Wahlen
Die Fricktaler Grossrats-Fraktion ist nach links gerutscht

Die az hat die Spider-Profile der Grossräte ausgewertet. Der Linksrutsch im oberen Fricktal zeigt sich deutlich.

Thomas Wehrli
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Die Fricktaler Vertretung im Grossen Rat rutscht nach links.

Die Fricktaler Vertretung im Grossen Rat rutscht nach links.

Chris Iseli

Die Linke im Fricktal jubelt und feiert sich als grosse Wahlsiegerin. Zu Recht – zumindest, wenn man die Ergebnisse mit den Grossratswahlen 2012 vergleicht. Gegenüber den letzten Wahlen konnten SP und Grüne ihren Wähleranteil im Bezirk Laufenburg kumuliert um 3,7 Prozent steigern, im Bezirk Rheinfelden immerhin noch um 2,3 Prozent.

Die Parteien rechts der Mitte – also FDP, SVP und EDU – legten im oberen Fricktal in diesem Jahr um 1,1 Prozent, im unteren gar um 3,0 Prozent zu. In dieser Rechnung fehlen allerdings die Schweizer Demokraten, die 2012 in beiden Bezirken noch antraten. Sie waren mit 1,3 (Rheinfelden) und 0,7 Prozent der Stimmen nicht relevant, doch diese Stimmen fielen nun entweder weg oder dann wohl der SVP zu. Das heisst: Das effektive Plus der Rechten liegt bei 0,4 Prozent im oberen und 1,7 Prozent im unteren Fricktal.

Grosse Verliererin ist in beiden Bezirken die Mitte: Ein Minus von 3,4 Prozent müssen CVP, BDP, GLP und EVP im Bezirk Laufenburg verkraften, ein noch kräftigeres Minus von 4,2 Prozent resultiert im Bezirk Rheinfelden.

Der neue Gesamt-Grossrat (rot) im Vergleich mit den künftigen Grossräten aus dem Bezirk Rheinfelden (blau)
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Die künftigen Grossräte im Bezirk Rheinfelden (blau)im Vergleich mit den aktuellen Grossräten im Bezirk (rot).
Die künftigen Grossräte im Bezirk Laufenburg (blau) im Vergleich mit den aktuellen Grossräten im Bezirk (rot).
Der neue Gesamt-Grossrat (rot) im Vergleich mit den künftigen Grossräten aus dem Bezirk Laufenburg (blau).

Der neue Gesamt-Grossrat (rot) im Vergleich mit den künftigen Grossräten aus dem Bezirk Rheinfelden (blau)

www.vimentis.ch

Linke: Verluste gegenüber 2009

So weit, so rot-grün. Vergleicht man die Ergebnisse 2016 jedoch mit den Wahlen 2009, zeigt sich ein leicht anderes Bild. Im Bezirk Laufenburg ist die Linke zwar auch in diesem Vergleich klare Wahlsiegerin: SP und Grüne legten zusammen 5,3 Prozent zu. Die beiden Parteien, dies als kleine Einschränkung, lagen im oberen Fricktal allerdings 2009 auch klar unter dem kantonalen Schnitt; die SP kam vor acht Jahren im Bezirk Laufenburg auf 12,9 Prozent und lag damit 2,8 Prozent unter dem Schnitt aller elf Bezirke.

Spannend ist der Vergleich für das untere Fricktal: Gegenüber 2009 resultierte am letzten Wochenende für SP und Grüne ein Minus von 4,5 Prozent. Der Grund: 2012 trat im Bezirk Rheinfelden erstmals die GLP an – und holte sich auf Anhieb 8,6 Prozent der Stimmen, viele von links. Diesen Traumstart verdankte die damals noch junge Partei Grossrat Roland Agustoni, der während der Legislatur von der SP zu den Grünliberalen übergetreten war.

Bezirk Laufenburg, Grossratswahlen: Gewählt und Abgewählt (2016) SVP: Christoph Riner, Zeihen (bisher)
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SVP: Tanja Suter, Gipf-Oberfrick (bisher)
FDP: Daniel Suter, Frick
SP: Elisabeth Burgener Brogli, Gipf-Oberfrick (bisher)
SP: Colette Basler, Zeihen
CVP: Martin Steinacher-Eckert, Gansingen (bisher)
Grüne: Gertrud Häseli, Wittnau
Abgewählt: CVP: Werner Müller, Wittnau

Bezirk Laufenburg, Grossratswahlen: Gewählt und Abgewählt (2016) SVP: Christoph Riner, Zeihen (bisher)

Zur Verfügung gestellt

Summa summarum bedeutet dies für die Rheinfelder Mitteparteien: Im Vergleich zu 2009 haben sie heute ein um 5,4 Prozent höheres Stimmpotenzial. Dies allerdings unter der Prämisse, dass die GLP mittig und nicht links stimmt, was längst nicht bei allen Geschäften der Fall ist. Doch was bedeuten die Verschiebungen konkret? Politisiert die neue Fricktaler «Fraktion» anders als die bisherige? Und wo stehen die Fricktaler im kantonalen Vergleich?

Eine Antwort auf diese Fragen liefern die beiden Spider-Paare, welche die az von der Wahlplattform Vimentis erstellen liess. Das eine Spider-Paar zeigt, wo die Grossräte je Bezirk im Vergleich zum Kantonsmittel stehen. Dazu wurden die einzelnen Spider sämtlicher Kandidaten, die im Vorfeld der Wahlen den az-Fragebogen ausgefüllt haben, zusammengerechnet und mit der «Schnittmenge» der Fricktaler Grossräte verglichen – zumindest jener 90 Prozent, die sich an der Wahlumfrage beteiligt haben. Mit anderen Worten: Die abgebildeten Spider-Werte können von den effektiven leicht abweichen.

SVP: Daniel Vulliamy, Rheinfelden (bisher)
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SVP: Kathrin Hasler, Hellikon (bisher)
SVP: Désirée Stutz, Möhlin
FDP: Bernhard Scholl, Möhlin (bisher)
FDP: Franco Mazzi, Rheinfelden (bisher)
SP: Peter Koller, Rheinfelden (bisher)
SP: Claudia Rohrer, Rheinfelden
CVP: Alfons Paul Kaufmann, Wallbach
Grüne: Andreas Fischer Bargetzi, Möhlin (bisher)
GLP: Roland Agustoni, Rheinfelden (bisher)

SVP: Daniel Vulliamy, Rheinfelden (bisher)

Zur Verfügung gestellt

Das andere Spider-Paar zeigt, wie gross die politische Verschiebung zwischen den bisherigen Grossräten eines Bezirks und den künftigen ist – und in welche Richtung sie geht. Die fünf Hauptergebnisse:

Die neue «Fraktion» aus dem unteren Fricktal (Spider oben links, blau) ist ausgesprochen ausgeglichen; der Ausschlag ist in allen Politikbereichen in etwa gleich gross. Die neue «Fraktion» aus dem unteren Fricktal wird sich etwas stärker als die aktuelle (rot) für eine freie Wirtschaft einsetzen. Dafür verlieren der Umweltschutz und der Ausbau des Sozialstaates an Bedeutung und auch ein strenges Rechtssystem verliert an Gewicht.

Die künftige «Fraktion» aus dem unteren Fricktal entfernt sich damit vom Gesamt-Grossrat (Spider oben rechts, rot), der ein strenges Rechtssystem für ausgesprochen wichtig hält. Auch in der Finanz- und Ausländerpolitik agiert der Gesamt-Grossrat restriktiver als die zehn Grossräte aus dem unteren Fricktal. Diese setzen sich dafür deutlich stärker für eine liberale Gesellschaft ein und gewichten einen umfassenden Sozialstaat höher – wenn auch nicht mehr so viel höher, wie es die aktuelle Rheinfelder Grossratsdelegation tat.

Spider zeigt Linksrutsch

Im Bezirk Laufenburg widerspiegelt der Spider den Linksrutsch und den Sitzgewinn der SP klar: Die neue «Fraktion» aus dem oberen Fricktal (Spider unten links, blau) wird sich deutlich stärker für einen umfassenden Sozialstaat, mehr Umweltschutz und eine liberale Gesellschaft einsetzen. Die freie Wirtschaft und die restriktive Finanzpolitik verlieren im Gegenzug an Gewicht. Speziell ist, dass sich die künftige Grossratsfraktion aus dem oberen Fricktal trotz Linksrutsch für eine striktere Ausländerpolitik starkmachen will. Ein Teil der Differenz lässt sich damit erklären, dass sich 2012 und 2016 je ein Grossrat aus dem oberen Fricktal nicht an der Vimentis-Wahlumfrage beteiligt hatte.

Die Grossräte aus dem Bezirk Laufenburg politisieren in corpore deutlich linksliberaler als der Grossrats-Schnitt (Spider unten rechts, rot). Ein umfassender Sozialstaat, eine liberale Gesellschaft und mehr Umweltschutz sind den Fricktalern wichtiger als dem Gesamt-Grossrat. Dafür rümpfen die Fricktaler bei der aussenpolitischen Öffnung die Nase und glauben auch nicht, dass eine allzu strenge Ausländerpolitik zielführend ist. Bei der Finanzpolitik sind sie etwas kulanter, der Wirtschaft schauen sie dafür stärker auf die Finger.

Im direkten Bezirksvergleich votieren die «Unteren» deutlich stärker für eine aussenpolitische Öffnung, eine freie Wirtschaft und eine strikte Ausländerpolitik als die Grossratsfraktion aus dem Bezirk Laufenburg. Die «Oberen» gewichten einen umfassenden Sozialstaat, mehr Umweltschutz und ein strenges Rechtssystem höher als die Rheinfelder. In puncto liberale Gesellschaft und restriktive Finanzpolitik ticken beide Bezirke in etwa gleich.