Prozent-Partei Anfang der 90er-Jahre zur 30-Prozent-Partei bei den letzten Nationalratswahlen auf. Im Aargau erreichte sie 2015 sogar knapp 38 Prozent.

Vergleicht man die Ergebnisse der letzten vier Nationalratswahlen, so fällt auf, dass die SVP der Stadt Rheinfelden immer jeweils rund zehn Prozent unter dem kantonalen Schnitt lag. Bei den Wahlen 2015 erreichte die Partei mit knapp 28 Prozent ihr bisheriges Allzeithoch. Dies sei auch der Nationalratskandidatur von Grossrat Daniel Vulliamy zu verdanken, sagt Vizeammann Walter Jucker. «Ein Kandidat aus der eigenen Stadt holt zusätzliche Stimmen.»

Dass der Wähleranteil der SVP in der Stadt deutlich tiefer liegt als im Kanton oder im Bezirk Rheinfelden – hier kam die SVP 2015 auf 36,7 Prozent – ist für Jucker klar. «Im urbanen Umfeld hat die SVP mehr Mühe als auf dem Land. Das hängt mit der Wertehaltung zusammen.» Er wertet denn auch die knapp 28 Prozent bei den letzten Nationalratswahlen als «grossen Erfolg». 1971 stand die SVP bei gerade mal 5 Prozent.

Nach 13 Jahren wieder im Stadtrat

Für die SVP war auch die Wahl von Jucker 2014 ein erfreulicher – und erlösenden Moment. Denn zuvor war die Partei 13 Jahre nicht in der Stadtregierung vertreten. «Nicht schön» sei das gewesen, sagt Jucker, überlegt kurz, fügt dann an: «Es gab uns aber auch eine gewisse Freiheit.» Man habe sich mit den Vorlagen der Stadtregierung kritischer auseinandergesetzt, Druck auf den Steuerfuss gemacht und auch Anträge an den Gemeindeversammlungen gestellt.

Seit seiner Wahl ist die SVP nicht mehr Oppositionspartei, sondern Regierungspartei. Das bringt, zwangsläufig, ein Umdenken mit sich. Jucker formuliert es diplomatisch: «Die Partei ist sich bewusst, dass sie jetzt wieder in die Regierung eingebunden ist.»

Dieses Eingebunden-Sein in die Regierungsverantwortung ist in Städten nicht selbstverständlich. 12 Gemeinden haben im Aargau mehr als 10 000 Einwohner. Nur in fünf sitzt ein SVP-Vertreter im Stadtrat. Dass die SVP oft Mühe hat, ihren Kandidaten auf einen Regierungssitz zu hieven, erstaunt Jucker nicht. «Als Polpartei hat man es schwerer. Wer in der Mitte politisiert, findet grössere Akzeptanz nach recht und links.»

Die SVP ist Juckers Heimat

Jucker sagt von sich, er gehöre dem linken Flügel der SVP an. Auch die Stadtpartei verortet er näher beim Zentrum als andere Sektionen. Für ihn, der 1986 der SVP Rheinfelden beigetreten ist, stand aber nie zur Diskussion, die Partei zu wechseln. Die SVP ist seine Heimat – und diese Heimat beinhaltet zwei zentrale Werte: Wirtschaftsfreundlichkeit und Wertkonservatismus. «Diese Kombination gibt es nur in der SVP.» Seine Funktion sieht Jucker im Finden und Tragen von Lösungen. Als Exekutivpolitiker ist man immer auch Konsenspolitiker. Die Partei braucht aber auch den anderen Part, jener der Wahlkämpfer also. Diese dürfen lauter unterwegs sein – und bringen Stimmen. «Wichtig ist einfach, dass sich jeder seiner Funktion innerhalb der Partei bewusst ist», so Jucker.

Vor der Zukunft hat Jucker keine Angst. «Die Werte und Haltungen, welche die SVP vertritt, werden weiterhin gefragt sein.» Dass die SVP bei den Nationalratswahlen 2019 nochmals deutlich zulegen kann und damit auf einen Wähleranteil von klar über 30 Prozent kommt, glaubt Jucker weniger. «Es ist ein Qualitätsmerkmal der Schweizer Politik, dass keine Partei eine absolute Mehrheit erringt.» Lösungen bräuchten so zwar etwas länger, «dafür sind sie stabiler.»

Keine Sorgen macht sich Jucker auch um die Stadtpartei, die am Samstag mit einer grossen Sause und viel Prominenz ihren 50. Geburtstag feiert. Er schmunzelt. «Wir sind eine starke Partei, aber etwas überaltert. Junges Blut täte uns gut.»