Subventionen
Die Fricktaler geben Vollgas für den Tarifverbund

Gemeindeammänner und Grossräte wehren sich gegen die Sparübung. Und eine Petition, welche sich gegen die Kürzung der Kantonsbeiträge an den Tarifverbund richtet, wurde schon von 2000 Personen unterschrieben.

Thomas Wehrli
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Bitte einsteigen: Pendler und Schüler setzen auch wegen des TNW auf den öffentlichen Verkehr. AZ Archiv

Bitte einsteigen: Pendler und Schüler setzen auch wegen des TNW auf den öffentlichen Verkehr. AZ Archiv

Das Fricktal wird seinem Ruf, ein selbstbewusstes — manche sagen: ein aufmüpfiges Völklein zu sein, einmal mehr gerecht. Man steht zusammen – diesmal gegen die geplante Kürzung der Kantonsbeiträge an den Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW). Bislang gingen bei Herbert Lützelschwab, der sich mit einer Petition gegen die Sparmassnahme wehrt, weit über 2000 Unterschriften ein. Und laufend werden es mehr.

Wie stark das Thema die Fricktaler bewegt, erlebt die Wittnauer Grossrätin Gertrud Häseli fast täglich. «Ich bin in meiner ganzen Grossratszeit noch nie so häufig auf eine Vorlage angesprochen worden wie auf die TNW-Kürzungen.»

Auf grossen Rückhalt kann der Zeininger Petitionär auch bei der Fricktaler Politelite zählen. 17 Gemeindeammänner und zehn Grossräte antworteten auf die Umfrage der az. Fast alle unterstützen sie die Bittschrift; fast alle Gemeinden legen die Petition auf der Kanzlei auf oder haben die Unterschriftsbögen sogar auf ihrer Website aufgeschaltet.

Hoffen auf den Grossrat

«Die Petition symbolisiert den Widerstand, dass nicht alles einfach so vom Volk akzeptiert wird», sagt Thomas Dinkel, Gemeindeammann von Zeihen. Von einer «grossen Enttäuschung im Gemeinderat» spricht Brunette Lüscher, Frau Ammann in Magden, den «Unmut der Fricktaler» sieht Willy Schmid, Ammann von Wegenstetten, in der Petition manifestiert.

Bei der entscheidenden Frage indes, der nämlich, ob die Petition etwas bewirken kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Zehn der 27 Politiker erwarten – hoffen, trifft es wohl eher –, dass der Regierungsrat zur Besinnung kommt oder, sollte er von Sinnen bleiben, dass der Grossrat den Entscheid noch kippt.

Andere sehen es deutlich pragmatischer. «Die Petition wird wahrscheinlich nicht sehr viel bewirken», denkt Rolf Häusler, Ammann von Schwaderloch. Zumal, das ärgert Brunette Lüscher besonders, «ich den Eindruck habe, dass nicht einmal die beiden Fricktaler Regierungsräte hinter dem Projekt stehen». Der Möhliner FDP-Grossrat Bernhard Scholl äussert sich in die gleiche Richtung: «Selbst die Gemeindeammänner des Bezirks Rheinfelden konnten den Regierungsrat bei seinem Besuch in Rheinfelden nicht umstimmen. Er hat gekürzt, und dabei bleibt es.» Wenn der Entscheid noch gekehrt werden kann, dann nur durch den Grossen Rat.

Einig sind sich die Politiker in zwei Punkten: Erstens, dass die Fricktaler Grossräte nun über die Parteigrenzen hinweg agieren und lobbyieren müssen. Ein «gemeinsames Einstehen für die Region» erwartet der Laufenburger Stadtammann Herbert Weiss, ein «100-prozentiges» Bekenntnis zum TNW wünscht sich Robert Keller, Vizepräsident von Mettauertal. Ob es gelingt? Thomas Dinkel ist pessimistisch, denn «leider stimmen viele Grossräte eher nach dem Parteibuch anstelle für ihre Region».

Zweitens sind sich die Politiker darin einig, dass der TNW für «unsere Schüler und Pendler Richtung Basel absolut wichtig ist», meint Jürg Müller, Ammann in Mumpf. Eine «Erfolgsgeschichte» (Weiss), die es fortzuschreiben gelte. Und Scholl erinnert die Ratskolleginnen und -kollegen jenseits des Juras daran, dass der TNW vom Kanton einst als Massnahme unterstützt wurde, um den Mittelschülern den Weg nach Muttenz finanziell zu erleichtern. «Man hat eine Win-Win-Situation geschaffen: Aus zwei kleinen, suboptimalen Mittelschulen – Muttenz und der geplanten Schule in Stein – hat man eine qualitativ hervorragende und finanziell solide Mittelschule in Muttenz geschaffen.»

Vom TNW profitieren heute alle: die Einwohner und die (Rand-)Region. Und wie immer, wenn der Kanton einer Region etwas wegzunehmen gedenkt, taucht unweigerlich die Frage auf: Vernachlässigt der Kanton das Fricktal? Eher nein, finden der Möhliner Grossrat Andreas Fischer (Grüne) und Regine Leutwyler, Frau Ammann in Gipf-Oberfrick. Schon etwas, zum Beispiel, wenn es um die Standortwahl von öffentlichen Institutionen (Dinkel) und damit von Arbeitsplätzen geht. Oder beim revidierten Raumplanungsgesetz, bei dem das Fricktal laut Fredy Böni, SVP-Grossrat und Ammann von Möhlin, «massiv benachteiligt» wurde.

Aber klar doch, kontert GLP-Grossrat Roland Agustoni und zählt eine ganze Palette an schlechten Signalen aus Aarau auf. Dazu zählen grenzüberschreitende Zusammenarbeiten, die gekappt werden sollen. Dazu zählt das S-Bahn-Konzept Aargau, in dem das Fricktal nicht einmal erwähnt wird. «Also wird es keine Doppelstockzüge auf unserer Linie geben und der Ein-Stunden-Takt von Stein nach Laufenburg wird einmalig bleiben.»

Allen Randregionen gehts gleich

Auf seiner Übergangen-werden-Liste führt Agustoni auch die «für uns wichtige Wirtschaftsförderung» BaselArea auf, jene Organisation, die Ratskollege Scholl getrost vergessen will: «Ausser Spesen nichts gewesen.» Mit seinem Gefühl, im fernen Aarau zu wenig Beachtung zu finden, ist das Fricktal nicht allein. «Ich glaube, dass wohl alle Randregionen des Kantons dieses Gefühl haben», ist Daniel Suter, Gemeindeammann von Frick, überzeugt. Eine Randregion notabene, von der Jürg Müller weiss: «Wir sind eine der wirtschaftlich stärksten Regionen der Schweiz. Der Aargau tut gut daran, das Fricktal bei Laune zu halten.»Kommentar rechts