Herr Spuhler, welche Bedeutung hat Geschichte im Alltag?

Gregor Spuhler: Für mich als Historiker hat Geschichte natürlich eine grosse Bedeutung. Das ist vielleicht auch eine «déformation professionelle», weil ich bei vielen Problemen dazu neige, sie in ihrer historischen Dimension zu betrachten. Ich bin überzeugt, dass man Dinge besser versteht, wenn man die historischen Zusammenhänge kennt. Gegenwart kann man nur verstehen, wenn man versteht, was vorher war.

Gilt das nur für Historiker?

Nein, es ist ein Merkmal menschlicher Existenz, dass wir über Vergangenheit verfügen, darüber nachdenken und sie in Verbindung zur Gegenwart setzen können. Eine Gesellschaft, in der alle sofort alles vergessen und nicht wissen, was gestern, vorgestern, oder vor einem Jahr war, ist undenkbar.

Haben die Schweizer dieses historische Bewusstsein?

Generell geht das historische Bewusstsein unserer Gesellschaft nicht sehr weit zurück. Als Historiker staune ich immer wieder, wie oft an sich bekannte historische Tatsachen in den Medien als Neuigkeiten präsentiert werden können. Es ist aber auch erklärbar: Jede neue Generation muss sich die Vergangenheit immer wieder aufs Neue aneignen.

Wie eignet man sich Geschichte an?

Eine Ebene ist der Schulunterricht. Dann gibt es den Bereich von Filmen und Romanen, die historisches Bewusstsein schaffen und – vor allem im familiären Umfeld – Überlieferungen und Erzählungen. Schliesslich gibt es die geschichtskulturellen Vermittlungsformen wie Jubiläums- und Gedenkveranstaltungen oder Feiern.

Bleiben wir kurz beim Schulunterricht. Wird Geschichte in der Schule gut vermittelt?

Es gibt grosse Unterschiede und es hängt stark von der Lehrperson ab. Grundsätzlich problematisch finde ich, dass Geschichte in der Schule vielerorts immer noch ein bloss chronologisches Vorgehen wählt. Gleichzeitig werden die Schüler von Kindern zu jungen Erwachsenen. Das führt dazu, dass viele Menschen ein relativ kindliches Bild der Römer und des Mittelalters haben und ein etwas differenzierteres, dem jugendlichen Verständnis entsprechendes Bild vom 19. und 20. Jahrhundert.

Soll man den Schülern heute noch das Gleiche beibringen, wie vor 20 oder 50 Jahren?

Teils – teils. Manche Themen interessieren heute weniger, gleichzeitig stellen wir neue Fragen an die Geschichte. Das meine ich damit, dass sich jede Generation die Vergangenheit aufs Neue aneignen muss. Die Schwierigkeit in der Schule ist, dass in der Jugend zumeist nur das Hier und Jetzt interessiert – und vielleicht noch die eigene Zukunft. Die Frage ist also, wie vermittle ich Geschichte anschaulich? Die Herausforderung dabei: Orientierungspunkte zu schaffen. Es braucht Fixpunkte im historischen Kontinuum. Man muss also schon ein paar Jahreszahlen auswendig lernen, um Orientierung zu schaffen. Aber man muss auf der anderen Seite auch ein historisches Verständnis schaffen; Dinge und Ereignisse verknüpfen und vergleichen. Das funktioniert nicht allein mit Jahreszahlen. Und es ist auch für engagierte Lehrpersonen schwierig – gerade bei nur zwei Lektionen pro Woche.

Wird beim Vermitteln von Geschichte jeweils ein Geschichtsbild, eine Interpretation von Geschichte mitvermittelt?

Ja. Verstehen heisst immer auch interpretieren. Das heisst, man konstruiert eine Erzählung.

Gibt es heute ein allgemeingültiges Geschichtsbild in der Schweiz?

Immer noch ziemlich wirkmächtig sind die Neutralität oder die humanitäre Tradition. Sie sind wichtig für das Selbstverständnis eines grossen Teils der Bevölkerung. Obwohl man natürlich sagen muss, dass sich die Schweizer Bevölkerung in den letzten 40 Jahren enorm verändert hat. Rund ein Drittel der Wohnbevölkerung hat einen Migrationshintergrund und kann mit der Geschichte von Morgarten und Marignano wenig anfangen. Diese Menschen bringen aufgrund ihrer Herkunft andere Überlieferungen und Geschichtsbilder mit. Darum ist die Integrationskraft der traditionellen Schweizer Erzählungen nicht mehr so bindungsstark.

Müssten Menschen mit Migrationshintergrund diese Bindung haben, um besser integriert zu sein?

Wenn man davon ausgeht, dass gerade in der Schweiz Integration nicht über gemeinsame Sprache oder Religion läuft, sondern historisches Bewusstsein und Geschichte Voraussetzungen für die gemeinsame Gegenwart sind, dann kann die mangelnde Bindung zum Problem werden. Wer aus anderen Kulturen und Traditionen kommt, soll etwas über die Schweizer Geschichte erfahren. Aber es muss auch Anknüpfungspunkte geben, die näher bei der eigenen Herkunft liegen. Anknüpfungspunkte für eine internationalere, offenere Geschichtsidentität.

Wo findet man diese Anknüpfungspunkte?

Wir haben im Archiv für Zeitgeschichte beispielsweise einen grossen Quellen-Bestand über Entwicklungszusammenarbeit gesichert. Dort sieht man, die Schweiz ist nicht nur Morgarten oder Wilhelm Tell. Sie hatte immer auch eine Tradition von Austausch, Verknüpfung. Die Industrialisierung beruht zu einem grossen Teil auch auf Einwanderung. Das sind Angebote für Anknüpfungen in der heutigen Gesellschaft.

Was erwartet man in der Schweiz von Historikern?

Erwartet man überhaupt etwas? Auf jeden Fall könnten sie viel und arbeiten in den verschiedensten Branchen. Was sie im Studium lernen sollten, ist ein kritisches Bewusstsein. Bei Texten, Quellen oder Argumentationen auch die Voraussetzungen zu bedenken und sich zu fragen: Ist das stringent und stichhaltig? Sie haben eine Vorstellung von Quellenkritik. Von Historizität. Von Argumentation. Das heisst, sie können Orientierung schaffen, Dinge in einen historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext einordnen.

Mein Eindruck ist: Dieses Einordnen machen heute aber nicht mehr die Historiker.

Ja. Die Historiker verlieren ihre Rolle.

Warum?

Das ist eine schwierige Frage. Es hängt auch damit zusammen, wie Medien funktionieren. Manche wollen sich nicht äussern, andere werden nicht gefragt, und einige wenige sind in der Kartei und kommen immer wieder. Im Moment ist Tobias Straumann, der sich als Wirtschaftshistoriker auf Finanzgeschichte spezialisiert hat, sehr gefragt.

Gibt es noch andere Gründe?

Geschichtswissenschaft ist sicher auch unpolitischer geworden. Es gibt Erweiterungen auf Kulturgeschichte, Gender Studies, Linguistic Turn. Das finde ich alles spannend und eine Bereicherung – aber die Geschichtswissenschaft wird auch etwas breit und beliebig. Es gibt immer weniger Historiker, die sich mit den politischen Fragen beschäftigen. Und dann nimmt auch das Interesse an Politik im Allgemeinen ab. Die Bindungskraft der Parteien, das Engagement für Wahlkämpfe ist immer weniger virulent. Ökonomie, Freizeit, Sport und Konsum sind gesellschaftlich wichtiger geworden.

Müsste man versuchen, die politische Geschichte mehr zu propagieren?

Politik und das politische Verständnis sind nach wie vor sehr wichtig und müssen auch Teil des Geschichtsstudiums sein. Und ich finde auch nicht, dass das total verloren gegangen ist.

Auch Schweizer Geschichte ist politische Geschichte. Jüngst gab es einen Aufschrei wegen der Abschaffung des Nebenfachs «Schweizer Geschichte» an der Uni Zürich …

… im Nebenfach «Schweizer Geschichte» gibt es sehr wenige Absolventen. Das lohnt sich verwaltungstechnisch nicht. Aber es heisst nicht, dass man keine schweizer-geschichtlichen Vorlesungen oder Lehrveranstaltungen mehr macht. Wer Geschichte studiert – und das Fach boomt nach wie vor – , bekommt automatisch etwas über Schweizer Geschichte mit. Und Studenten können sogar sehr viel Schweizer Geschichte belegen, wenn sie das wollen. Wenn man die Abschlussarbeiten anschaut, sieht man immer noch sehr viele schweizerische Themen. Nur wenige gehen für ihre Arbeiten in Archive im Ausland. Deshalb ist es etwas absurd, die Diskussion an diesem Beispiel aufzuhängen. Es ist aber nicht absurd zu schauen, wie ausgewogen das Lehrangebot ist.

Gibt es Mankos?

Mankos weniger. Aber ich finde es zum Beispiel schade, dass nur sehr wenige Studenten Wirtschaftsgeschichte belegen. Es interessiert die Leute nicht so, aber es wäre wichtig, um die Gegenwart zu verstehen. Die Archive bräuchten auch Historiker, die gute Informatikkenntnisse haben. Die Stichworte lauten hier Digitalisierung und Erhalt von digitalen Daten. Sonst haben wir in 50 oder 100 Jahren fast keine Quellen aus der Zeit nach dem Jahr 2000 mehr.

Wären auch die Jubiläen in diesem Jahr ein Punkt, um die politische Geschichte bekannter zu machen?

Sicher. Eine Gesellschaft braucht Rituale, Gedenkanlässe sind ein Scharnier. Man schaut zurück in die Vergangenheit und damit gleichzeitig auch in die Zukunft. Das ist notwendig und sinnvoll. Es ist aber die Frage, wie die Anlässe gedeutet und gestaltet werden. Welche Inhalte werden transportiert? Die gängige Erzählung ist ja: 1315 haben wir uns am Morgarten von den Habsburgern befreit, nach der Niederlage 1515 in Marignano wurden wir neutral und bescheiden. 1815 wurde diese Politik am Wiener Kongress bestätigt und seither haben wir die immerwährende Neutralität. Diese Narration ist zu einfach und dient vor allem politischen Zwecken in der Gegenwart. Geschichte ist aber immer ambivalent und vielschichtig. Im Historischen Lexikon der Schweiz heisst es zu allen diesen Ereignissen – ausser bei Morgarten, wo die Schwyzer noch für sich allein kämpften –, dass die eidgenössischen Orte untereinander uneins oder zerstritten waren.

Wie könnte man an die Jubiläen herangehen?

Ich vergleiche es mit einer Silberhochzeit. Man schaut zurück, und weiss, dass man viel zusammen erreicht hat. Aber es ist einem auch bewusst, dass nicht alles reibungslos verlaufen ist, dass es Konflikte gab und manches auch ganz anders hätte verlaufen können. Man soll nicht aufs Feiern verzichten, aber man soll sich auch fragen: Wie hat man das Gefüge austariert, welche Rolle spielte der innere Zusammenhalt, wie reagierte man auf Druck von aussen? Dann sind Jubiläen keine Beschwörung einer verklärten Vergangenheit, sondern Anlass zu einer produktiven Diskussion.