Region Fricktal

Deutschkurse, Gesprächsrunden und vieles mehr: Grosses Engagement für Asylsuchende

Die Angebotspalette ist breit und reicht von Deutschkursen über Gesprächsrunden und Treffpunkte bis hin zum Gärtnern, Singen und zu Sportangeboten. (Archivbild)

Sie sind da, um zu helfen: Im Fricktal engagieren sich mehrere hundert Personen ehrenamtlich für Asylsuchende. Bei der Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit von «mit.dabei Fricktal» sind allein 34 Angebote für Asylsuchende und Flüchtlinge gelistet, die wöchentlich stattfinden.

Die Palette ist dabei breit und reicht von Deutschkursen über Gesprächsrunden und Treffpunkte bis hin zum Gärtnern, Singen und zu Sportangeboten.

Den Hauptharst machen Sprachkurse aus, denn Deutsch zu verstehen, ist für alle, die bleiben können, der Schlüssel zur Integration. In Obermumpf beispielsweise findet jeden Mittwoch ein Deutschkurs statt. Der Kurs werde sehr gut genutzt, sagt Franz Stocker von der Freiwilligenarbeit Obermumpf.

Da einige Asylsuchende, die bislang dabei waren, kürzlich ihren Asylentscheid bekommen haben, waren gestern bei Stocker nur zwei Asylsuchende im Kurs. Das wird sich aber schon nach Weihnachten wieder ändern. Denn vor gut zwei Wochen ist eine sechsköpfige Familie – Grosseltern, Eltern und zwei schulpflichtige Kinder – in der Asylunterkunft im Dorf eingezogen. Sie haben bereits Interesse am Kurs angemeldet.

Stocker und seinen Mitstreitern bei der Freiwilligenarbeit Obermumpf geht es aber um mehr, als den Asylsuchenden die Sprache zu lehren. «Unsere Hauptaufgabe ist es, die Flüchtlinge im Alltag in der Schweiz zu begleiten», sagt er. Das fängt bei Briefen an, welche die Freiwilligen für die Asylsuchenden schreiben, und hört beim Begleiten zu den Behörden auf.

Ein weiterer Aspekt, den Stocker für zentral hält, ist eine möglichst gute Integration im Dorf. Dazu helfen die Asylsuchenden jeweils am Dienstag beim Mittagstisch. Im Gegenzug können sie kostenlos essen. Viel wichtiger noch: «Asylsuchende und Einheimische lernen sich so kennen. Das baut Hürden ab.»

Anrecht auf eine Chance

Stocker zieht denn auch eine positive Bilanz zum Einsatz der Gruppierung. Er wird im Dorf manchmal gefragt, ob er mit den Asylsuchenden auch Negatives erlebe. Seine Antwort lautet dann kurz und bündig: Nein.

Die Antwort auf die Frage, weshalb er sich für Asylsuchende engagiere, muss sich Stocker nicht lange überlegen. «Ich bin pensioniert», fängt er an. «Ich will und kann nicht einfach so zusehen, wie Leute unter uns leben, die nichts haben.» Die Menschen hätten Anrecht auf eine Chance, auf Hilfe – gerade auch die Kinder.

Für sie sei es nicht einfach, zu sehen und zu verstehen, dass die anderen Kinder im Dorf alles haben und sie nichts. Und so organisieren er und die anderen Teammitglieder das, was es gerade braucht. Möbel, Vorhänge, Geschirr oder ein Velo. Stocker lacht. «Die Velos zu flicken, gehört dann ebenfalls zu meinem Aufgabenfeld.» Etwas nachdenklich fügt er hinzu: «Man sieht durch das Engagement aber auch, was im Staat nicht so gut läuft.»

Art der Unterstützung individuell

Hier den Finger darauf zu legen, sich für die Rechte der Asylsuchenden einzusetzen, treibt auch Rudi Neumaier und das Netzwerk Asyl Rheinfelden an. Er erzählt von einer Frau, die durch die Ereignisse auf der Flucht traumatisiert in der Schweiz ankam und deren Schicksal durch die Maschen der Behörden zu fallen drohte. «Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, sodass die Frau eine psychologische Begleitung bekam.»

Welche Art Unterstützung die einzelnen Asylsuchenden benötigen, ist individuell. Die einen brauchen Hilfe bei den Behörden, andere Nachhilfe in Mathematik oder Informatik für ein Praktikum. Er selber bietet jede Woche einen Kurs «Mathematik» in Rheinfelden an.

Für zentral hält er, wie Stocker, die Begleitung im Alltag. «Wissen Sie», sagt er dann, «ich selber kam vor gut 25 Jahren aus Deutschland in die Schweiz. Und ich war heilfroh, dass mir meine Frau die schweizspezifischen Gepflogenheiten erklären konnte.» Wenn er schon Zeit gebraucht habe, diese Besonderheiten zu verstehen – «wie viel schwerer fällt es dann einem Menschen, der aus einem ganz anderen Kulturkreis kommt.»

Weshalb er sich engagiere, wiederholt er die Frage, verstummt kurz am Telefon. «Als ich 1992 in die Schweiz kam, hat ein Arbeitskollege zu mir gesagt: ‹Rudi, du bist erste Klasse – aber du bist Ausländer›.» Kürzlich habe eine Asylsuchende zu ihm gesagt: «Ich bin hier ein Mensch dritter Klasse.»

Dagegen anzutreten, das haben sich Neumaier, Stocker und die vielen anderen ehrenamtlichen Helfer zum Ziel gesetzt. Unterstützt werden die einzelnen Gruppierungen dabei von «mit.dabei Fricktal». Die Stelle koordiniert nicht nur die Kursangebote, sondern bietet im Internet auch eine Plattform, um beispielsweise Möbel zu vermitteln. Aktuell stellen hier Einwohner aus dem Fricktal Tische, Schränke, Sofas, Betten und Geschirr kostenlos zur Verfügung.

Ein wichtiges Projekt ist das «Fahrkostenstipendium Fricktal». Denn im Fricktal gibt es zwar in vielen Gemeinden Gratis-Sprachkurse, doch die Orte sind für die Asylsuchenden oft nur mit Bus oder Zug erreichbar. Damit diese Kosten nicht der Grund sind, weshalb Asylsuchende und Flüchtlinge keinen Deutschkurs besuchen können, werden mit dem Projekt Personen unterstützt, die in einer Asylunterkunft im Fricktal wohnen und Sozialhilfe nach Asylansätzen oder Nothilfe – also nicht mehr als neun Franken pro Tag – beziehen.

Sie erhalten 50 Prozent der Kosten des TNW-Umweltabonnements – unter zwei Bedingungen: Erstens müssen sie mindestens zwei Sprachkurse besuchen und zweitens muss einer davon ausserhalb der Wohngemeinde liegen.

Teilnehmer nahezu verdoppelt

Das Projekt, das über den Swisslos-Fonds finanziert wird, «ist ein Erfolg», sagt Neumaier. Die Zahl der Teilnehmer an den Deutschkursen hat sich in Rheinfelden dadurch «nahezu verdoppelt». Aktuell besuchen rund 50 Personen einen der Kurse. Netzwerk Asyl Rheinfelden kann dabei auf gut 20 Freiwillige zählen; 12 davon geben Unterricht. «Wir sind auf einem guten Weg», bilanziert Neumaier.

Er ist vor allem auch froh, dass der Bund die Integrationsgelder erhöht hat. «Das ist wichtig, um den Asylsuchenden, die bleiben können, eine Zukunft zu eröffnen.» Deutsch ist dafür eine Grundvoraussetzung. Dennoch: Das Unterfangen, die Flüchtlinge zu integrieren, ist auch dann nicht einfach. Das zeigt auch ein Blick in die Statistik; nur rund 30 Prozent der Flüchtlinge finden einen Job.

Dem Engagement der freiwilligen Helfer tut dies keinen Abbruch. Es ist ein Dienst an und in der Gemeinschaft, den sie leisten. Als Dankeschön bekommen sie das wohl Wertvollste zurück: ein dankbares Lächeln.

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