Laufenburg

«Die Abhängigkeit ist immens bedrückend»: Ein Leben mit multipler Sklerose

Eine Betroffene spricht mit Myrta Zimmermann vom Besuchsdienst Laufenburg.

Eine Betroffene spricht mit Myrta Zimmermann vom Besuchsdienst Laufenburg.

10'000 Menschen in der Schweiz leiden an multipler Sklerose – im Alterszentrum Klostermatte sprach die 52-jährige Bernadette über ihre Krankheit.

Als Bernadette*, heute 52, mit Anfang 30 plötzlich Doppelbilder sah und ein eigenartiges Kribbeln am Rücken verspürte, meinte ihr damaliger Freund scherzhaft, sie solle es doch mal mit einer Brille versuchen. Der Gang zum Optiker wurde überflüssig, denn nach wenigen Tagen verschwanden diese Probleme komplett von alleine.

Nach zwei völlig beschwerdefreien Jahren zeigten sich aber Missempfindungen an den Fusssohlen und es fiel erstmalig beim Arzt der Verdacht, es könnte multiple Sklerose (MS) sein. Bei MS handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, bei der vom eigenen Immunsystem die Nerven im Rückenmark und/oder im Gehirn angegriffen und irreparabel geschädigt werden.

Auf den Rollstuhl angewiesen

Am Vortragsabend im Alterszentrum Klostermatte in Laufenburg sprachen die Präsidentin des Vereins «MS Träff Schweiz», Claudia Pflugi, sowie die Vorstandsmitglieder Erhard Bauhofer, Luzia Vogel und Regula Zehnder, alle selbst Betroffene, zum Thema MS.

Nach dem Arztbesuch verdrängte Bernadette das Problem, zumal all ihre Freizeitaktivitäten und ihr hundertprozentiges Engagement im Beruf als kaufmännische Angestellte nach wie vor ohne Abstriche möglich waren. Doch zwei Jahre später kamen die Beschwerden mit voller Wucht. Das rechte Bein konnte sie nicht mehr koordiniert bewegen, zog es beim Laufen nach.

Die Behandlung mit Cortison half zwar, doch die beschwerdefreien Phasen wurden kürzer, die gesundheitlichen Probleme trotz diverser Medikamente und anderer Therapien immer grösser.
Mit 41 Jahren konnte Bernadette nicht mehr alleine laufen, war auf den Rollstuhl angewiesen. Viele Hilfsmittel und Unterstützung durch Freund, Spitex und Angestellte erleichtern ihr den Alltag. Manches geht alleine, wie zum Beispiel Essen vorzubereiten, doch, so betont sie, von Lebensqualität könne für sie in dieser Situation keine Rede mehr sein. «Die zunehmende Abhängigkeit ist immens bedrückend.»

Besonders betroffen war sie, als sie durch Zufall vor einigen Monaten erfuhr, dass MS etwa in Schweden und Russland mit Stammzellentherapie behandelt wird. Eine umstrittene, extrem teure Behandlung, die komplett von den Patienten selbst bezahlt werden muss. Und ebenso umstritten sind auch die Erfolge. In der Schweiz ist sie derzeit nicht zugelassen.

Vorwurf an die Ärzte

Doch, so meint Bernadette, hätte sie von ihren Ärzten davon erfahren, als sie noch laufen konnte, sie hätte sich sofort dazu entschlossen. Nun sei es zu spät, resümiert sie bitter, denn die zwischenzeitlich zerstörten Nervenzellen sind nicht mehr reparierbar. Warum, findet sie, werden den Betroffenen nicht «alle Therapiemöglichkeiten – auch mit den eventuellen Gefahren – von den behandelnden Ärzten aufgezeigt und ausführlich besprochen?»

*Name geändert

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