Der junge Mann mit der auffälligen, gezackten und blau eingefärbten Frisur schiebt den grossen Holzkarren vor die Türe des Werkhofs Stein: «Das ist in den letzten Monaten zu meinem Markenzeichen geworden», sagt er, meint damit weniger die Frisur als vielmehr das Schubgefährt.

Gestern Mittwoch hatte Andy Graf den letzten Einsatztag beim Werkhof Stein. Seinen eigentlichen Arbeitsplatz hat der 21-Jährige aus Eiken in der Stiftung MBF, Ein soziales Unternehmen für Menschen mit einer Behinderung im Fricktal, in Stein. Dort hat er im August 2011 seine zweijährige IV-Anlehre als Praktiker PrA Gärtnerei abgeschlossen.

Schwierige Arbeitsplatzsuche

Das seit gestern beendete halbjährige Praktikum von Andy Graf bei der Gemeinde Stein ist für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht sehr erfahrungsreich. «Grundsätzlich versuchen wir die Leute, die bei uns eine Ausbildung absolviert haben, im freien Arbeitsmarkt zu integrieren», erklärt Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF. Grundsätzlich. Denn in der freien Wirtschaft Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung zu finden, ist schwierig.

Befristete Einsätze ausserhalb des geschützten Rahmens der Stiftung MBF zeigen den Verantwortlichen auf, wo junge IV-Berufslehrabgänger überhaupt einsetzbar sind, wo sich aber auch Schwierigkeiten auftun.

Pilotprojekt für die Gemeinde

Als Urs Stäuble, der direkte MBF-Vorgesetzte von Andy Graf, im Sommer 2011 beim Werkhof Stein anfragte, ob der junge Gärtnereimitarbeiter hier ein halbjähriges Praktikum absolvieren könne, stiess er auf offene Ohren. Für die Gemeinde Stein ist es erstmalig, dass sie einem IV-Lehrabsolventen ein solches Praktikum ermöglicht.

Zwischen den Verantwortlichen von der Stiftung MBF und Werkhof fand ein regelmässiger Erfahrungsaustausch statt. Bauverwalter Roland Gröflin zeigt sich insgesamt zufrieden über den Arbeitseinsatz von Andy Graf. Er betont aber auch, dass der junge Stiftung-MBF-Gärtnereimitarbeiter dem in der freien Wirtschaft gängigen Zeit- und Leistungsdruck nicht wirklich gewachsen ist.

Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF, weiss aus Erfahrung, dass die IV-Ausbildung noch keineswegs ein Freipass für einen Arbeitsplatz im primären Arbeitsmarkt sei. In der freien Wirtschaft zählt vorrangig das Geld. Rücksichtnahme auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen hat hier wenig bis gar keinen Platz. Entsprechend klein ist das Angebot an solchen Arbeitsplätzen: wünschenswerte Nischen, die für die Betroffenen eine Chance für den Alltag darstellen.

Freiheitsstatue von Stein

Andy Graf selbst sagt am zweitletzten Tag seines Einsatzes beim Steiner Werkhof, dass er sich sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Beim Mithelfen - sei es beim Laubrechen, Ästeschneiden und mehr - habe er Verantwortung übernehmen dürfen. Lachend meint er, auf seine gezackte Frisur zeigend: «Sie meinen, ich sei jetzt die Freiheitsstatue von Stein.» Mit «sie» weist er stolz in Richtung seiner Kollegen vom Bauamt Stein.

Die IV-Ausbildungsplätze bei der Stiftung MBF sind begehrt. Praktiker nach Insos werden in den Bereichen Industrie (Montage, Konfektionierung und Verpackung), Schreinerei, Mechanik, Gärtnerei, Hauswirtschaft, Küche, Wäscherei, Gebäudereinigung und Betriebsunterhalt angeboten.

Insos Schweiz vertritt als nationaler Branchenverband die Interessen von 750 Institutionen für Menschen mit Behinderung. Er hat 2007 die Praktische Ausbildung nach Insos ins Leben gerufen.