Fricktal

Die aufmüpfigen Fricktaler - eine Annäherung

Widerstand, der das AKW-Projekt schliesslich zum Scheitern brachte. 1988 liess der Bund das Projekt endgültig fallen.

Widerstand der Fricktaler

Widerstand, der das AKW-Projekt schliesslich zum Scheitern brachte. 1988 liess der Bund das Projekt endgültig fallen.

Sie stehen zusammen, kämpfen gemeinsam und erreichen Erstaunliches: Die Fricktaler. Auch die (gesunde) Grundskepsis gegenüber dem, was von «ennet dem Berg» kommt, zeichnet sie aus.

Stramm stehen sie da, die drei Eidgenossen, mit versteinerter Miene, zusammengekommen, um auf dem Rütli die Eidgenossenschaft zu begründen. Es ist eine Legende, in Stein gemeisselt von James Vibert, zu besichtigen im Bundeshaus zu Bern.

Stramm stehen sie da, die drei Fricktaler, mit kämpferischer Miene, zusammengekommen, um die Neuordnung des Finanzausgleichs zwischen Kanton und Gemeinden in die «richtigen» Bahnen zu lenken. Es ist die politische Realität, in die «Interessensgemeinschaft ländlicher Gemeinden» gegossen, zu besichtigen im Raum Zeihen.

«Wir bekämpfen nicht das Modell», sagt Thomas Dinkel, Gemeindeammann von Zeihen und einer der drei «Musketiere».

«Wir wollen, dass die kleineren Gemeinden nicht derart viel schlechter gestellt werden.» Zusammen mit den SVP-Grossräten Christoph Riner (Zeihen) und Tanja Suter (Gipf-Oberfrick) hat er die «IG ländlicher Gemeinden» gegründet.

Was klein begann, ist längst zu einem Selbstläufer mutiert, hat seine Bahnen im ganzen Kanton gezogen. Knapp ein Viertel der Gemeinden ist der IG beigetreten, 16 davon aus den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden.

Die Hälfte der Fricktaler Gemeinden. «Dank dem Zusammenstehen haben wir an Einfluss gewonnen und einen Sitz in der Arbeitsgruppe der Regierung bekommen», sagt Dinkel.

Das Wir-Gefühl hinter dem Berg

Dieses Zusammenstehen, dieses Wir-Gefühl, dieses Wissen um die Macht des «Gemeinsam sind wir stark»-Agierens zeichnet die Fricktaler ebenso aus wie eine (gesunde) Grundskepsis gegenüber all dem, was von «ennet dem Berg» kommt, sei dies nun aus Aarau oder Bern.

Treten beide Mechanismen in Symbiose auf, trifft also das «Wir-» auf das «Ennet-dem-Berg»-Gefühl, so vermag der Fricktaler gut und gerne auch kleinere oder grössere Berge zu versetzen. Was weiland Herbert Lützelschwab einmal mehr bewies. Als Einzelmaske nahm der Zeininger den Kampf gegen den Sparbefehl aus Aarau auf, trat auf, um die geplante Kürzung des kantonalen Beitrages an den Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) zu verhindern.

Er zog los, sprach Passanten an, sammelte Unterschriften, fand Verbündete, stetig mehr, liess sich nicht beirren, kämpfte, bis er schliesslich in Aarau – flankiert von den Fricktaler Grossräten – dem Staatsschreiber Peter Grünenfelder 6546 Unterschriften überreichen konnte.

Der Protest war ennet dem Berg angekommen, wurde gehört – und die Sparmassnahme fallengelassen.

Das AKW zu Fall gebracht

Die Hartnäckigkeit eines Einzelnen brachte die TNW-Lawine ins Rollen. «Die Fricktaler sind sehr unterstützungsfreudig», weiss auch Dinkel. «Wenn man etwas macht, stehen die Leute dahinter.»

Die Masse in Bewegung zu versetzen, die Leute zu mobilisieren, ja, sie zu elektrifizieren, verstanden die Fricktaler im Laufe ihrer Geschichte immer wieder. Besonders eindrücklich in den 1970er-Jahren, als es galt, das AKW in Kaiseraugst zu verhindern.

Gut, zugegeben, damals kämpften die Fricktaler nicht alleine gegen die AKW-Lobby. Sie waren Teil einer nationalen Anti-AKW-Welle, die ihre Sternstunde im April 1975 mit einer elfwöchigen Besetzung des Geländes erlebte, an der sich an die 15 000 Menschen beteiligten.

Tief sank der Protest-Stern vier Jahre später, als zuerst der Informationspavillon des AKWs Kaiseraugst in die Luft flog, im Februar 1979 wars, und nur drei Monate später das Auto von AKW-Kaiseraugst-Initiant Michael Kohn, ein Audi, folgte. Neun Jahre danach, im März 1988, brachte eine bürgerliche Phalanx im Nationalrat das endgültige Aus für das AKW.

«Die Fricktaler machen nicht die Faust im Sack, sondern treten für ihre Anliegen ein», weiss Dinkel. Und sie tun das gerne im Verbund. Von einer «Marke Fricktal» spricht Hansueli Bühler, Gemeindeammann von Stein und Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio, der selbst einmal als Fremder ins Fricktal kam, am 3. Januar 1971, einem Sonntag, mit seinem VW Käfer über die Staffelegg tuckerte, weil ihn seine Bank für 3 bis 4 Wochen nach Stein geschickt hatte – ihn verknurrt hatte, trifft es wohl eher.

«Längstens vier Wochen», dachte er sich, als er ins Fricktal eintauchte. 44 Jahre sind es inzwischen geworden.

Dieses «Made in Fricktal» spiegelt sich auch im Selbstverständnis des Fricktalers wider. Ein Wittnauer fühlt sich: erstens als Wittnauer, zweitens als Fricktaler und drittens als Schweizer. In anderen Regionen lautet dieser Dreischritt: Wohnort-Wohnkanton-Schweiz.

Dieses Ausblenden der kantonalen Verortung hat viel mit dem Werden des Fricktals zu tun. Über Jahrhunderte war die Region Teil des Habsburgereiches, war Grenzregion, war Machtgrenze zwischen zwei (Denk-)Welten, auch Konfessionsgrenze. Der Kanton Fricktal, dieses 365-Tage-Gastspiel in den Annalen der Geschichte, war auch Ausdruck dessen, was einige Fricktaler noch heute gerne wären: eigenständig und ihre eigenen Herren.

Der Kanton Fricktal ist Geschichte und wird es auch bleiben. Was allerdings geblieben ist, und das zeichnet die Fricktaler ebenfalls aus, ist das Wissen, wie man eine Trumpfkarte spielt, wie man taktiert, um zu dem zu kommen, was man will. Manchmal sticht sie, die Trumpfkarte Fricktal, manchmal auch nicht. C’est la vie.

Es ist erst gut 20 Jahre her, als man die «Karte Fricktal» noch einmal bespielte. «Es ging um die Berufsschule», erinnert sich Gerry Thönen, langjähriger Geschäftsführer von Fricktal Regio, und Aarau wollte nicht, wie es das Fricktal sich das vorstellte. Von Separation war da plötzlich wieder die Rede, vom Gang nach Basel. Die Stimmen waren so laut, dass sich Regierungsrat Peter Wertli bemüssigt fühlte, ins Fricktal zu pilgern, um den Fricktalern zu versichern: Wir brauchen euch.

Das Warten auf die Soldaten

Das Fricktal braucht, wenn man ehrlich ist, auch Aarau, denn dieses «Wir können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander»-Lied, dieses Kokettieren mit dem anderen Sein, dem Anderssein auch, ist gar nicht so leid. «Wir sind ja oft nicht unfroh, dass die Regierung jenseits des Juras sitzt», weiss Bühler, das gebe Freiheiten, die man schätze.

Und für Thönen, einen «überzeugten Fricktaler», ist klar: «Wir fahren als Hinterland des Aargaus besser, als wenn wir der Vorort von Basel wären.» Alt Nationalrat Peter Bircher spricht gar «von einem Idealpartner», den das Fricktal im Aargau gefunden habe.

Dass das Fricktal vom Rest des Kantons geografisch abgeschnitten ist, dass es ein Raum im Raum ist, eine Art Raumkontinuum, stärkt nicht nur «das Zusammengehörigkeitsgefühl» (Bühler), sondern auch die Mentalität und den Widerstandsgeist. 1830, als die Freiämter den Aufstand probten, gärte es auch im Fricktal. «Liberté, mer zahle nüt meh!», verkündete eine Tafel an einem Freiheitsbaum in Frick.

Als es darum ging, dass das Fricktal Soldaten nach Aarau senden sollte, um die Hauptstadt vor dem Ansturm der Freiämter zu bewahren, zogen viele gar nicht erst los, andere blieben auf dem Weg in einem Wirtshaus stecken, und einige wenige kamen ihrer vaterländischen Pflicht nach.

«Die Regierung zeigte sich später über die mangelnde Loyalität der Fricktaler, dieser verschweizerten Österreicher, sehr enttäuscht», schreibt Historiker Linus Hüsser in einem lesenswerten Artikel über die Fricktaler im jungen Kanton.

Nächster Halt: Staffelegg

Längst nicht immer setzten die Fricktaler ihren «Grind» durch. Beim Kampf um eine Mittelschule etwa. Oder beim Bahnverkehr. Viele Jahre lang weibelten die Fricktaler Ende des 19. Jahrhunderts für eine Staffelegg-Bahn, mit kürzerem, längerem oder gar ohne Tunnel, und notfalls hätte man auch eine Strassenbahn genommen.

Es blieb beim Versuch. Der einzige Zug, der je über die Staffelegg fuhr, war ein Fasnachtszug von Frick nach Aarau, ein Umzug, mit dem die Fricktaler, durchaus originell und selbstbewusst, im März 1900 gegen die Zurückstellung des Bahnprojektes demonstrierten.

Die Frage, ob denn das Fricktal wirklich zu kurz kommt, ist eine andere. Nein, findet Bühler und verweist auf den Finanzausgleich, bei dem das Fricktal summa summarum Nettobezügerin ist, oder auf den «Flirt», der im Fricktal – vor allen anderen Aargauer Regionen – mit den Bahnkunden flirtete.

Nein, finden auch Dinkel und Thönen. Letzterer hält nichts davon, «in den Benachteiligungskanon einzustimmen», das Fricktal fahre nicht schlechter als die anderen Regionen. Und ohnehin: «Jede Region fühlt sich doch immer irgendwie benachteiligt», meint Hüsser.

«Wir gehen in die Schweiz», sagten die Fricktaler noch um 1900, wenn sie Richtung Aarau aufbrachen. Heute kommt die Schweiz zu uns. Zumindest gefühlt.

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