Wölflinswil

Die Kuh-Stylistin: «Das Know-how habe ich mir selber beigebracht»

Kuhstylistin Bettina Besler über die aufwändigen Vorbereitungen vor einer Ausstellung und die perfekte «Topline».

Kuhstylistin Bettina Besler über die aufwändigen Vorbereitungen vor einer Ausstellung und die perfekte «Topline».

Bettina Belser sorgt mit Kamm, Föhn und Schere dafür, dass Kühe an Ausstellungen top aussehen. Die Arbeit mit den Tieren ist ihre grosse Leidenschaft.

Kuh White-Kelly will grad nicht. Sie streikt, als sie Bettina Belser in den mobilen Klipper-Stand führen will. Belser lacht. «Kühe haben eben ihren eigenen Grind. Und der ist bisweilen recht stur.» Belser hat sich längst darauf eingestellt und ihre Strategien dagegen entwickelt. «Wenn man mit Kühen an Ausstellungen teilnimmt, muss man sich durchsetzen. Sonst laufen sie in der Arena nicht richtig.»

Im zweiten Anlauf klappt es dann problemlos. White-Kelly steht da, äugt den Besucher kurz an, schlabbert dann genüsslich am Metallgestänge herum. Derweil zeigt Bettina Belser, 20, Jungzüchterin aus Wölflinswil, wie sie White-Kelly und andere Kühe auf eine Ausstellung vorbereitet. Belser, die vor einem Jahr ihre Landwirtschaftslehre abgeschlossen hat und nun auf dem elterlichen Betrieb – 30 Milchkühe, 30 Jungvieh, 120 Mastschweine, 28 Hektaren Land – mitarbeitet, ist nebenbei Kuh-Stylistin.

«Das Know-how habe ich mir selber beigebracht», erzählt Belser. Sie lacht, als sie sich an die Anfänge ihrer Stylistinnen-Karriere zurückdenkt. Damals, sie mag 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, nahm sie sonntags ab und an eine Kuh aus dem Stall, band sie an, scherte sie und stylte sie. Das sah nicht immer so aus, wie sie es wollte. «Zum Glück sehen sich Kühe nicht im Spiegel an», scherzt Belser.

Mit der Zeit bekam sie aber ein Händchen für das Styling. Heute bereitet die Jungbäuerin nicht nur die Belser-Kühe auf die vier bis fünf Ausstellungen vor, welche die Familie pro Jahr mit je vier bis fünf Tieren besucht, sondern verleiht an den Ausstellungen auch fremden Kühen den letzten Schliff. «Es fing damit an, dass mich eine Kollegin fragte: Kannst Du nicht auch meine Kuh stylen?»

Sie konnte und wollte – und ihr Können sprach sich in der Szene schnell herum. Bei 10 bis 15 Kühen pro Ausstellung bringt sie inzwischen mit Kamm, Föhn und Schere die Haare in die richtige Form. «Ich lerne jedes Mal etwas dazu», sagt Belser, die sich durchaus vorstellen kann, das Styling-Geschäft weiter auszubauen und – nicht nur dazu – die Schweizer Jungzüchter-Schule in Fribourg zu besuchen.

«Das Kuh-Styling ist viel Arbeit», erklärt Belser, «aber ich mache es leidenschaftlich gerne.» Zudem kann sie, kommt sie in arge Föhn-Zeit-Nöte, auf die Mithilfe ihres Vaters Marcel und ihrer Schwester Angela zählen.

Belser gibt White-Kelly, die etwas gelangweilt ist und sich nun eben mit dem Haltestrick beschäftigt, einen liebevollen Klaps. «Kühe faszinieren mich seit meiner Kindheit jeden Tag aufs Neue», erzählt sie, stutzt bei der Frage nach dem Warum, überlegt kurz und fügt dann an: «Jede Kuh ist auf ihre Art anders und hat ihren eigenen Charakter. Man baut eine Beziehung zu ihnen auf, gerade wenn man mit ihnen an Ausstellungen geht.»

Einmal waschen und föhnen

Zu White-Kelly etwa, die im letzten Jahr ihre erste Ehrenerwähnung an der Aargauer Eliteschau bekam. «Sie ist menschenbezogen, recht zahm und arbeitet gut mit», erzählt Belser. Die Arbeit von White Kelly beschränkt sich dabei hauptsächlich auf zwei Dinge: mitlaufen und gut aussehen. Hinter Bettina Belser liegt zum Einmarsch-Zeitpunkt derweil eine ganze Menge Arbeit. Rund einen Monat vor einer Schau beginnt sie, mit den Tieren zu arbeiten, nimmt sie ans Halfter und übt mit ihnen das Laufen.

Zwei Wochen vor der Ausstellung wäscht sie die Kühe ein erstes Mal, von da an alle zwei bis drei Tage, «damit der tief sitzende Dreck wirklich aus dem Fell ist und dieses am Ausstellungstag fettfrei ist». Eine Woche vor der Schau schert Belser die Kühe am ganzen Körper, an den einen Stellen ganz kurz, an anderen lässt sie die Haare etwas länger stehen. Rund einen halben Tag braucht sie pro Kuh, bis diese so aussieht, wie sie es haben will.

Das eigentliche Meisterstück, die Haute culture des Kuh-Styling, wenn man so will, folgt dann an der Ausstellung selber. Die Kuh wird nochmals gewaschen und die Haare auf dem Rücken mit Föhn und Kamm so bearbeitet, dass sie aufrecht stehen. Mit der Schere schneidet Belser die Haare auf die gleiche Höhe, so, «dass der Rücken wie ein Lineal aussieht». Das sei, je nach Kuh, recht knifflig, «denn einige haben nicht ganz pflegeleichte Haare». Belser lacht. «Bei den Menschen ist das ja nicht anders.» Ja, denkt der Schreibende, und fährt sich durch seine festen (und dadurch widerspenstigen) Haare.

Das grosse Finish

Top-Line nennt sich der letzte Akt – und in diesem Styling-Finish ist Belser derart top, dass andere Aussteller sie noch so gerne an ihre Kühe lassen. «Die Arbeit mit und an den Tieren macht mir grossen Spass», sagt sie, die jedes Tier – ob eigenes oder fremdes – möglichst perfekt für die Präsentation stylen will. Es sei auch jedes Mal von Neuem schön, die Freude der Besitzer zu sehen, wenn sie das gestylte Tier übergebe. «Die Tage rund um die Ausstellungen sind für mich die schönsten, auch wenn ich nur wenig zum Schlafen komme», sagt sie.

Die Arbeit mit den Tieren ist ihre grosse Leidenschaft. «Wir Viehzüchter sind eine eingeschworene Familie», sagt sie. Belser kann sich gut vorstellen, den elterlichen Betrieb dereinst zu übernehmen. In den nächsten Jahren will sie die Betriebsleiterschule machen. Und Erfahrungen sammeln. Auf eine freut sie sich besonders: Ab Herbst ist sie in einem kleinen Teilzeitpensum Embryotransfer-Assistentin bei Swissgenetics, einem auf Fortpflanzung spezialisierten Unternehmen. «Dank dem Job komme ich in die besten Zuchtställe der Schweiz und kann so viel für meine berufliche Zukunft lernen.»

Bereits heute arbeitet sie im Vorstand der Aargauer Jungzüchter mit. «Ich will die Jungbauern in der Viehzucht fördern», erklärt sie ihr Engagement, «und ich will den Leuten zeigen, wie wichtig der Bauernstand ist.»

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