Kulturkampf
«Die Menschen fühlen sich auf dem Teller zunehmend bedroht»

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau, äussert sich über den Kulturkampf auf dem Teller, die Rückkehr des Reduitgedankens und die vegane Idee.

Thomas Wehrli
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«Wir können gesellschaftliche Prozesse nicht einfach mit unserem Geld verändern»: Urs Niggli. (Archiv)

«Wir können gesellschaftliche Prozesse nicht einfach mit unserem Geld verändern»: Urs Niggli. (Archiv)

Raphael Hünerfauth

Herr Niggli, der Begriff «Ernährungssouveränität» hat Hochkultur. Gleich mehrere Volksinitiativen wollen sie mit unterschiedlichen Mitteln erhöhen. Kehrt der Reduitgedanke zurück?

Urs Niggli: Bei den einen, den rechten Kritikern an der Globalisierung, ist dies sicher die Triebfeder. Sie sind überzeugt, dass wir nur überleben können, wenn wir unsere Lebensmittel selber herstellen. Diesen Gedanken hatte man schon im Zweiten Weltkrieg; er ist seither nicht wahrer geworden.

Sie sagen: bei den einen.

Das ist das Spezielle heute: Der rückwärtige Gedanke trifft auf einen progressiven, jenen der grün-linken Kritiker am globalen Markt, für die jedes Volk die Hoheit über die Lebensmittel haben muss und die vor einer Übermacht des Weltmarktes warnen. Diese beiden Denkrichtungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verbrüdern sich in ihrer Kritik an der Globalisierung. Für beide ist der Welthandel in der Landwirtschaft nicht das Rezept, das zum Erfolg führt. Im Gegenteil.

Wo stehen Sie?

Auf keiner der beiden Seiten. Mein Ansatz ist ein liberaler. Die Staatengemeinschaft soll aber gute Rahmenbedingungen schaffen, damit sich ökologische und soziale Entwicklungen durchsetzen. Sich einseitig vor der Welt abschotten ist jedoch falsch.

Stimmen die Rahmenbedingungen?

In vielen Bereichen nicht. Im Saatgutbereich beispielsweise, aus dem sich der Staat zurückgezogen hat. Das war falsch, der Markt versagt. Wenn wir beim Saatgut eine hohe Vielfalt erhalten wollen – und das muss unbedingt unser Ziel sein –, dann muss der Staat jetzt wieder eingreifen und Grundlagenforschung betreiben. Das ist im Übrigen gut investiertes Geld, denn das stärkt den Forschungsstandort Schweiz.

Der Schweizer Bauernverband will mit seiner Initiative «die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger und nachhaltiger einheimischer Produktion» stärken. Tönt doch gut.

Ja, das tönt gut, aber die Initiative will den Aspekt der Produktion gegenüber der Ökologie und dem Tierwohl aufwerten. Leistungen der Landwirte für das Gemeinwohl sind aber absolut gleichwertig und man sollte nicht nur auf grosse Kartoffeln stolz sein. Den Selbstversorgungsgrad auf dem heutigen Niveau von 55 bis 60 Prozent zu halten ist dabei nicht massgeblich.

Was ist dann relevant?

Relevant ist, eine hohe Wertschöpfung durch Qualität und Konsumentennähe zu erzeugen. Das bringt den Bauern viel und dem Land ebenso. Nehmen wir den Bio-Bereich: Coop und Migros geben beide der einheimischen Produktion den Vorzug; dennoch müssen sie viel importieren, weil es einfach zu wenig Biobauern gibt. Also: Hören wir auf, uns um Selbstversorgungs-Prozente zu sorgen, sondern produzieren wir das, was die Konsumenten suchen.

Mag alles sein. Aber so falsch kann der Bauernverband nicht liegen, er hat 150 000 Unterschriften innert nur drei Monaten gesammelt.

Der Bauernverband hat es sehr gut gemacht, Hut ab. Er hat seine Leute mobilisiert und den Kantonalverbänden klare Vorgaben gemacht, wie viele Unterschriften sie bringen müssen. Zudem ist es ja auch eine äusserst sympathische Initiative, gegen deren Inhalt man nicht wirklich etwas haben kann.

Das sympathische Moment bezweifle ich nicht. Doch da ist mehr, da ist ein Kulturkampf darüber entbrannt, was auf unsere Teller kommt.

Das erlebe ich auch so. Die Menschen fühlen sich auf dem Teller zunehmend bedroht. Durch die Fast-Food-Welle hat der Mensch die Kontrolle über seine Lebensmittel weitgehend verloren. Pizza, Hamburger und Fertiglasagne sind billiger als ein frischer Salat. Das führt zu einer weiteren Fragmentierung der Gesellschaft, zu einer Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich. Gerade junge Menschen akzeptieren das zum Glück nicht mehr und setzen sich emotional mit ihrer Ernährung auseinander. Sie wehren sich dagegen, von einer Industrie abhängig zu sein, die nicht auf gesunde Lebensmittel ausgerichtet ist. Sie wollen die Ernährung selber bestimmen.

Urs Niggli

Urs Niggli ist seit 1990 Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. Der 61-Jährige studierte an der ETH Zürich Landwirtschaft und ist heute unter anderem Honorarprofessor an der Universität Kassel und Lehrbeauftragter an der ETH. Niggli ist Präsident von FiBL International und der Technologie-Innovationsplattform der Internationalen Vereinigung Ökologischer Landbaubewegungen.

Paradebeispiel sind die «urban gardeners», die Stadtgärtner.

Eine erstaunliche Entwicklung! Das sind progressiv denkende junge Menschen, die ihre Ernährung an die eigene Hand nehmen und ihren Möglichkeiten entsprechend produzieren.

Man könnte auch sagen: Das sind die Schrebergärtner des 21. Jahrhunderts.

(Lacht) Damit würde man der Bewegung nicht gerecht. Sie wollen keine bürgerliche Isolierung im Schrebergarten, sondern sie wollen gemeinsam etwas erreichen und setzen dazu auch gekonnt die modernen Kommunikationsmedien ein. Die «urban gardener»-Bewegung hat sich inzwischen weltweit etabliert. In der Schweiz ist sie in Basel besonders stark.

Eine Art globalen Schrebergarten fordern die Grünen mit ihrer Fair-Food-Initiative. Implizites Ziel ist es, dass in der Schweiz nur Esswaren verkauft werden, die «mindestens» Schweizer Standards erreichen. Taugt die Schweiz als Welt-Ernährungs-Polizist?

Sicher nicht. Mit der Forderung, Schweizer Standards auf der ganzen Welt zu implementieren, habe ich Mühe. Das ist ein ähnlicher Ansatz wie bei der Ecopop-Initiative, die den Entwicklungsländern eine Geburtenkontrolle aufzwingen wollte. Wir können gesellschaftliche Prozesse nicht einfach mit unserem Geld oder mit dem Drohfinger verändern.

Man kann es auch anders herum sehen: Die Schweiz hat hohe Produktionsstandards erreicht und diese gilt es, vor der Billig-Konkurrenz zu schützen.

Das stimmt und deshalb habe ich trotz allem eine Sympathie für die Initiative. Wir haben hohe Standards erreicht, produzieren heute umweltschonender und tierfreundlich. Dies gilt es, zu erhalten, und deshalb dürfen wir unsere Bauern nicht einfach schutzlos der globalen Konkurrenz aussetzen.

Das ist aber eine Gratwanderung, die schnell in Richtung Bevormundung kippen kann.

Das ist eine Gefahr, ganz klar, und darf nicht passieren.

Vier Initiativen sind am Start

- Der Bauernverband will die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger und nachhaltiger einheimischer Produktion stärken und den Kulturlandverlust eindämmen. Die Initiative ist eingereicht.
- Die Grünen wollen, dass in der Schweiz nur Lebensmittel verkauft werden, die mindestens den gleichen Produktionsstandard wie hiesig produzierte haben. Die Initiative ist im Sammelstadium.
- Die Bauerngewerkschaft Uniterre will in der Schweiz das Prinzip der Ernährungssouveränität umsetzen. Für die Initiative wird gesammelt.
- Die Juso will Spekulation mit Nahrungsmitteln verhindern. Die Initiative ist eingereicht.

Kann man es verhindern?

Ja, indem man die externen Kosten, die bei der Produktion entstehen, internalisiert. Wer umweltbelastet produziert, muss diese Kosten tragen. Sein Produkt wird teurer, das fair und umweltschonend produzierte günstiger.

Das bedingt, dass man die externen Kosten kennt.

Dafür gibt es Studien zuhauf. Die Lebensmittelabfälle beispielsweise kosten uns 2,6 Billionen Dollar pro Jahr, Umwelt- und Sozialkosten inklusive. Es wäre gescheiter, solche Kosten einzubeziehen und so zu einer besseren Kostenwahrheit zu kommen als zu versuchen, die Sache an der Schweizer Grenze zu regeln.

Dazu müsste das ganze System neu gedacht werden.

Das ist so – und das macht das Ganze so schwierig. Es ist eben einfacher, den Import mit Auflagen oder Strafzöllen zu belasten, als international mit kreativen Ideen für das Verursacherprinzip zu kämpfen.

Sie beschreiben ein Idealsystem. Kann es überhaupt je Realität werden?

Die heutigen Welthandels-Regeln wurden ja auch in zähen Verhandlungen während 50 Jahren geschaffen. Jetzt muss die Schweiz für Regeln für Ökologie und soziale Gerechtigkeit kämpfen. Bis das geschafft ist, können die Konsumenten etwas tun. Die zahlreichen Labels für Nachhaltigkeit wie Bio, Max Havelaar und zu einem geringeren Masse auch Rainforest Alliance, UTZ, MSC oder Proterra sind auf weltweit gehandelten Lebensmitteln drauf, welche höheren ökologischen und sozialen Standards genügen. Das ist ein Grund, warum das FiBL ein wichtiger Partner des UN-Forums für Nachhaltigkeitsstandards in Genf geworden ist.

Sie haben einfach reden. Der Biobereich, den Sie vertreten, ist doch eine Art geschützte Werkstatt.

Da täuschen Sie sich gewaltig. Bio steht heute vor der genau gleichen Situation wie die konventionelle Landwirtschaft: Das Ausland produziert viel billiger als die Schweiz. Deshalb stellen trotz wachsender Nachfrage Schweizer Landwirte nicht mehr um, weil der Import viel günstiger ist.

Nun ja, machen Sie mal einem Konsumenten klar, dass sein Bioapfel aus China kommt.

Das ist schwierig, klar. Deshalb sollten Produkte, die klimatisch in die Schweiz passen, auch hier in Bioqualität produziert werden. Wir machen mit der Bio Suisse und den Kantonen verschiedene Offensiven, um IP-Betriebe auf Bio umzustellen.

Warum stellen nicht mehr Bauernfamilien auf Bio um? Ist der Biolandbau zu wenig attraktiv oder innovativ?

Im Ackerbau und im Obst- und Gemüsebau ist bio sehr anspruchsvoll und risikoreich. Deshalb diskutieren die Biobauern gerade jetzt intensiv über Innovation. Die Forschung wird eine wichtige Rolle spielen, es braucht neue Sorten, robustere Tiere, alternative Medikamente, biologische Spritzmittel, neue Bodenbearbeitungsgeräte. Endlich gibt es etwas mehr Geld in der Bioforschung, sodass das FiBL hoch interessante Neuentwicklungen in der Pipeline hat. Unser Ziel ist es, dem Biolandbau ein modernes Image zu verpassen und so die Wachstumsdelle bei den Biobauern zu überwinden.

Bringen mehr Forschung, Ertragsdenken und Wachstum die ideellen Werte des Biolandbaus nicht in Gefahr?

Nein, denn man kann sie nicht wegdenken. Der Biogedanke enthält immer eine hohe Verantwortung für das Tierwohl, den Boden, die Vielfalt und den Umweltschutz.

Damit liegt er voll im Trend, denn ideelle Werte erleben in der Landwirtschaft und der Ernährung derzeit einen wahren Höhenflug.

Das stimmt. Bestes Beispiel ist die vegane Idee, die wie aus dem Nichts entstanden ist und ein ungeheures Bedürfnis nach ideellen Werten verkörpert.

Ist die vegane Idee also eine Art Trendsetter?

Ja, denn sie gibt eine mögliche Antwort auf die Problematik Tier in der Landwirtschaft. Bis vor 50 Jahren sprach man Nutztieren ein individuelles Denken ab. Heute weiss man, dass sie miteinander kommunizieren, dass sie nicht nur triebgesteuert sind. Sie können sich orientieren und Entscheide autonom treffen. Aus dieser rationalen Erkenntniserweiterung leiten die Veganer nun ihre ideelle Idee des Verzichts auf jegliche tierische Produkte ab.

Teilen Sie diese Idee?

Nein, Veganismus mag ein individuell richtiger Entscheid sein, aber er löst kein einziges Problem. Zwei Drittel des weltweiten Landwirtschaftslandes sind Wiesen und Weiden, auf denen nur Gras wächst, kein Getreide und kein Gemüse. Da der Mensch kein Gras verdauen kann, hätten wir ein gigantisches Eiweiss-Defizit. Besonders in der Schweiz, denn wir sind ein Grasland.