«Fragen Sie Béa Bieber», gab mir ein Rheinfelder mit auf den Weg, als ich ihm erzählte, dass ich ein Porträt über Béa Bieber schreibe, «fragen Sie sie, woher sie die Kraft für all die Aufgaben nimmt, die sie wahrnimmt.»

Die Liste ihrer Funktionen ist in der Tat beeindruckend. Sie ist in mehreren Vorständen aktiv, ist Bezirks- und Stadtpräsidentin der GLP, ist Vizepräsidentin des Stiftungsrates des Gesundheitsforums Rheinfelden; sie präsidiert die Musiktheatervereinigung Schweiz; sie ist Projektleiterin bei der Fachstelle für Kinder und Familien; sie wirkte 20 Jahre, bis 2017, als Stadträtin, gab der Rheinfelder Fasnacht Schub.

Woher also nimmt sie für all die Aufgaben die Kraft? Béa Bieber lacht. «Die Arbeit mit all den Menschen, die ich durch mein Engagement treffe, geben mir die Kraft.» Sie laufe just dann zu Höchstform auf, wenn es schwierig werde. «Ich brauche die Herausforderung.» Mit business as usual, also Normalbetrieb, kann sie wenig anfangen. «Die Herausforderungen haben mich stark gemacht», sagt sie. Es sei aus dieser Perspektive nicht das Schlechteste, dass in ihrem Leben nicht immer alles rund gelaufen sei.

Béa Bieber sitzt am Esstisch ihrer gemütlichen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Peripherie von Rheinfelden, schenkt Wasser mit Zitronenschnitz nach. Sie fühle sich sehr wohl hier, erzählt sie. Die Lage sei super, die Nachbarn nett. Natürlich hätten sie und ihr Mann auch schon darüber nachgedacht, in ein Haus zu ziehen. «Aber uns gefällt es hier», sagt sie und fügt den Satz an, der in seiner politischen Tragweite dazu geführt hat, dass sie vor rund 15 Jahren aus der FDP ausgetreten ist: «Ein Haus für zwei Personen ist nicht eben ökologisch sinnvoll», sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die seit 2015 ein zweites Mal sehr glücklich verheiratet ist. «Mir ist eine liberale Politik wichtig, aber sie muss auch ökologisch sein.» Das habe sie unter anderem in der FDP vermisst und deshalb sei sie gegangen.

Bieber, damals noch Stadträtin, politisierte einige Jahre parteiunabhängig und trat dann, als die GLP in Rheinfelden gegründet wurde, der Partei bei. «Wir passen zueinander», zieht sie Bilanz. Sie fühle sich in der Partei wohl und auch von der Basis getragen. Als sie im letzten Jahr angefragt wurde, die Leitung des Strategieteams der GLP Aargau zu übernehmen, musste sie es sich nicht lange überlegen. «Das passt», sagte sie sich.

Auch das ist eine Eigenschaft von Béa Bieber: Sie ist gradlinig, sagt, was sie denkt – und versucht, stets authentisch zu bleiben. Ihr Leitspruch passt denn auch perfekt zu ihr: Machen ist wie wollen, aber es bewegt etwas. «Wollen alleine reicht nicht aus, um etwas zu verändern.» Sie wolle durch Handeln überzeugen, nicht durch Reden.

Béa Bieber nippt an ihrem Glas, blickt vom Esszimmer ins Wohnzimmer. Auf dem Regal steht ein Foto von ihr und ihrem Mann. «Ich habe einen absolut tollen Ehemann, der mich zu 150 Prozent mitträgt», sagt sie. Ohne ginge es nicht. «Er unterstützt mich, weil er sieht, dass mich das Engagement glücklich macht.»

Vom Vater geerbt

Dieses Eintreten für andere, dieses Engagiertsein für die Gesellschaft hat Bieber von ihrem Vater mitbekommen. Wieder lacht sie. «Er ist jetzt 97 und ist immer noch aktiv.» Ihr Vater hat ihr schon früh gesagt und vor allem vorgelebt: «Es ist ein Geschenk, dass es uns gut geht. Dieses Geschenk sollten wir weitergeben.» Sie habe gesehen, wie glücklich es ihn gemacht habe, sich für andere einzusetzen, und da habe sie innerlich entschieden: «Das mache ich auch.» Schon in der Pfadi war sie aktiv, übernahm Verantwortung, wollte etwas bewegen.

Dieses «Ich setze mich ein»-Gen, das sie vererbt bekam, hat sie zeitlebens begleitet. Weil sie es wollte. «An der Mehrheit der Tage kann ich am Abend sagen, dass ich etwas bewegen konnte», bilanziert sie. Das sei ein gutes Gefühl «und es gibt gleichzeitig neue Energie». Eine Bedingung stellt Béa Bieber an ihr Engagement: «Ich muss voll hinter der Sache stehen können.» Sei dies der Fall, gebe sie alles. Wenn nicht, «lasse ich die Finger davon».

Béa Bieber ist selbstbewusst unterwegs. Das darf sie mit ihrem Leistungsrucksack auch sein. Und doch scheint es im Gespräch bisweilen, dass es ihr fast etwas unangenehm ist, wenn man das Erreichte aneinanderreiht. Sie überlegt kurz, sagt dann: «Es ist eben nach wie vor ein Phänomen bei vielen Frauen, dass sie ihr Licht unter den Scheffel stellen.» Daran, das gibt sie zu, leide sie ebenfalls ein wenig.

Das mag erstaunen bei der Powerfrau, gerade auch, wenn man sieht, wie selbstständig sie von Jugend an unterwegs ist. Bieber, deren Familie ursprünglich aus dem Jura kam – das é im Vornamen lässt es noch erahnen – und in Zürich aufwuchs, fand mit 16 eine Praktikumsstelle bei der Reha in Rheinfelden. Statt zu pendeln, zog sie in eine kleine Wohnung in Rheinfelden. «Mein Vater traute mir zu, dass ich mein Leben selber meistere, und unterstützte mich in meinem Entscheid.» Es sei eine wertvolle Erfahrung gewesen, so früh auf eigenen Beinen zu stehen, findet sie.

Rheinfelden ist längst zu ihrem Zuhause geworden; «ich wurde hier mit offenen Armen empfangen», sagt sie. Das sei damals, 1976, für eine Zürcherin noch nicht selbstverständlich gewesen. Heute ist Bieber Bürgerin von Rheinfelden.

Erfahrungen hat Bieber, inzwischen 58, viele gesammelt. Diese möchte sie als Nationalrätin weitergeben. «Ich glaube, dass ich mit meinem Rucksack etwas dazu beitragen kann, konsensfähige Lösungen zu finden.» Denn eines ist ihr ein Gräuel: Extrempositionen. «Diese blockieren die Schweiz nur», ist sie überzeugt.

Wie hoch die Wahlchancen sind, ist schwierig abzuschätzen. Aktuell stellt die GLP Aargau mit Beat Flach einen Nationalrat. Flach kandidiert wieder und vor ihr sind die amtierenden Grossräte auf der Liste. Mit Listenplatz 8 sei es sicher nicht einfach, gewählt zu werden, ist sie sich bewusst. Ihr primäres Ziel ist es, dass Beat Flach «ein Superresultat» macht. Für sie selber will sie «einen besseren Stimmenplatz als Listenplatz» machen.

Die Chancen dazu sind intakt, zumal man Bieber von ihrem beruflichen wie politischen Engagement her auch in anderen Regionen des Kantons kennt. Dass sie aus dem Fricktal kommt, einer eher kleineren Region am Rand des Aargaus also, empfindet sie nicht als Handicap. «Ich fühle mich als Fricktalerin nicht abgehängt.»

Die Faszination für Kanaldeckel

Bieber ohne Politik? Viele können sich das nicht vorstellen. Sie schon – unter einer Prämisse: «Ich würde mich dann noch mehr in anderen Bereichen engagieren.» Sie überlegt kurz, fügt dann mit einem Schmunzeln hinzu: Da ja letztlich alles Politik sei, wäre sie dann eben indirekt politisch aktiv. Nur Politik zu machen, also Berufspolitikerin zu sein, könnte sie sich dagegen nicht vorstellen. «Es war mir stets wichtig, zumindest Teilzeit beruflich aktiv zu sein.» Sie ist auch überzeugt: «Diesen Blick über den Tellerrand braucht die Politik auch», egal ob in Rheinfelden, Aarau oder Bern.

Auf einen ganz anderen Rand pflegt Bieber in den Ferien zu schauen: auf die Kanaldeckel. Sie lacht, wie sie mein erstauntes Gesicht sieht. «Etwas vom ersten, was ich mir in einem fremden Land ansehe, sind die Kanaldeckel», sagt sie, holt im Wohnzimmer ein Fotobuch hervor. Es zeigt Kanaldeckel in allen Farben; die einen schlicht, die anderen bemalt. «An den Kanaldeckeln kann man viel über die Kultur einer Region und ihren Umgang damit ablesen», hat sie festgestellt.

Entdeckt hat sie ihre spezielle Faszination auf der Hochzeitsreise in Japan, 2015. Seither hat sie der Kanaldeckel-Virus nicht mehr losgelassen. Im Vergleich zu anderen Ländern seien die Gullydeckel in der Schweiz «Zeugen reiner Notwendigkeit». «Sie stehen für die Schweizer Nüchternheit.» Béa Bieber dagegen ist ein Farbklecks in der Politlandschaft.