Kaisten

Die Chemieansiedlung gilt rückblickend als Glücksfall für Kaisten

Gebäudeformationen und Stilelemente des Quartiers Weihermatt finden sich in der zehnmal grösseren Rheinfelder Augarten-Überbauung wieder. sh

Gebäudeformationen und Stilelemente des Quartiers Weihermatt finden sich in der zehnmal grösseren Rheinfelder Augarten-Überbauung wieder. sh

Der Prototyp für die Rheinfelder Grossüberbauung Augarten entstand vor über vierzig Jahren in der Weihermatt. Damals kamen hektische Zeiten auf die Gemeinden zu - rückblickend bestätigt der Gemeindeschreiber, dass es ein Glücksfall für Kaisten war.

Als die chemische Industrie Ende der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts das Fricktal als neuen Produktionsstandort entdeckte, kamen auf die Gemeinden riesige Herausforderungen zu. Rückblickend bestätigt Gemeindeschreiber Georg Winter im Gespräch mit der Aargauer Zeitung, dass die Chemieansiedlung für Kaisten ein Glücksfall gewesen sei.

Die wenigsten Gemeinden verfügten über einen Zonenplan im heutigen Sinne, also musste oft improvisiert werden, um das Drängen von einstigen Chemieriesen wie Ciba oder Geigy zu kanalisieren. Georg Winter erinnert sich gut an jene «hektische Zeit», als er in Kaisten jung im Amt war. Es galt, Flächen für Produktionsanlagen und den Bau von Wohnungen für Werksangehörige auszuweisen. Dies gehörte damals rasch zum Alltag. «Wir wollten Industrieareal zur Verfügung stellen, mussten in der Planungsphase aber rasch erkennen, dass zwischen Vision und Realität wirklich Welten lagen.» Anfangs sei mal von 3500 neuen Arbeitsplätzen die Rede gewesen, zum Schluss habe es durchschnittlich 400 gegeben. Die Architekten Gelpke und Dübi hatten es mit der Ciba als Bauherrschaft zu tun.

Wohnungen für Werksangehörige

Um die notwendigen Arbeitskräfte an den Ort, beziehungsweise die Region zu binden, herrschte in der Chefetage Einigkeit, auch den Wohnungsbau zu forcieren, um Werksangehörigen ein günstiges Heim anbieten zu können. Eine Wohnsiedlung auf dem Heuberg war zunächst angedacht, doch erwies sich solch ein Projekt rasch als illusorisch, weil zu weit weg vom Werk. Unter dem Arbeitstitel «K 100» gelangte das Weihermatt-Areal schliesslich in die Planungs- und Realisierungsphase. Nach der Umsiedlung eines Bauern in die Landwirtschaftszone, wo ausreichend Platz war, konnte unter Beteiligung der Gemeinde mit dem Bau von Strassen und Werkleitungen begonnen werden. 1971 war die Siedlung nach dreijähriger Bauzeit vollendet: mit Reihen-, Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern für rund 300 Menschen.

«Das Prinzip, Wohnungen nur für werkseigene Leute, stand auf dem Papier, musste rasch aufgegeben werden», weiss Winter und nennt den Grund: «Die Leute sahen sich im Betrieb und später ständig in privater Umgebung.» Allmählich folgte eine Durchmischung, indem die Verwaltung auch an anderweitig Beschäftigte Wohnungen vermietete. «Abgesehen von kleineren Eifersüchteleien gab es in der Siedlung keine sozialen Probleme», versichert Winter.

«Natürlich bewirkte die Industrieansiedlung mit Wohnungsbau für Kaisten einen grossen Schub.» Zuvor lebten etwa 1300 Menschen im vornehmlich landwirtschaftlich strukturierten Dorf, dann stieg die Bevölkerungszahl kontinuierlich an. Die Verwaltung im 1962 eingeweihten Gemeindehaus musste langsam ausgebaut werden. Im Gegensatz zum Rheinfelder Augarten, der gewissermassen Jahrzehnte lang als Satellit in der Landschaft stand, lehnte sich die neue Weihermatt ans bestehende Dorfbild an.

Dass die Realisierung des Augartens, ebenfalls durch die chemische Industrie, quasi nach Kaister Vorbild erfolgte und bauhistorisch zusammengehört, erfüllt den ehemaligen Gemeindeschreiber sichtlich mit Stolz.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1