Obwohl das Fricktal ein Bevölkerungswachstum verzeichnet, verlieren die drei Landeskirchen laufend Mitglieder. Dies zeigt eine Auswertung, die das statistische Amt für die AZ vorgenommen hat. So stieg die Zahl der Einwohner in den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden zwischen 2000 und 2015 von 63'023 auf 78'310. Die Zahl der Reformierten ging im selben Zeitraum jedoch um 1151 auf 15'754 zurück, jene der Römisch-katholischen um 916 auf 29'368 und jene der Christkatholiken um 395 auf 2207 (siehe Tabellen unten).

Im Gegenzug stieg die Zahl derer, die keiner Landeskirche angehören, massiv – von 13'211 auf 30'981. In der Statistik tauchen sie als «Andere» auf und umfassen neben den Konfessionslosen auch Angehörige von Freikirchen und nichtchristlichen Religionen, etwa Muslime. Separat waren in der Statistik neben den drei Landeskirchen bis 2000 die Juden aufgeführt. Sie blieben im Fricktal eine Randerscheinung. Die grösste Gemeinschaft stellte 1900 Rheinfelden mit 18 Juden.

Noch dramatischer mutet der Rückgang der Mitglieder der drei Landeskirchen an, wenn man die Veränderungen prozentual betrachtet. Dann ist der Anteil derer, die im Fricktal einer Landeskirche angehören, in den letzten 35 Jahren von 92,8 Prozent auf 60,4 Prozent gefallen. 1960 kamen die drei Landeskirchen zusammen sogar noch auf 99,5 Prozent.
Dabei stellten die Römisch-katholischen vor 60 Jahren in 28 der 32 Gemeinden die absolute Mehrheit, die Reformierten in Olsberg und Rheinfelden und die Christkatholiken in einer Gemeinde, Magden. In Möhlin erreichte keine Konfession die 50-Prozent-Marke.

Heute sind es gerade noch neun Gemeinden, in denen eine Konfession auf mehr als 50 Prozent kommt. Spitzenreiter ist Gansingen; hier sind 60,4 Prozent der Einwohner römisch-katholisch. Den zweithöchsten Katholikenanteil hat Schupfart mit 58,75 Prozent. Am höchsten ist der Anteil der Reformierten an der Bevölkerung in Olsberg mit 34,8 Prozent.

Rheinfelden bald bei 50 Prozent

In einer Gemeinde hat die Zahl derer, die keiner Landeskirche angehören, die 50-Prozent-Marke bereits überschritten: in Kaiseraugst gehören 52,2 Prozent der Einwohner keiner der drei Konfessionen an. In zwei weiteren, Rheinfelden und Stein, kratzen die Konfessionslosen und Andersgläubigen die 50-Prozent-Marke bereits.

Dies untermauert auch die These, dass die Säkularisierung respektive Individualisierung in den urbanen Räumen schneller voranschreitet als auf dem Land. Dies liegt zum einen an der generell stärkeren Zuwanderung, die auch mehr Kirchenferne in die Zentren zieht, zum anderen an der Zuwanderung von Menschen aus anderen Kultur- und Kultuskreisen, die ihren Glauben mitbringen. Umgekehrt erstaunt es auch nicht, dass beispielsweise die drei Gemeinden im hinteren Benkental noch einen Katholikenanteil von mehr als 50 Prozent aufweisen.

Die Frage ist, wie lange noch. Linus Hüsser, Historiker, Fricktal-Kenner und Präsident der Kirchenpflege Herznach-Ueken, ist überzeugt: «Ich werde es noch erleben, dass der Anteil der Reformierten und Katholiken im Fricktal unter 50 Prozent fällt.» Derzeit liegt er im Bezirk Laufenburg noch bei 64,4 und im Bezirk Rheinfelden bei 57,8 Prozent. Es gebe derzeit kein Anzeichen einer Trendwende, im Gegenteil: «Der Rückgang der Gläubigen wird sich noch beschleunigen.»

Auch er weiss: Dass die Zahlen nicht schon tiefer sind, liegt zum Teil auch an den Zuwanderern, beispielsweise aus Italien, die ihren Glauben mitbringen und diesen weiterleben wollen.

Selber erlebt Hüsser im Jahr mehrmals, dass einer der Gläubigen sagt: «Ich bin dann mal weg.» Er meint jedoch, anders als Hape Kerkeling, nicht eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg, sondern eine Reise aus der Kirche. Im letzten Jahr verzeichnete die Kirchgemeinde Herznach-Ueken 16 Kirchenaustritte, im Jahr davor, dem «negativen Rekordjahr», sogar 27. Bei gut 1000 Gläubigen ist das ein Verlust von 1,5 bis 2,5 Prozent. Was Hüsser dabei besonders beunruhigt: Die Austrittsquote hat sich in den letzten zehn Jahren stark erhöht. «Bis vor 10 oder 15 Jahren verzeichneten wir im Schnitt fünf bis sechs Kirchenaustritte. Jetzt hat sich die Zahl verdoppelt bis vervierfacht.

Kein Franziskus-Effekt

Mit der Wahl von Papst Franziskus, so erhoffte es sich Hüsser, werde die Zahl der Austritte zurückgehen. Das Gegenteil war der Fall; der Papst, der angetreten war, um der katholischen Kirche ein moderneres, offenes Gesicht zu verleihen, konnte die Erwartung nicht erfüllen. Anders kann sich Hüsser die Massierung der Austritte 2015/16 nicht erklären.

Für Hüsser ist klar, dass die Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche einen Einfluss auf die Zahl der Austritte haben. Sie seien für etliche der sprichwörtliche Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Einen Einfluss hat auch das Bild der katholischen Kirche, das viele Gläubige als altbacken, verstaubt und unglaubwürdig empfinden. Insbesondere die Nichtzulassung der Frauen zur Priesterweihe und die Zölibatspflicht für Priester verstehen viele nicht.

Das verstehe er, sagt Hüsser, nur: «Die Christkatholiken und Reformierten haben beides nicht – und verzeichnen trotzdem einen Rückgang.» Dies könne also nicht das eigentliche Argument sein, findet er. Dieses sei sehr oft das Geld. «Wer mit der Kirche wenig anfangen kann, ist heute nicht mehr bereit, zu zahlen.»

Dass im Gegensatz zu den Landeskirchen viele Freikirchen einen regen Zulauf haben, erstaunt Hüsser nicht. «Sie verstehen es besser, den Mitgliedern ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln.» Hüsser wünscht sich denn auch, was Martin Werlen als Abt von Einsiedeln schrieb: «Dass es uns wieder mehr gelingt, miteinander die Glut unter der Asche zu entdecken.»