Lindenhof, weit oberhalb von Sulz. Der Anstieg hängt an, denke ich mir, selber Hobby-Rennradfahrer (die Betonung liegt auf «Hobby»), während ich im Auto sitze und gemütlich hochtuckere. Da möchte ich nicht jeden Tag raufstrampeln. Runter schon.

Für die Weiss-Schwestern, die hier aufgewachsen sind, war genau dies lange der Alltag. «Wir fuhren oft mit dem Velo zur Schule», wird Sandra Weiss später im Esszimmer des elterlichen Bauernhauses erzählen. Später, denn vorerst äugen sich zwei lange an: Ich im Auto und der Hofhund vor dem Auto. Ich scheine zu wenig gefährlich auszusehen, auf alle Fälle lässt mich der Hund passieren.

Martina Weiss, 26, öffnet die Türe. Zusammen mit ihrer Schwester Sandra gehört sie zu den besten Radrennfahrerinnen der Schweiz. Wobei: Schwestern trifft es nur halb. Die beiden sind Zwillingsschwestern – und ticken, das zeigt das Gespräch, auch absolut gleich. Sie sind ein eingespieltes Team, nicht nur auf dem Rad, wo sie seit Kindsbeinen im gleichen Team fahren.

Beide absolvieren die Bezirksschule, beide machen eine KV-Lehre in Laufenburg – Martina bei der Balteschwiler AG, Sandra bei der Stadt, beide arbeiten heute Teilzeit, beide sind ausserhalb der Radsaison in der Musikgesellschaft aktiv («unser Hobby»). Martina spielt Saxofon, Sandra Trompete.

Und beide entdecken früh ihre Passion fürs Rennrad. Das kommt nicht ganz zufällig, denn das Rennradfieber grassiert in der ganzen Familie. Tante Hanni gehörte in den 90er-Jahren zur Schweizer Elite, ihr Bruder Peter – der Vater von Sandra und Martina – coachte sie an den Wettkämpfen. Die Schwestern waren oft dabei und feuerten ihre Tante an.

Buben um die Ohren gefahren

Zuschauen reicht ihnen nicht lange, sie wollen selber mitfahren. Mit sieben bestreiten sie ihre ersten Rennen. Drei bis vier Kilometer. Sandra lacht. «Da war das Leben noch einfach.» Es habe sie vom ersten Moment an gepackt, sagt Martina, und Sandra nickt zustimmend. «Wir hatten gute Leiter, die unser Talent sahen und uns förderten.»

Martina erinnert sich noch gut, wie ihnen ein Leiter einmal sagte: «Lasst euch von den Buben nicht unterkriegen, beisst durch. Dann wird das was.» Sie bissen durch – und fuhren vielen Buben, mit denen sie gemeinsam starten, um die Ohren.

Die Rad-Karriere verlief, wie könnte es anders sein, parallel, und auch bei den Erfolgen wechseln sich die beiden schwesterlich ab. Ihren bislang grössten Triumph erzielte Sandra Weiss 2013, als sie an der Schweizer Strassen-Meisterschaft Zweite wurde. Für Martina Weiss war der Sieg am nationalen Frauen-Cup bei der Frauen-Elite im letzten Jahr der wichtigste Erfolg.

Das ist von beiden zu toppen. Das Talent dazu bringen sie mit. Den Willen sowieso. Sie trainieren hart – und konsequent. 12 bis 20 Stunden pro Woche investieren sie in den Sport, 15 000 Kilometer sitzen sie pro Jahr im Sattel. «Ohne Ehrgeiz und eine gehörige Portion Perfektionismus geht es nicht», sagt Sandra Weiss.

Der Wille ist stark, denke ich bei mir, wie ich versuche, mein letztes Training zu rekapitulieren (war es vor einer Woche? Zwei?), aber das Fleisch ist schwach – und das Wetter stets eine gute Ausrede. Zu heiss, zu kalt, zu sonnig, zu nass.

Natürlich stinke es ihr manchmal auch, gibt Martina Weiss zu. «Aber da haben wir den Vorteil, dass wir zu zweit sind.» Mag eine nicht so recht, zieht sie die andere mit. Zudem: «Es ist ja meist nur der erste Moment. Wenn wir dann vom Training zurück sind, ist der Regen vergessen.» Was bleibt, ist ein gutes Gefühl.

Zwei Schwestern für ein Rad-Halleluja. Konkurrenzdenken ist bei den beiden im Gespräch kaum zu spüren. «Jede freut sich riesig, wenn die andere ein gutes Resultat erzielt», sagt Sandra Weiss, und Martina ergänzt: «Im Training pushen wir uns natürlich schon gegenseitig hoch und sprinten auch gegeneinander. Aber eben: Das ist Training und nicht Rivalität.»

Die beiden Schwestern schauen sich während des Gesprächs immer wieder an, nicken, nehmen das Gesagte auf und spinnen es weiter. Sie sind nicht ein Mal anderer Meinung. «Wir haben ein blindes Vertrauen ineinander», beschreibt Martina Weiss das Verhältnis. «Jede weiss, wie es der anderen geht.» Auch ohne Worte. Man merke am Fahrstil, wie die Schwester drauf sei, sagt Sandra Weiss. Am Geisichtsausdruck auch, am Tritt, an der Körperhaltung, an der Gestik.

Das Team zählt

Es ist dieses blinde Vertrauen, dieses Füreinander-Fahren, dieses gegenseitige Wissen um Stärken und Schwächen, was die Rad-Zwillinge auszeichnet. Wobei, das kommt nun wenig überraschend: «Wir sind in den gleichen Sachen stark», sagt Sandra Weiss. Auf dem Rad heisst das: Kurze, steile Aufstiege lieben beide, ein abwechslungsreiches Terrain. «Da sind wir zu Hause.»

Das Wir ist im Radsport entscheidend, sagen beide. «Es ist ein Teamsport.» Noch wichtiger als der eigene Triumph ist der Teamerfolg. «Vor jedem Rennen legen wir die Taktik fest und auch, wer wen in Position bringt.» Dabei achte man auch darauf, dass jede Fahrerin im Team ihre Chance habe. Martina Weiss lacht. «Wir fahren pro Saison an die 50 Rennen. Da fällt für alle genügend ab.» Das heisst auch: Ist eine Teamkollegin in der Spitzengruppe, greift man selber nicht an – selbst dann, wenn man überzeugt ist: Heute könnte ich das Ding schaukeln.

Seit dieser Saison schaukeln die Weiss-Schwestern zusammen mit vier weiteren Fahrerinnen ihr eigenes Team, das Remax Cycling Team. «Es ist schon speziell, ein eigenes Team zu haben», sagt Sandra Weiss. Der grosse Vorteil: Die Fahrerinnen können das Team so strukturieren, wie sie es wollen. Der Nachteil: Sie müssen es selber strukturieren. «Da steckt unheimlich viel Arbeit drin», sagt Martina Weiss. Sponsoren suchen, Staff zusammenstellen, Trikots drucken.

Für die neue Saison, die das Team morgen Sonntag im französischen Chambéry startet, ist alles bereit. Auf einen Moment freuen sich beide bereits jetzt: «Wenn die erste Fahrerin von unserem Team auf dem Podest steht.» Ob diese dann Sandra Weiss, Martina Weiss, Julia Scheidegger, Marcia Eicher, Michelle Andres oder Riccarda Mazzotta heisst – «ganz egal».

Die beiden Weiss-Schwestern wollen im Radsport noch viel erreichen. Als Team. Als Einzelfahrerinnen. Eine Teilnahme als Elitefahrerin an einer EM oder WM wäre ein Traum, sagen beide. Sie wissen auch: Das wird hart.

Vor allem auch, weil sie sich vor einigen Jahren entschieden haben, nicht voll auf die Karte Radprofi zu setzen. «Anders als bei den Männern kann bei den Frauen nur die Top-Elite vom Radsport leben», sagt Sandra Weiss. Das sind die weltbesten zehn, vielleicht zwanzig Fahrerinnern. «Alle anderen haben einen Lehrlingslohn.»

Die Zweiklassengesellschaft

Stört sie das Lohn- und Imagegefälle zwischen Männer- und Frauenradsport? «Sehr», sagt Martina Weiss. «Denn der Aufwand ist der gleiche und wir trainieren ebenso hart wie die Männer.» Sandra zuckt mit den Schultern. «Aber eine solche Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt es leider in vielen Sportarten.» Ein Umdenken sei nötig, sind beide überzeugt. Wäre nötig, trifft es wohl eher.

Aber es ist, wie es ist – und für die Rad-Zwillinge ist es derzeit ihr Leben, ihre Passion. Den Sport, das Training, das Rennfeeling, ja, selbst das Beissen am Berg – sie möchten es nicht missen. «Es ist unsere Welt.»

Das Radfieber der beiden, ihre gelebte Passion, steckt an. Auf der Fahrt zurück, im geheizten Auto, sage ich mir: Ab aufs Rad. Der Vorsatz hält. Bis zum nächsten Regen.