Astrid Dinkel seufzt am Telefon, verstummt kurz, kramt tief in ihren Erinnerungen. Von der «Baracke» erzählt sie dann, die ihre Mutter im Sisslerfeld geführt hat, von ihrem ersten Flug als Passagierin, vom schlimmsten Flug auch und natürlich vom legendären Kunstflieger Albert Rüesch, der einmal vom Fricktal ins Tessin flog – alles kopfüber. «Ja, das waren schöne Zeiten, damals.»

Das Damals liegt an die 60 Jahre zurück und im Damals war das Sisslerfeld keine Industriezone, sondern ein Flugplatz. Bereits in den 1930er-Jahren entdeckten einige Fricktaler die Faszination Fliegen, bauten selber ein Segelflugzeug und liessen sich per Autowinde in der Kiesgrube von Eiken und auf einer Krete bei Mettau in die Luft katapultieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg startet Pilot Rüesch durch und gründet mit Fliegerfreunden die Motorfluggruppe Fricktal mit dem Ziel, einen Flugplatz zu betreiben. Etwas später entsteht auch wieder eine Segelfluggruppe; die erste löste sich vor dem Krieg auf.

Bereits im Jahr nach der Gründung, 1948, kann die Gruppe im Sisslerfeld unbebautes Landwirtschaftsland erwerben. «Der Kauf des Fluggeländes und der Hangarbau im Sisslerfeld waren zwangsweise die ersten Sorgen des jungen Vereins von 80 Mitgliedern», hält der AeCS Fricktal, wie die Fluggruppe seit 1950 heisst, in seinen Annalen fest. «Der damalige Quadratmeterpreis von 70 Rappen sprengte das Budget und dämpfte die Euphorie.»

Rundflug für fünf Franken

Man steht zusammen, sammelt Geld – und leistet viele Stunden Fronarbeit. Freileitungen werden verlegt, 600 Meter Piste geebnet und die Gebäude erstellt. Die erste Sternstunde erlebt der junge Flugplatz am 1. Oktober 1950: Die Flugtag-Premiere «wird zum Grosserfolg», wie es in den Annalen heisst; an die 6000 Besucher strömten auf das Sisslerfeld und sahen unter anderem eine Fliegerstaffel aus Nancy über ihre Köpfe brausen. Eine Wurst mit Brot kostete damals 1.30 Franken, ein fünfminütiger Rundflug fünf Franken.

An den ersten Flugtag erinnert sich Astrid Dinkel, damals elf Jahre alt, nicht mehr. Dafür an die vielen Flugschüler, die zum Teil auch auf dem Flugplatz übernachteten, und an ihre Prüfungen. «Sie legten diese in einem Viersitzer ab», erzählt Dinkel.

Da alle vier Plätze besetzt sein sollten und von Amtes wegen nur drei – der Schüler, der Lehrer und der Experte – dabei waren, durfte sie oft mit. Sie lacht. «Nein, Angst habe ich nie gehabt.» Einer der schönsten Momente war der, als ein Flugschüler, der eben die Prüfung bestanden hatte, zu ihr sagte: «Komm, wir fliegen rasch ins Tessin zum Mittagessen.» Es war ihr erster Flug über die Alpen – «unvergesslich».

Bewundert hat Astrid Dinkel die Flugkünste von Albert Rüesch, der auch Fluglehrer war. «Beim Flugplatz standen zwei riesige Kirschbäume», erzählt die heute 77-Jährige. «Einmal steuerte Rüesch auf sie zu, drehte sein Flugzeug in die Vertikale und flog so zwischen den Bäumen durch.»

Bruchlandung in den Bäumen

Nicht immer ging alles glatt. «Es gab aber zum Glück wenig schwere Unfälle», sagt Dinkel und auch Wilfried Käser, 75, erinnert sich nur an wenige Zwischenfälle. Einmal sei ein Schleppflugzeug statt auf der Piste auf einem Baum im nahen Wald gelandet; der Pilot kam mit einigen Brüchen davon. Einmal übte ein Kunstflugschüler den Spiralsturz, hörte nicht auf, sich zu drehen – und landete ungespitzt im Boden. Der Pilot überlebte nicht.

Wilfried Käser ging mit einem der vier Birrer-Brüder, einer flugverrückten Familie, zur Schule. Birrer schleppte ihn oft mit auf den Flugplatz, wo er sonntags half, die Segelflugzeuge hin- und herzuschieben. «Als Gegenleistung durfte ich Seilwindenstarts machen», erzählt Wilfried Käser am Stubentisch seines Einfamilienhauses in Sisseln, wo er nach wie vor wohnt. «Es waren schöne Stunden», sagt Käser, der viele Jahre später der Gemeinde Sisseln 22 Jahre als Ammann vorstehen sollte.

Das Fliegerfieber hat ihn aber nie gepackt. Zwar ging er auch als Jugendlicher noch ab und an auf den Flugplatz – aber weniger wegen der Flieger, als wegen der Kollegen, die im «Fricktalerhof» sassen.

Das Restaurant ist heute die Kantine der Chemiefirma DSM und als öffentliches Lokal längst Geschichte. Der Flugplatz ebenso. Die grauen Wolken am Fliegerhimmel tauchten in den 1950er-Jahren auf, als die Roche einen Teil ihrer Produktion ins Sisslerfeld verlegte.

«Der Flugplatz musste der industriellen Expansion weichen», hält die Chronik des AeCS Fricktal fest. Die Flieger wissen: Es bleibt Zeit bis 1965. Dann ist Schluss. Sie gehen auf die Suche nach einem neuen Standort, werden in Wallbach fündig.

Doch Gemeinde und Kanton verweigern die Zustimmung zum Projekt. «Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit in den Reihen der Fricktaler Flieger machten sich breit und man war dem Aufgeben nahe.» Schliesslich findet sich doch noch eine Lösung – auf dem Hochplateau zwischen Wegenstetten und Schupfart.

Am Pfingstsonntag 1965 wird der Flugplatz in Sisseln definitiv geschlossen; am 3. Juni 1967 kann der neue «Flugplatz Schupfart» feierlich eröffnet werden.

Der schlimmste Flug

Das Ende ist Anfang zugleich. Der Flugplatz geht, die Industrie kommt. «Viele bedauerten es, dass der Flugplatz geschlossen wurde», sagt Käser. «Für die Gemeinde aber waren die Firmen, die sich im Sisslerfeld niederliessen, natürlich wichtig.» Man kann auch sagen: Gold wert.

Auch Astrid Dinkel vermisste den Flugplatz anfänglich. Lachen schallt durch das Telefon. «Einen Flug allerdings hätte ich im Leben nie haben wollen.» Ein Kunstflugpilot fragte sie, ob sie ihn nicht an einen Flugtag begleite. Sie sagte zu – unter der Bedingung, dass er anständig fliegt.

Er versprach es, drehte aber dann doch Loopings. Das hatte zweierlei Konsequenzen: Astrid Dinkel stieg ihm nicht mehr ins Flugzeug. Und der Pilot hatte einige Reinigungsarbeiten vor sich.